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StartseiteTag für TagFür ein würdevolles Leben10.03.2015

Abtreibung in ChileFür ein würdevolles Leben

Wer in Chile abtreibt, macht sich strafbar. Die sozialistische Präsidentin, Michelle Bachelet, will ein Jahr nach Amtsantritt ein Wahlversprechen einlösen. Sie hat eine Gesetzesinitiative gestartet, um Abtreibungen in dem streng katholischen Land zu legalisieren. Doch die Abtreibungsfrage spaltet das Land.

Von Anna Marie Goretzki

Frauen und Männer halten vor dem La Moneda Presidential Palace in Santiago Plakate hoch. Sie demonstrieren für ein freie, legale, sichere und selbstbestimmte Abtreibung in Chile. (AFP / Martin Bernetti )
"Frei, legal, sicher und kostenlos". Frauen und Männer demonstrieren in Chile für eine Legalisierung der Abtreibung in besonderen Fällen. (AFP / Martin Bernetti )
Weiterführende Information

Die Abtreibung und die Grenzen der Politik
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 01.08.2013)

Katholikentag - Streit um Donum Vitae
(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 29.05.2014)

Neues Abtreibungsgesetz entzweit Irland
(Deutschlandfunk, Europa heute, 15.07.2013)

Chile - Sozialistin Bachelet gewinnt Präsidentenwahl
(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.12.2013)

"2011 bin ich schwanger geworden. Ich war ungefähr 26, 27 Jahre alt. Als Frau darfst du keine Schwangerschaft abbrechen. Und wenn du es tust, dann droht dir Gefängnis." Daniela hat dennoch ihre Schwangerschaft beendet. Das war vor rund vier Jahren. Sie könnte dafür belangt werden. Daniela möchte daher unerkannt bleiben. Erst nach fünf Jahren ist in Chile eine Abtreibung juristisch verjährt. "Nach meinem ethischen Verständnis habe ich das Recht, bis maximal zur 12. oder 13. Schwangerschaftswoche – das sagen auch die internationalen Standards – zu entscheiden, was ich mit meinem Körper mache. Ich bin doch nicht dazu verpflichtet, Mutter zu sein."

Daniela nahm in der vierten Schwangerschaftswoche Kontakt zur niederländischen Nichtregierungsorganisation "Women on Waves" auf. Die Organisation unterstützt Frauen in Ländern mit restriktiven Abtreibungsgesetzen bei Schwangerschaftsabbrüchen. Per Post kamen wenig später zwei Medikamente in ihrer Wohnung in Santiago de Chile an: Mifepriston und Misoprostol. Damit beendete Daniela die Schwangerschaft.

Gesetzesvorschlag: Drei Ausnahmen vom Abtreibungsverbot

Was die 31-Jährige heute wie damals als ihr gutes Recht ansieht, wird in Chile heftig diskutiert. Der Andenstaat zählt zu jenen sieben Ländern weltweit, in denen Schwangerschaftsabbrüche generell verboten sind. Das will die sozialistische Präsidentin, Michelle Bachelet, ändern. Im Januar reichte sie im Parlament einen entsprechenden Gesetzesvorschlag ein. Abtreibungen sollen in drei Fällen straffrei sein: wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist, wenn der Embryo lebensgefährlich geschädigt ist, oder wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist.

Der Vorschlag hat in Chile viel Staub aufgewirbelt. Der Weihbischof des Erzbistums von Santiago de Chile, Fernando Ramos, ist alarmiert angesichts der Aussicht, das Abtreibungsverbot könnte gelockert werden: "Wir sehen den Vorschlag, Abtreibungen in einzelnen Fällen zu erlauben, mit einiger Besorgnis, weil es in der Praxis einen Rückschritt für unsere Gesellschaft, für unsere Kultur, bedeuten würde. Wir würden eine Form von Diskriminierung etablieren: Wer darf leben? Und wer nicht? Das besorgt uns. Sehr."

Diskussionen über Menschenwürde und Menschenrechte

Fernando Ramos begründet diese Besorgnis mit der jüngeren Geschichte Chiles. Genauer: mit der Menschenverachtung in der Zeit der Militärdiktatur, die 1990 ein Ende fand. "Aufgrund der teils traumatischen Erfahrungen, die wir in diesem Land gemacht haben, stellt für uns die Achtung der Menschenwürde, eines jeden menschlichen Wesens, den Grundpfeiler für das Funktionieren unserer Gesellschaft dar."

Lidia Casas ist Expertin für Frauenrechtsfragen an der Universität Diego Portales. Die Wissenschaftlerin veröffentlicht regelmäßig zur Abtreibungsfrage in Chile. Sie sieht, im Gegensatz zu Fernando Ramos, gerade darin die Menschenrechte verletzt, dass Frauen, die unfreiwillig schwanger geworden sind, nicht frei entscheiden können: "Ich glaube, dass das restriktive Abtreibungsverbot in Chile eine klare Verletzung der Menschenrechte von Frauen darstellt. Ihnen eine Schwangerschaft aufzuzwingen, die aus einer Vergewaltigung resultiert, ist eine Form der Folter. Mit anderen Worten: Die Frau wurde bereits verletzt und der Staat wiederholt und verstärkt diese Aggression, indem er der Frau verbietet, die Schwangerschaft zu beenden."

Aber: Frauen fanden und finden in Chile immer Wege, ungewollte Schwangerschaften abzubrechen. Schätzungen gehen davon aus, dass in Chile jährlich zwischen 70.000 und 160.000 Mal illegal abgetrieben wird. Lidia Casas kritisiert die Umstände, unter denen sozial benachteiligte Frauen abtreiben. Jene Frauen, die sich zu Abtreibungen unter prekären Bedingungen genötigt sehen, weil sie kein Geld haben. Lidia Casas geht die Initiative der chilenischen Präsidentin daher nicht weit genug: "Das wird die heimlichen Schwangerschaftsabbrüche in Chile nicht beenden. Aber es sind die ethischen Mindeststandards, die eine Gesellschaft ihren Frauen zugestehen sollte. Keine Frau sollte das Kind bekommen müssen, dass bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde. Keine Frau. Wenn sie es nicht haben möchte."

Anti-Abtreibungs-Kampagne 

"Die Vergewaltigung ist nach der Abtreibung der schlimmste Angriff auf Frauen. Aber bei diesem Verbrechen ist der Kriminelle der Vergewaltiger, nicht das Kind. Das Kind ist unschuldig, es ist das zweite Opfer dieses Verbrechens. Eine Abtreibung kann das Trauma der Vergewaltigung nicht ungeschehen machen. Im Gegenteil. Die Abtreibung fügt diesem Trauma noch ein weiteres Trauma hinzu. Und das unschuldige Kind wird getötet." Religiöse Wertvorstellungen seien nicht die Motivation für ihr Handeln, sagt Rosana Landaluce, sondern ihre Einsicht, dass Abtreibungen ein Akt äußerster Brutalität seien. Sie arbeitet für die Anti-Abtreibungs-Kampagne "InformAborto", die mit Kleintransportern durch chilenische Städte tourt und großformatige Plakate mit drastischen Bildern von abgetriebenen Embryonen und Föten zeigt. Die Spanierin ist vor mehr als 20 Jahren nach Chile gezogen. Sie ist froh, in einem der letzten Länder der Welt zu leben, das Abtreibung radikal verbietet. Jetzt kämpft sie dafür, dass das so bleibt.

Landaluce: "Niemand weiß wirklich, was eine Abtreibung bedeutet. Wir zeigen mit unseren drastischen Darstellungen die Wahrheit über Schwangerschaftsabbrüche. Wir klären über die unterschiedlichen Formen und Wege auf, die verschiedenen Phasen der Schwangerschaft, in denen abgetrieben wird: wenn ein Kind in der zwölften Schwangerschaftswoche abgetrieben wird, dann lutscht es schon am Daumen, es bewegt sich, gähnt und reagiert auf Reize von außen."

Nicht gegen das Leben, sondern für ein würdevolles Leben

Daniela hat ihre Entscheidung, abzutreiben, nie bereut. Sie beteuert, in Sachen Verhütung verantwortlich gehandelt zu haben. Auch die Entscheidung, abzutreiben, habe sie sich nicht leicht gemacht. "All jene, die zurzeit über uns sprechen, über uns, die wir für das Recht auf Abtreibung sind, sie sollten verstehen, dass wir nicht gegen das Leben sind. Im Gegenteil: Wir sind für ein würdevolles Leben. Aber wir Frauen sind nicht einfach nur Körper. Wir sind nicht einfach nur die Gebärmutter."

Chile bleibt angesichts dieses sensiblen Themas gespalten. Vermutlich auch unabhängig davon, was das Gesetz künftig erlaubt oder nicht.

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