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StartseiteTag für Tag"Das ist wie Euthanasie"12.07.2017

Abtreibungsdebatte in Russland"Das ist wie Euthanasie"

Abtreibungen waren in der Sowjetunion verbreitet wie in kaum einem anderen Land. Und heute? 2016 gab es 700.000 Abtreibungen - und rund zwei Millionen Geburten. Einige Politiker wollen die Gesetze verschärfen. Die russisch-orthodoxe Kirche geht weiter: Sie will ein komplettes Abtreibungsverbot.

Von Gesine Dornblüth

Im September 2016 sammeln sich Anti-Abtreibungs-Aktivisten for einer Abtreibungsklinik in Belgorod, Russland. (Bild: Anton Vergun / TASS / dpa) (dpa / TASS / Anton Vergun)
Proteste vor einer russischen einer Abtreibungsklinik (dpa / TASS / Anton Vergun)
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Eine Hochschule in einer Kleinstadt im Gebiet Perm, nahe dem Ural. Ein Kirchenchor tritt auf. Aktivisten sammeln Unterschriften gegen Abtreibungen. Ein Videomitschnitt der Veranstaltung im Frühjahr ist im Internet zu sehen.

"Für uns sind Abtreibungen Mord"

Ähnliche Aktionen laufen derzeit in vielen Regionen Russlands. Meist steht die Organisation "Pro Life" dahinter. Sie ist weltweit aktiv und fordert ein totales Abtreibungsverbot. In den russisch-orthodoxen Kirchen liegen ihre Unterschriftenlisten aus. Wachtang Kipschidse, Sprecher des Moskauer Patriarchats, erläutert:

"Alle Weltreligionen gehen davon aus, dass das ungeborene Leben heilig und unantastbar ist. Fast in allen traditionellen Religionen gilt ein neues Leben als Segen Gottes. Keine Kinder bekommen zu können, gilt dagegen als Fluch Gottes. Für uns sind Abtreibungen Mord."

Offiziell fordert die russisch-orthodoxe Kirche bisher zwar kein absolutes Abtreibungsverbot. Sie verlangt aber, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Leistungskatalog der Krankenversicherungen zu streichen. Frauen sollen den Eingriff demnach selbst bezahlen. Ob eine Frau vergewaltigt und schwanger wurde, ob sie sich in einer sozialen Notlage befindet, spiele für die Kirche keine Rolle, erläutert ihr Sprecher Wachtang Kipschidse. Mehr noch:

"Wenn eine Gefahr für das Leben der Mutter nachgewiesen ist und eine Frau deshalb abtreibt, dann soll der Priester ihr Mitgefühl und Barmherzigkeit zuteilwerden lassen. Aber gutheißen kann die Kirche eine Abtreibung auch in diesem Fall nicht."

"Mein Körper ist meine Sache"

Russische Frauenrechtlerinnen laufen Sturm. Auch sie sammeln nun Unterschriften - dafür, dass es sie weiter gibt: die Abtreibungen auf Rezept. Frauen sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht, erläutert die Juristin und Frauenrechtlerin Aljona Popowa. Auf Russisch heißt es: "Moe telo - moe delo", "Mein Körper ist meine Sache".

"Russland ist weltweit führend, was die Anzahl von Scheidungen betrifft, seit 13 Jahren. Eine Frau, die viele Kinder bekommen hat und sitzengelassen wird, muss das in der Regel alles selbst schultern."

Popowa verweist auf den niedrigen Lebensstandard in Russland.

"Mehr als 21 Millionen Bürger gelten als arm. Bevor man versucht, einer Frau eine Abtreibung auszureden, muss man doch dafür sorgen, dass sie weiß, dass ihr Kind einen guten Arzt haben wird, einen guten Kindergarten, eine gute Schule in der Nähe – kurz: Sie muss sicher sein, dass die Gesellschaft ihr in der Not hilft und zwar nicht nur mit Windeln in den ersten Wochen."

Russlands stellvertretende Premierministerin Olga Golodez, blonde Haare, dunkles Jackett, im Gespräch. (imago/stock&people/ITAR-TASS)Vizepremierministerin Olga Golodez möchte die Ursachen für hohe Abtreibungszahlen bekämpfen (imago/stock&people/ITAR-TASS)

In der Sowjetunion war es üblich, dass Frauen mitunter zehn, gar zwanzig Mal abtrieben. Bis heute ist die Akzeptanz von Abtreibungen in Russland vergleichsweise hoch. In Umfragen sprechen sich 70 Prozent der Befragten gegen die Initiative der Kirche aus, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Leistungskatalog der staatlichen Krankenversicherungen zu streichen. Auch in der Politik gibt es Gegenwehr. Vizepremierministerin Olga Golodez zum Beispiel plädiert dafür, lieber die Ursachen für die vielen Abtreibungen zu bekämpfen und die Lebenssituation von Müttern zu verbessern, statt Abtreibungen auf Rezept zu verbieten.

"Natürlich ist ein großes Plus für unsere Demographie, wenn die Zahl der Abtreibungen sinkt. Aber so eine Entscheidung muss gut begründet sein."

Russlands Gesundheitsministerin warnte, ein Verbot kostenloser Abtreibungen werde zu massenhaften illegalen Schwangerschaftsabbrüchen führen.Der stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses der Staatsduma argumentierte grundsätzlicher. Er sagte, es sei nicht Sache des Staates, was der Mensch mit seinem Körper mache.Doch in der Politik gibt es nicht nur lautstarke Abtreibungsbefürworter, sondern auch -gegner. Zum Beispiel den Duma-Abgeordneten Witali Milonow. Er beruft sich auf orthodoxe Werte. Frauen sagt er:

"Eine Abtreibung schadet nicht nur Eurer Gesundheit, Ihr tötet ein Kind. Das ist das gleiche wie Euthanasie."

Der russische Abgeordnete Witali Milonow im Februar 2017 (Bild: imago stock&people / interpress)  (imago stock&people)"Eine Abtreibung ist das gleiche wie Euthanasie", sagt Witali Milonow (imago stock&people)

Der Abgeordnete Milonow war bereits beteiligt, als die Duma Anfang des Jahres - mit Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche - häusliche Gewalt bagatellisierte. Wer Frau oder Kinder schlägt, kommt in Russland wieder mit Geldstrafen davon. Die Abtreibungsbefürworterinnen sind auf der Hut. Die Juristin Aljona Popowa:

"Wir wissen, wie unsere staatliche Propaganda arbeitet. Ein Gesetzesentwurf kann noch so schrecklich sein, er kommt trotzdem durch. Das war bei der Dekriminalisierung häuslicher Gewalt so - und wenn wir nicht aufpassen, dann wird die russisch-orthodoxe Kirche es auch schaffen, Abtreibungen auf Rezept zu verbieten."

"Abtreibungen werden als normal empfunden"

Ein komplettes Abtreibungsverbot immerhin scheint in Russland angesichts dieses Widerstands auf absehbare Zeit nicht durchsetzbar, räumt Kirchensprecher Wachtang Kipschidse ein:

"Wir können nicht von Grund auf die Haltung in der Gesellschaft ändern. Das sind Nachwirkungen der Sowjetunion: Abtreibungen werden als normal empfunden. Das kann man nicht in 10 oder 15 Jahren ändern."

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