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StartseiteInformationen am MorgenGefährliche Brühe 01.12.2017

Abwässer im NilGefährliche Brühe

Schmutzig, stinkend, voller Gifte und Erreger: Der Nil in Ägypten ist hochgradig verschmutzt. Abwässer werden oft ungefiltert eingeleitet. Dabei ist der Strom die Wasserquelle für mehr als 90 Millionen Menschen. Nun schlagen Umweltschützer und Bauern Alarm.

Von Anna Osius

Das Wasser des Nils in Ägypten ist hochgradig verschmutzt. (Deutschlandradio / Anna Osius)
Bis Assuan noch relativ sauber und klar, ab dann wird es flussaufwärts erst gelb, dann braun: Das Wasser des Nil (Deutschlandradio / Anna Osius)
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"Hast du nicht einmal vom Nil getrunken?", singt die ägyptische Star-Sängerin Shirin in einem ihrer bekanntesten Lieder. Doch kürzlich der Skandal: Als sie bei einem Konzert aufgefordert wird, das Lied anzustimmen, sagt sie: "Trinkt lieber nicht vom Nil, sonst bekommt ihr Bilharziose, trinkt lieber Mineralwasser."

Bilharziose ist eine Wurm-Infektionskrankheit, deren Erreger im warmen Süßwasser lauern, zum Beispiel in den Seitenkanälen des Nils. Was als Scherz gemeint war, hat in Ägypten für Shirin dramatische Folgen: Sie wird als Sängerin suspendiert, die Sender spielen ihre Lieder nicht mehr, gegen sie läuft ein Gerichtsverfahren. Alles, weil sie den Nil – den Nationalstolz der Ägypter, als krankheitsbringend dargestellt hat. Doch genau das ist das Problem: Die Lebensader Ägyptens sei verseucht, sagen Experten.

Am Fluss stinkt es nach Chemie

Große Röhren enden im Norden Assuans am Nilufer, Abwasser strömt in den Fluss. Beißender Gestank schlägt einem entgegen, raubt den Atem. Jahrelang leitete hier die Düngermittelfabrik Kima ihre Abwässer in den Nil. Heute komme das Abwasser in eine Wiederaufbereitungsanlage, betont Kima. Doch Fakt ist: Am Nil stinkt es nach Chemie.

"Das Nilwasser ist bis Assuan relativ sauber, man sieht, wie schön klar und blau es ist. Aber schau dir den Nil ab Assuan an, nach der Düngerfabrik Kima".

Ahmed Zaki Abu Kenez leitet eine Umweltorganisation zum Schutz des Nils.

"Und dann die weiteren Fabriken, Zuckerfabriken, Papierfabriken, die Phosphatfabrik, Ölfabrik und die Mühlen. Alle Mühlen leiten ihre Abwässer in den Nil. Und viele Anwohner lassen auch ihre Abwässer in den Nil. So verändert sich die Nilfarbe, von blau zu gelb und dann wenn er ins Meer mündet, ist er braun oder gar schwarz."

Die ägyptische Regierung weist diese Vorwürfe zurück. Für ein Interview mit der ARD standen weder der ägyptische Umweltminister noch der Wasserminister zur Verfügung, trotz mehrfacher Nachfrage. Doch laut einem Bericht der Zeitung "Youm Saba" betonte Umweltminister Khaled Fahmy vor dem parlamentarischen Ausschuss für Energie und Umwelt, die Qualität des Nilwassers sei im Rahmen des Erlaubten. Die Schadstoffbelastung des Abwassers einiger Fabriken sei deutlich reduziert worden, weitere Maßnahmen würden folgen. Auch Gamal Ismail, Vize-Chef der Düngerfabrik Kima weist jede Schuld von sich.

"Bei uns in der Fabrik kommt das sanitäre und industrielle Abwasser in Wasseraufbereitungsanlagen. Mit Abwasser-Einleitungen in den Nil haben wir nichts zu tun. Kima ist völlig unschuldig. Wir können die Leute beruhigen und ihnen sagen, dass das Wasser, das in den Nil einfließt, kein schmutziges Wasser ist."

Wasser muss aufwändig geklärt werden

Umweltschützer Ahmed Zaki überzeugt das alles nicht.

"Es wird gesagt, dass die Fabrik Umweltmaßnahmen ergriffen hat, das mag sein. Aber es stinkt an der Einleitungsstelle, man kann den Geruch fast nicht ertragen. Es muss untersucht werden, woher dieser Gestank kommt, wer sonst dort Abwasser einleitet. Hat jemals eine neutrale Stelle das Wasser dort analysiert? Wir appellieren an den Minister, dass wir eine dauerhafte Überwachung brauchen und dass man uns in die Wasseranalyse mit einbezieht."

Dr. Hammou Laamrani, Experte der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ in Ägypten. (Deutschlandradio / Anna Osius)Hammou Laamrani (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) beschäftigt sich mit der Qualität des Nilwassers (Deutschlandradio / Anna Osius)

Denn der Nil ist die nahezu einzige Wasserquelle für mehr als 90 Millionen Ägypter. Bevor die Menschen zuhause den Kran aufdrehen und mit dem Nilwasser Tee kochen und Zähne putzen, muss das Wasser aufwendig geklärt werden, sagt Hammou Laamrani, Experte der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ.

"Die Verschlechterung der Wasserqualität ist ein großes Thema in Ägypten. Gesetze werden oft nicht umgesetzt, viele Fabriken leiten nach wie vor ihre Abwässer ungefiltert in den Fluss. In manchen Gebieten sind die Kosten, um das Nilwasser als Trinkwasser aufzubereiten, vergleichbar mit den Kosten einer Meerwasser-Entsalzung - aufgrund der Verschmutzung."

Und der Großteil des Nil-Wassers wird nicht für die Haushalte geklärt, sondern endet in der Landwirtschaft, vor allem im Nildelta, der Kornkammer Ägyptens. Ein fein verzweigtes Kanalsystem verbindet die Felder der Bauern mit dem Fluss. Jedoch: Die Qualität des Wassers ist fragwürdig und verschlechtert sich noch einmal, weil das Wasser in den Kanälen und Seen steht und dort durch Haushaltsabwässer, ausgespülten Dünger und Pestizide zusätzlich verseucht wird. Nilwasser in Ägypten wird mehrfach verwendet - und die, die am Ende der Brauchwasser-Kette stehen, haben ein Problem. 

Die Pflanzen auf den Feldern sterben

Bauer Mansour zeigt seine Felder. Dattelpalmen und Mangos wachsen auf sandigem Boden, dazwischen ein paar Tomaten. Doch die Pflanzen sterben ihm weg, sagt Mansour und zeigt auf tote Palmen und kümmerliches Grünzeug. Die Gründe sieht er im Wasser.

"Der Kanal, der das Wasser zu uns bringt, ist voller Haushaltsabwässer. Die Leute lassen ihr Abwasser rein. Das Wasser, mit dem ich meine Felder bewässere, riecht nach Waschmittel und Fäkalien. Nach der Bewässerung muss ich schnell ins Bad gehen und mich richtig waschen, sonst bekomme ich Hautkrankheiten."

Der ägyptische Landwirt Mansour und seine Frau Kahmisa sind besorgt über die schlechte Wasserqualität des Nil. (Deutschlandradio / Anna Osius)Hat ein Problem mit der Bewässerung seiner Felder: Der ägyptische Bauer Manour und seine Frau Khamisa (Deutschlandradio / Anna Osius)

Bauer Mansour bekommt das Wasser aus einem See bei Alexandria, auf der einen Seite liegen die Nilkanäle, auf der anderen Seite das Mittelmeer. Der See ist hochgradig verseucht, bestätigt auch eine Studie der Kairo Universität. Die Nitratbelastung lag 2010 teilweise beim zwanzigfachen über dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation  - auch, weil die Nil-Abwässer und Düngerrückstände der Felder in den See gespült werden. Es gab Massenfischsterben und Lebererkrankungen der Anwohner. Und mit diesem Wasser bewässert Mansour seine Felder.

"Wenn du einen Fisch isst, stirbst du"

"Wir haben Proben genommen und sind zu den Behörden gegangen. Aber es wird nichts dauerhaft getan. Wenn ich die Wasserpumpe da drüben in Betrieb nehme und sie pumpt das Wasser hierher, dann kannst du vom Gestank hier nicht mehr stehen."

Und seine Frau Khamisa ergänzt: "Es ist das Abwasser. Wenn du einen Fisch aus dem See isst, dann stirbst du."

Die Mangos und Datteln verkaufen die Bauern - auch an Großhändler, die das Obst in die Supermärkte liefern. Früchte, die möglicherweise kontaminiert sind. Hammou Laamrani von der GIZ:

"Das Nilwasser ist nicht nur schmutzig, es ist gesundheitsschädlich. Wenn es nicht behandelt wird, ist es gefährlich. Es gibt Beispiele, dass Pflanzen wirklich hochgradig belastet, giftig waren - Pflanzen als Futtermittel und Pflanzen, die wir essen. Das ist das Ergebnis der vielen Gifte im Wasser."

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