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StartseiteForschung aktuellAcetaldehyd, ein wahres Krebsgift13.04.2011

Acetaldehyd, ein wahres Krebsgift

Mraseks Molekül-Mosaik

Kommt in Orangen und anderen Früchten vor, ist aber gesundheitsschädlich? Hat eine Zulassung als Aromastoff in Lebensmitteln, gilt jedoch als krebserregend? Wird selbst in höheren Konzentrationen, mit denen es manchen Alkoholika vorkommt, nicht beanstandet? Wäre doch paradox, wenn es so etwas gäbe. Und doch ist es so. Die Beschreibung passt ganz genau auf Acetaldehyd.

Von Volker Mrasek

Farbtest auf Acetaldehyd in Alkoholproben (Tobias Stengel)
Farbtest auf Acetaldehyd in Alkoholproben (Tobias Stengel)

"Acetaldehyd ist ein relativ einfaches, kleines, chemisches Molekül", " sagt Dirk Lachenmeier, aber auch eines, das große Sorgen bereitet, so Matthias Beuse: " "Acetaldehyd wurde klassifiziert von der Weltgesundheitsorganisation, als krebserregend."

Klingt erst einmal paradox! Denn das Krebsgift kommt ganz natürlich in unserem Körper vor. Nur, betont Dieter Schrenk, "sind die Mengen, die da im Kohlenhydrat-Stoffwechsel auftreten, sehr, sehr gering." Doch viele von uns schrauben ihren Acetaldehyd-Level künstlich hoch. Acetaldehyd ist nämlich das Abbauprodukt von Ethanol, also von Trinkalkohol.

Wer sich viel in Bars oder Pubs rumtreibt und vor allem Hochprozentiges genehmigt, ruiniert nicht nur seine Leber. Er riskiert auch, an Rachen- und Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Unsere Mundhöhle beherbergt eine reiche Mikroflora, und schon die macht aus dem Alkohol Acetaldehyd.

"Offensichtlich sind die Bakterien in der Lage, solche Metabolismus-Schritte in null Komma nichts durchzuführen." Dieter Schrenk, Professor für Lebensmittelchemie und Toxikologie an der TU Kaiserslautern.

Auch alkoholische Getränke hat die Weltgesundheitsorganisation als krebserregend eingestuft. Doch vielleicht liegt das gar nicht am Ethanol selbst:

"Immer mehr Toxikologen gehen davon aus, dass es der Acetaldehyd ist."

Der kann sogar schon in der Flasche in hohen Konzentrationen vorhanden sein. Das kam zum Beispiel heraus bei Analysen am Chemischen Untersuchungsamt in Karlsruhe. Der Leiter des Alkohol-Labors dort heißt Dirk Lachenmeier:

"Die höchsten Gehalte hatte die Gruppe der Likörweine, also beispielsweise Sherry oder Portwein."

Das Krebsgift Acetaldehyd formt sich bei ihnen zwangsläufig, sein fruchtiges Aroma wird bei Süßweinen sogar geschätzt:

"Die werden ja fassgelagert unter dem Einfluss von Sauerstoff. Und dabei entsteht dann eben während der Lagerung noch Acetaldehyd."

Umzug in ein anderes Labor. In das der Biohit GmbH im hessischen Rosbach. Der Hersteller von Medizinprodukten hat jetzt sogar ein Medikament gegen Acetaldehyd auf den Markt gebracht. Es soll erhöhte Konzentrationen des Krebsgiftes im Magen verhindern. Matthias Beuse, Geschäftsführer der Firma und Chemiker, empfiehlt die Kapseln Menschen mit eingeschränkter Magensäure-Produktion. Es sei so, dass

"die Bakterien im Mund heruntergeschluckt werden. Und wenn man also zu wenig Magensäure produziert, dann überleben diese Bakterien und können aus Alkohol, aber auch aus Zucker, entsprechend viel Acetaldehyd produzieren."

Zu allem Überfluss ist das Krebsgift noch immer als Aromastoff in Lebensmitteln zugelassen:

"Es gibt Fruchtsäfte, Joghurtsorten. Es gibt andere Nahrungsmittel, bei denen dieser Aromastoff eingesetzt wird, um ein fruchtiges Aroma zu generieren."

Eine fragwürdige Praxis!

Allerdings sind die Konzentrationen hier bei Weitem nicht so hoch wie etwa in Likörweinen oder Obstbränden. Wenn wir also möglichst wenig Kontakt mit Acetaldehyd haben möchten, dann sollten wir an der Bar lieber alkoholfreie Drinks ordern.

Links zum Thema

Acetaldehyd in der menschlichen Ernährung: Ein unterschätzter Krebsrisikofaktor (Dirk Lachenmeier e.a.)
(Deutsch)
Carcinogenicity of acetaldehyde in alcoholic beverages: risk assessment outside ethanol metabolism (D. Lachenmeier e.a.)
Gesundheitliche Bewertung von Acetaldehyd in alkoholischen Getränken
Aktualisierte Stellungnahme Nr. 022/2010 des BfR vom 04. Mai 2010

Weitere Beiträge der Reihe: Molekül der Woche <br>Deutschlandfunk-Reihe zum UN-Jahr der Chemie 2011

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