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StartseiteBüchermarktAdam und die Astrophysik04.01.2008

Adam und die Astrophysik

Der erste Roman des Mathematikers Aner Shalev wird zum Bestseller

Schreiben und damit in Konkurrenz treten zu seiner Schwester Zeruya, das hatte Aner Shalev eigentlich nie vor. Doch nun ist der erste Roman des Mathematikers erschienen. "Dunkle Materie" stand in Israel monatelang auf der Beststellerliste, ein Roman über das Wesen der Liebe und das archetypische Verhältnis von Mann und Frau.

Von Sigrid Brinkmann

Astrophysik und biblische Geschichte verbinden sich in dem Roman "Dunkle Materie". (MPA)
Astrophysik und biblische Geschichte verbinden sich in dem Roman "Dunkle Materie". (MPA)

Mit dem Begriff "Dunkle Materie" bezeichnen Astrophysiker die unsichtbare Masse im Universum. Kugelstern- und Galaxienhaufen legen ihre Existenz nahe, doch bleibt sie eine unentschlüsselte Größe. Die Gesetze der Gravitation bestimmen die Interaktion der dunklen mit der sichtbaren Materie, aber - so Aner Shalev - "das Geheimnis ist die Routine im Universum".

"”Mich interessierte die ’dunkle Energie’. Sie wirkt der Schwerkraft entgegen. In jüngster Zeit haben Astrophysiker die verblüffende Entdeckung gemacht, dass eine Kraft existiert, die Sterne und Galaxien auseinander treibt. Offenbar ist sie viel stärker als die klassische Anziehungskraft.""

Aner Shalev lässt in seinem Roman "Dunkle Materie" ein Liebespaar gemäß den Gesetzen der Schwerkraft rotieren. Wie ein Magnet zieht Eva Adam an. Der kann seinen Wagen nicht mehr richtig lenken und streift die joggende Eva.

In der Notaufnahme bat der Arzt sie, ihre Hose und das T-Shirt auszuziehen, er ging davon aus, dass sie ein Paar waren, und wie schnell hatte sie mitgespielt, mit äußerster Selbstverständlichkeit, sie zog T-Shirt und Hose aus und reichte sie ihm, routiniert wie bei Eheleuten, fast gleichgültig, und bat ihn sogar, ihr mit dem BH zu helfen, dann legte sie sich auf das schmale Behandlungsbett.

Und Adam prägte sich die Details der üppigen Nacktheit Evas ein. Als sie das Krankenhaus verließen, waren sie fast schon ein Liebespaar.

"”Ja, Adam und Eva, denen nähere ich mich ironisch, ebenso wie der biblischen Legende von der Erschaffung der Erde und der jüdischen Vorstellung, dass sie erst fünf- oder sechstausend Jahre alt sei. Es taucht sogar eine blaue Schlange auf in meinem Roman. Eva träumt von ihr. Ich erzähle von Liebe und Betrug, von himmlischem Glück und der Vertreibung aus dem Paradies. Da mich die moderne Astrophysik über die Maßen fasziniert, habe ich versucht, die sehr alte Schöpfungslegende mit neuen wissenschaftlichen Theorien zu verbinden.""

Aner Shalevs Roman besticht auch durch seine klare Komposition. Handlungsorte sind New York und Jerusalem. Die an einem Straßengraben der Heiligen Stadt beginnende, transatlantische Liebesgeschichte erschließt sich dem Leser aus getrennten Perspektiven, aus Momentaufnahmen, Rückblicken und Briefen. Adam: ein israelischer Diplomat, verheiratet und kinderlos, war auf Heimaturlaub, als er Eva verletzte.

Shalev erzählt, mit welchen Hoffnungen und Phantasien Adam seine Eva in einem heimlich gemieteten Hotelzimmer in Manhattan erwartet. Sein Held entpuppt sich dabei als narzisstischer Erotomane. Wir erleben, wie das Paar einander mit Projektionen knechtet und binnen zwei Tagen in eine tödliche Sackgasse gerät. Ein jeder entflieht dem stickigen Liebesnest urplötzlich und kehrt doch stets zurück.

Eva ist zwanzig Jahre jünger als Adam. Sie promoviert im Fach Physik und sucht nach Antworten auf die Frage, ob das Universum bis in alle Ewigkeit expandieren will. Ihr Profil zeichnet Aner Shalev in einem zweiten Erzählstrang, der einzig aus Emails an Adam besteht. Liebesbekenntnisse, Missverständnisse, Zweifel, Verdächtigungen und Vorwürfe sowie Selbstbezichtigungen werden durch die optischen Fasern gejagt. Die freiwillige Beichte kann nahtlos übergehen in eindringliche Befragungen.

Die meisten Menschen wagen es ganz einfach nicht, richtig zu lügen, und das macht sie anfällig für Manipulationen. Die Kunst ist es, die Frage so zu formulieren, dass sie sich nicht hinter einem Punkt verstecken können, der logisch korrekt ist. Aber diese Kunst verlangt von dem Fragenden eine Ehrlichkeit, die nicht geringer ist als die des Befragten. Vielleicht ist dies dein Geheimnis bei deiner Art, dich selbst darzustellen? Dich mit den Fragen zu entblößen, statt mit den Antworten?

Eva ist süchtig nach Worten, und sie braucht Menschen, die präzise antworten. Sie wird straucheln an Adams Willen, die Liaison geheim zu halten, und an seinem Hang, die Welt symbolisch zu deuten.

"”Er betrachtet die Wirklichkeit und denkt darüber nach, welche Botschaft sie für ihn bereithält, anstatt zu überlegen und herauszufinden, wonach er sich wirklich sehnt oder was er tun sollte. Für ihn sind immer äußere Gegebenheiten der Auslöser von etwas. Sein Symbolismus ist eine Flucht, aber er ist auch etwas Genuines.""

Aner Shalev leuchtet dieses symbolistische Gefängnis, in dem die profanen Augenblicke im Leben von Menschen vernachlässigt werden, genauestens aus. Gemeinsam einkaufen gehen, die Straße überqueren, in einen Apfel beißen, das sind Handlungen, die Gewicht haben sollten. An den Anfang des Romans setzt Shalev eine Ahnung Adams, die wir erst später verstehen, wenn dieser sich längst mit dem Verlust abgefunden hat und ein Leben in der Lüge der aufrichtigen Selbstbegegnung vorzieht.

Adam glaubt an ein "kosmisches Komplott" und wird weiter wie ein einsamer Satellit in fernen Bahnen kreisen, während Eva einen tödlichen Preis zahlt für die Erkenntnis, dass Adam kein Kind von und mit ihr haben möchte. Im Gespräch verteidigt der Autor seine männliche Hauptfigur als komplexen Charakter, doch dann zitiert Aner Shalev lachend eine Beobachtung des österreichischen Kinderarztes Hans Asperger.

"Asperger sagte, dass sich männliche Identität auf Autismus gründet. Ich glaube, das Buch ist schon sehr von dieser Sichtweise geprägt."


Aner Shalev: Dunkle Materie
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag, 2007, 288 Seiten, 19,90 Euro

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