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StartseiteInformationen am MorgenMythos Tahrir-Platz25.01.2016

ÄgyptenMythos Tahrir-Platz

Der Tahrir-Platz in Kairo heißt auf Deutsch "Platz der Befreiung". Vor fünf Jahren war er der Motor, das Herzstück der Revolution gegen Machthaber Mubarak. Später wurde er dann von verschiedenen Gruppen beansprucht - bis das Militär die Macht an sich riss und zurückkehrte. Ein Porträt.

Von Jürgen Stryjak

Beginn eines Umsturzes: Demonstration am 30.01.2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo (picture-alliance / dpa / Franck Fernandes)
Beginn eines Umsturzes: Demonstration am 30.01.2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo (picture-alliance / dpa / Franck Fernandes)
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Kareem Farid war damals 19 Jahre alt, am 25. Januar 2011, als es plötzlich so aussah, als würde der Ort seinem Namen endlich gerecht werden. Midan at-Tahrir, das heißt auf Deutsch Platz der Befreiung. Zehntausende Demonstranten zogen an jenem Tag zu eben diesem Platz, unter ihnen auch Kareem Farid:

"Vom ersten Nachmittag an war ich mit dabei. Es war ein spontaner Entschluss. Vorher war ich ein ganz normaler Bürger und litt auch nie unter den Maßnahmen der Polizei zum Beispiel. Aber ich habe ja zwei Augen im Kopf und sah die Misere im Land. Was ich mir als junger Mensch vor allem wünschte, war Hoffnung."

In der Nacht gelang es den Sicherheitskräften noch einmal, den Platz wieder zu räumen, mit Schlagstöcken, Tränengas und Verhaftungen. Sie kratzten sogar die Protestplakate von den Häuserwänden und wuschen die Revolutionsgraffiti ab – als wollten sie dieses unerhörte Ereignis vom Tag zuvor dadurch ungeschehen machen.

"Plötzlich gab es Hoffnung"

"Das unbeschreibliche Gefühl, das ich damals auf dem Tahrir-Platz verspürte, hat alles in meinem Leben verändert. Ich traf Liberale, Linke, Islamisten. Alle waren da, und alle kämpften für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Plötzlich gab es Hoffnung."

Drei Tage später kamen die Demonstranten wieder. Aktivisten hatten zu einem Tag des Zorns aufgerufen, für den 28. Januar. Diesmal waren nicht nur gebildete und gut vernetzte Mittelschichtsaktivisten die treibende Kraft, auch Menschen aus Armenvierteln wie Imbaba oder Bulaq ad-Dakrour strömten auf den Tahrir-Platz – den sie erst wieder freigeben wollten, nachdem Präsident Hosni Mubarak gestürzt war. Sie wollten den Platz gewissermaßen erobern, den vermutlich repräsentativsten öffentlichen Ort in ganz Ägypten, mit den Zentren der Macht in Reichweite, wie zum Beispiel etlichen Ministerien, und mit dem Staatlichen Fernsehzentrum um die Ecke.

Kein Sprechchor wurde auf dem Tahrir so oft angestimmt wie dieser: "Das Volk will den Sturz des Regimes". Kareem Farid war diesmal nicht dabei. Mehrere Hundert Menschen wurden an jenem Tag des Zorns landesweit von Sicherheitskräften getötet, aber Karim gab dem Aufstand nur eine Chance, wenn er friedlich blieb. Am 2. Februar bäumten sich die Kräfte des Regimes ein letztes Mal auf. Sie schickten Schlägertrupps auf Kamelen und Pferden zum Tahrir-Platz, die die Demonstranten vertreiben sollten. Eine Nacht lang versank der Tahrir in blutigem Chaos.

Massenprotest auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 2. Februar 2011 (picture alliance / dpa / Foto: Jacob Ehrbahn)Massenprotest auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 2. Februar 2011 (picture alliance / dpa / Foto: Jacob Ehrbahn)

Doch die Demonstranten konnten den Platz verteidigen. Jetzt gehörte er ihnen und wurde Schauplatz einer großen Werbeaktion für die Freiheit. Musikanten begrüßten fortan Regimekritiker und Schaulustige mit Musik. Jeder durfte ans Mikrofon und eine Rede halten. Es wurden Ausstellungen gezeigt und Theaterstücke aufgeführt. Die Leute sollten abends nach Hause gehen und zu Freunden und Verwandten sagen: Ihr müsst unbedingt dort hin und Euch das anschauen.

An manchen Tagen kamen Hunderttausende. Auch Kareem Farid war ab dem 2. Februar wieder dabei. Neun Tage später trat Präsident Mubarak zurück. Von den unzähligen Sprechchören blieb einer übrig, der nur noch aus einem Wort bestand: Freiheit.

"Das machte mich stolz"

Kareem Farid hatte immer davon geträumt, Journalist zu werden. Jetzt war dies plötzlich möglich, jetzt machte es Sinn, jeder konnte frei seine Meinung äußern. In den Jahren danach arbeitete er als Reporter bei "Akhr Kalam", einer der populärsten neuen Fernsehsendungen im Land. Da war der Tahrir-Platz von Kairo für Menschen in aller Welt noch ein faszinierendes Symbol für den Widerstand gegen unliebsame Regierungen.

"Das machte mich stolz. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, etwas wert zu sein. Ich kam zu meiner Mutter und konnte ihr sagen, dass ich mich endlich wie ein Mensch fühle. Junge Leute schreiben Geschichte. Das muss man sich mal vorstellen."

Eine paar Monate noch blieb der Tahrir ein Festplatz der Freiheit, auf dem eine Art Politkirmes stattfand. Musiker traten auf, wie hier der Sänger Ramy Essam.

Später begannen Anhänger unterschiedlicher Strömungen damit, sich den Platz streitig zu machen, jenen Ort, der doch gerade erst dem Regime entrissen worden war und ein paar Monate lang allen gehört hatte. Mal besetzten ihn die Säkularen, Liberalen und Linken, an anderen Tagen demonstrierten Islamisten zu Zehntausenden. Männer mit Vollbärten und Frauen mit Gesichtsschleiern prägten dann das Bild, so dass mancher in Kairo den Platz spöttisch Midan Kandahar nannte, Kandahar-Platz, in Anlehnung an die Talibanhochburg in Afghanistan.

Fast ein militärisches Sperrgebiet

Das Militär profitierte von den Feindseligkeiten. Es riss die Macht an sich, und nach dem Putsch von 2013 fiel der Tahrir wieder in die Hände des Regimes. Es achtet darauf, dass nichts auf ihm stattfindet, das nach kritischer Zivilgesellschaft aussieht. Der Tahrir sei jetzt, sagt Karim, eine Art militärisches Sperrgebiet.

"Der Staat bekämpft die Meinungsfreiheit und schürt Ängste. Wir sollen uns sogar vor der Freiheit und der Demokratie fürchten. Wir sollen die Polizei lieben, weil sie uns angeblich schützt. Mit dieser Begründung verletzt das Regime unsere Privatsphäre, unsere Rechte und unsere Freiheit."

Ursprünglich wollten wir uns zum Interview auf dem Tahrir-Platz treffen. Wir taten es dann doch nicht. Zu groß sei die Gefahr, verhaftet zu werden, erklärt Karim. Seine Fernsehsendung ist inzwischen eingestellt worden. In den nächsten Tagen – fünf Jahre nach dem Volksaufstand und nach der atemberaubenden Aufbruchsstimmung – verlässt der junge, engagierte Journalist seine Heimat. Er will versuchen, in Dubai einen Job zu finden.

 

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