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StartseiteEine WeltHilflose Helfer12.12.2015

Ärzte in SyrienHilflose Helfer

Deutschland schickt Tornados für den Kampf gegen die Terrorgruppe IS, obwohl zivilgesellschaftliche Gruppen in Syrien seit langem Flug- oder Bombenverbotszonen fordern. Wie desaströs die Lage ist, zeigt ein Besuch in einer Klinik in Aleppo. Die Arbeit dort ist lebensgefährlich, sind Kliniken doch ein beliebtes Ziel von Kampfjets.

Von Kristin Helberg

Ein Chirurg in einem syrischen Krankenhaus (Imago)
Die wenigen Ärzte, die noch in den syrischen Krankenhäusern geblieben sind, arbeiten seit Monaten nahezu non-stop - und leben an einem gefährlichen Arbeitsplatz (Imago)

In Aleppo sieht Dr. Abdelaziz die Sonne nur selten, sagt er. Der syrische Chirurg arbeitet in der Untergrundklinik M1 im Osten der Stadt. Das ist jener Teil von Aleppo, der seit drei Jahren von der Opposition kontrolliert und deshalb immer wieder von Regierungstruppen bombardiert wird - weshalb Krankenhäuser wie das M1 unterirdisch liegen.

"Wir leben unter der Erde. Aber wir sind zu wenige Ärzte. Stell dir vor, du hast einen drei mal drei Meter großen Raum und 40 Schwerverletzte werden vor dir abgeladen. Was machst du? Jemanden mit einer Überlebenschance von 10 Prozent schiebe ich vor den Augen der Familie in den OP-Raum, dann schließe ich die Tür und lasse ihn sterben. Ich kann nicht anders. Denn wenn ich ihn operiere, verliere ich in dieser Zeit andere Patienten."

Dr. Abdelaziz ist einer von 75 Ärzten, die Ost-Aleppo versorgen. Früher waren es 1.500 – die meisten sind geflohen, andere wurden verhaftet oder getötet. Weil die verbliebenen Kollegen in Wechselschichten arbeiten, stehen den 300.000 Bewohnern immer nur etwa 40 Ärzte zur Verfügung. Was das bedeutet, zeigen die Fotos, die Dr. Abdelaziz dabei hat. Seine Klinik M1 liegt im Keller, Sandsäcke vor den Fenstern, einfache Plastikpritschen dicht an dicht, darauf blutüberströmte Patienten, Kinder mit Kopfverbänden, frisch Amputierte, eine verzweifelte Mutter, die ihren leblosen Sohn hält.

Deutscher Krankenwagen zerschossen

Im Mai 2014 wurde M1 von einer Fassbombe getroffen, Dr. Abdelaziz kehrte die Scherben zusammen, organisierte neue Geräte und machte weiter. Der Nachschub funktioniert, solange die Versorgungsroute in die Türkei sicher ist, sagt der Chirurg und zeigt das Foto eines deutschen Krankenwagens, völlig verbeult und von Einschusslöchern übersät.

"Dieser Krankenwagen war einer der besten, der uns geschickt wurde. Zweimal wurde er bei Luftangriffen beschädigt, das dritte Mal von einem Scharfschützen zerschossen. Warum? Weil ein Patient transportiert wurde und das ist ein Verbrechen. Was wir machen, ist für das Regime ein Verbrechen."

Tödliche Doppelschläge

Besonders tödlich sind so genannte Doppelschläge. Ein Kampfjet wirft eine Bombe ab, und während Notärzte und Rettungskräfte zum Ort des Einschlags eilen, um Verletzte zu bergen, kehrt das Flugzeug zurück und greift dieselbe Stelle ein zweites Mal an. Zeydoun Al-Zoebi kennt die Folgen dieser Taktik. Der Generalsekretär von UOSSM, der Union Syrischer Medizinischer Hilfsorganisationen, war im Oktober südlich von Aleppo unterwegs. Zehntausende Dorfbewohner flohen damals vor den Luftangriffen syrischer und russischer Kampfjets.

"Eines der Krankenhäuser, das ich besucht habe, wurde zweimal innerhalb von zehn Minuten angegriffen. Die erste Rakete schlug 15 Meter neben dem Gebäude ein, sie diente offensichtlich dazu, das Ziel genauer anzuvisieren. Die zweite Rakete traf dann wenig später das Herz des Krankenhauses."

Auch Ärzte Ohne Grenzen berichten von Doppelschlägen – zuletzt Ende November auf ein Krankenhaus in der Provinz Homs. Die Organisation betreibt sechs Kliniken im Norden des Landes und unterstützt mehr als 150 medizinische Einrichtungen, viele davon in den östlichen Vororten von Damaskus, die seit zwei Jahren abgeriegelt und täglich bombardiert werden. 40 Prozent der Opfer dort sind Frauen und Kinder unter 15 Jahren, so Ärzte Ohne Grenzen. Volker Westerbarkey, der Präsident von Ärzte Ohne Grenzen Deutschland, ruft die UNO zum Handeln auf.

Flug- und Bombenverbotszonen gefordert

"Was wir wissen, dass jetzt noch mal in den letzten Wochen über 30 Mediziner oder medizinisches Personal in Syrien getötet worden ist im Rahmen von Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen, die wir unterstützen. Das ist eine Katastrophe! Und da ist unserer Meinung nach die Völkergemeinschaft gefragt, die Einhaltung dieser Völkerrechte durchzusetzen in einem angemessenen und effektiven Weg."

Mehrere Resolutionen des Weltsicherheitsrates fordern ein Ende der Angriffe auf Zivilisten und den Schutz medizinischer Einrichtungen. Sie werden jedoch nicht umgesetzt, weil niemand bereit ist, sich für den Schutz von Zivilisten militärisch zu engagieren. Auch der Westen inklusive Deutschlands schickt Tornados nur für den Kampf gegen den IS, obwohl zivilgesellschaftliche Gruppen seit langem Flug- oder Bombenverbotszonen fordern.

Bis auf weiteres müssen Syriens Ärzte sich deshalb selber helfen. Als größte nicht-staatliche Hilfsorganisation in Syrien baute UOSSM bereits ein Krankenhaus in eine Höhle – vor wenigen Wochen traf eine Rakete den mehrfach gesicherten Eingang, durch die Druckwelle starb eine Krankenschwester. In Aleppo wollte die Organisation ein Krankenhaus direkt an der Fronlinie errichten – ein relativ sicherer Ort, weil das Regime dort keine Fassbomben abwirft aus Angst, sie könnten die eigenen Leute treffen. Aber daraus wurde nichts, erinnert sich Generalsekretär Al-Zoebi.

Assad als einzige Ordnung

"Der geplante Ort lag in der Nähe einer Unterkunft der Freien Syrischen Armee. Deren Offiziere sagten, nein ihr könnt hier kein Krankenhaus bauen, dann werden wir angegriffen. Stell dir vor: In Syrien haben die Militärs Angst vor den Medizinern, weil sie wissen, dass Ärzte mehr angegriffen werden als alle anderen."

Das Regime verfolge damit eine Strategie der verbrannten Erde, meint Dr. Munzer, der Direktor für Gesundheit in der nördlichen Provinz Idlib. Wo Assad nicht mehr regiert, solle nichts funktionieren: keine medizinische Versorgung, keine Schulen, keine Verwaltung. Damit Assad als einzige Ordnung erscheine, zu der es neben dem IS keine Alternative gebe, erklärt der Arzt.

"Wenn wir zum Beispiel in einem bestimmten Ort eine Impfkampagne planen und offiziell ankündigen, dann wird genau dieses Gebiet angegriffen. Egal, was für eine Gesundheitsmaßnahme wir durchführen, sie ist immer Ziel von Anschlägen."

Pendeln zwischen Bombenterror und heiler Welt

Die medizinische Grundversorgung ist in Teilen Syriens bereits zusammengebrochen. Chronisch Kranke wie Dialysepatienten, Diabetiker, Herz- und Kreislaufpatienten haben dort kaum Zugang zu den für sie lebenswichtigen Therapien. Epidemien brechen aus, Seuchen kehren zurück – Tuberkulose, Hepatitis, Polio, Cholera. Auch das treibe Menschen in die Flucht, meint Zeydoun Al-Zoebi. Sein Kollege Dr. Abdelaziz, der für UOSSM die medizinische Versorgung Aleppos koordiniert, will bleiben. Seine Frau und Kinder leben inzwischen im türkischen Gaziantep, er pendelt zwischen dem Bombenterror Aleppos und der ziemlich heilen Welt der Türkei hin und her. Warum er immer wieder nach Syrien zurückkehrt? Dr. Abdelaziz lächelt milde.

"Vor zwei Tagen ist meine Frau in Gaziantep einer Frau aus Aleppo begegnet, die ihr erzählte, dass ein Arzt ihrem Sohn die Beine gerettet hat in meinem Krankenhaus M1 und dass dieser Arzt Abdelaziz heißt. Dieser Junge könnte mein Sohn sein, er wäre gestorben, wenn es keinen Arzt gegeben hätte, der ihn behandelt. Ich tue nur meine Pflicht."

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