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StartseiteTag für TagArthur, Ahmad und die Alternative 01.02.2018

AfD-Mitglied konvertiert zum IslamArthur, Ahmad und die Alternative

Der brandenburgische AfD-Mann Arthur Wagner ist zum Islam konvertiert. Bis dato war Wagner in der Evangelischen Kirche engagiert, doch deren Haltung zur Homosexualität störte ihn - da überzeuge ihn der Islam mehr, sagt er. Seine Partei erklärt die Entscheidung zur Privatsache und preist die Religionsfreiheit.

Von Vanja Budde

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AfD-Mitglied Arthur Wagner spricht während einer Pressekonferenz zu seinem Übertritt zum Islam. (dpa-Zentralbild)
Arthur Wagner aus der AfD ist zum Islam konvertiert. (dpa-Zentralbild)
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Arthur, neuerdings Ahmad Wagner, ist von dem Medieninteresse an seiner Person ebenso eingeschüchtert wie geschmeichelt. Er sei doch nur ein kleiner Fahrer eines Kinderheims, meint der 1993 eingewanderte Russlanddeutsche. Der 48-Jährige lebt mit seiner Familie in Falkensee, hinter der westlichen Stadtgrenze von Berlin. Dort engagierte Wagner sich in der Evangelischen Kirche und half als Dolmetscher tschetschenischen Flüchtlingen. Gleichzeitig war er Vize-Kreisvorsitzender der AfD im Havelland. Der in der Sowjetunion aufgewachsene Wagner nennt sich selbst national-konservativ. Diese Haltung führte zur Entfremdung von der Evangelischen Kirche.

Er erzählt: "Das hat vor Jahren angefangen. Ich habe Gefühl gehabt, dass ich theologisch nicht ganz mitkomme. Dann gab’s natürlich die Einstellung gegenüber der AfD, obwohl in meiner Gemeinde war es wunderbar, ich habe kein Problem, meine Gemeinde ist perfekt. Dann kam diese Ehe für alle und dann kam dieses Christopher (Street) Day, wo unsere Priester mit dem Wagen mit gefahren sind. Das hat mir nicht gefallen. So. Und da war das Ende."

Er fühlt sich wie zu Hause in der Moschee

Er habe in Russland, in der baschkirischen Stadt Ufa zu Allah gefunden, erzählt Wagner kurz vor Beginn seiner Pressekonferenz, zu der sich zwei Dutzend Journalisten in einem Hinterzimmer eines Potsdamer Lokals drängen. Er habe ein spirituelles Erweckungserlebnis gehabt und sich dann in der Moschee wie zu Hause gefühlt.

Wagner schwärmt: "Sobald Sie in den Islam reingehen, wenn Sie Islam annehmen mit ganzem Herzen, dann plötzlich verstehen Sie die Muslime. Die Leute, die nicht in Islam drin sind, die haben gewisse Schwierigkeiten, dafür bin ich jetzt da. Man muss reingehen, um zu verstehen. Und das sind sehr gute Leute."

Das sieht der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz anders. Ahmed Wagner hat seine Partei mit dem Religionswechsel überrascht: Den Übertritt zum Islam am 29. Oktober 2017 behielt er zunächst für sich. Am 11. Januar legte er sein Amt als einer von sechs Beisitzern im Landesvorstand nieder. Als solcher war er auch für religionspolitische Fragen zuständig. Er habe nicht gewusst, wie er Kalbitz seinen neuen Glauben erklären solle, sagte Wagner. Der Parteichef sieht im Übertritt seines ehemaligen Funktionärs keinen Anlass, den islamfeindlichen Kurs etwa zu wechseln.

Kalbitz sagt: "Nein! Der Islam per se gehört nicht zur AfD, daran hat sich nichts geändert. Aber klar ist auch, die AfD steht zur Freiheit der Religionsausübung und der Glaubensfreiheit, insofern ist das Herr Wagners Privatentscheidung, mit der ich gut leben kann. Das ist eine private Entscheidung, die zu akzeptieren ist, aber daraus einen Kurswechsel herbeizufabulieren oder eine Veränderung des Charakters der AfD auch in Brandenburg ist maßlos überzogen."

Andreas Kalbitz, nach dem Wechsel von Alexander Gauland in den Bundestag neuer Landes- und Fraktionsvorsitzender der AfD in Brandenburg, sieht auch die strategischen Vorteile:

"Das macht eigentlich sehr positiv deutlich, dass die AfD nicht intolerant ist, sondern dass wir sagen: Wir haben gewisse Leitlinien, das sollte der Regelfall sein, aber wir zeigen hier auch deutlich auf, wer sich anders entscheidet im Einzelfall, der hat keinerlei Diskriminierung zu befürchten."

"Zusammenbruch, Midlife-Krise, AfD und jetzt bin ich hier"

Wagner eröffnet die Pressekonferenz mit einem Bekenntnis: "As-salamu aleikum Brüder und Schwestern. Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist."

Im "Fliegenden Holländer" beginnt Wagners Pressekonferenz. Er sei 2013 von der CDU zur AfD gewechselt, weil diese Partei allein auf die Bedrohung des Deutschtums aufmerksam mache.

"Der deutsche Geist, die deutsche Seele, die stirbt. Es passiert was in diesem Land."

Was genau passiert, bleibt unklar. Wagners Rede driftet zeitweise ins Wirre ab. Der AfD verdanke er viel, raunt Wagner, die Partei habe ihn in einer persönlich schwierigen Zeit aufgefangen.

"Zusammenbruch, Midlife-Krise, AfD und jetzt bin ich hier."

Relativ klar geht aus seinen Äußerungen hervor, dass er nun eine große Aufgabe für sich sieht:

"Ich hoffe, dass wir eine Brücke bauen können von deutschem Islam, der gerade mal auf die Beine kommt, und Nationalkonservativen und Konservativen."

Dafür sei er jetzt da, meint der dann gar nicht mehr so bescheidene Wagner: Der AfD den Islam zu erklären. Dafür will er sich aber erst einmal per Fernstudium in Ufa zum Imam ausbilden lassen.

"Ich rede jetzt zur Umma, ich rede jetzt zu allen Moslems weltweit: Bitte, wir brauchen Frieden. Wir sind jetzt an den Punkt gekommen, wo wirklich heiß ist. Ich bitte auch zu unseren Konservativen und Nationalkonservativen: Schaltet bitte mal das Gehirn an. Wir haben Probleme, wir müssen reden, wie Menschen."

Bislang klappt die Vermittlung noch nicht so gut, räumt Wagner ein: Vom stellvertretenden Vorsitz im AfD-Kreisverband Havelland ist er zurück getreten.

Verwunderung der Mitglieder  

Er sagt: "Ich weiß, dass meine Kameraden und Freunde, Parteifreunde solche Sachen sehr, sehr, sehr, sehr ernst nehmen. Da gab’s Gedanken, dass ich die Partei vielleicht wirklich verlassen soll."

Kai Berger, AfD-Kreischef im Havelland, würde Wagner gerne loswerden. Die Verwunderung der Mitglieder sei groß. Er persönlich sei enttäuscht, meinte Berger. Ausschließen könne man den Konvertiten aber leider nicht. Die AfD sei aber nun einmal eine islamkritische Partei, sagte Berger dem Deutschlandfunk. Ob Ahmed Wagner sich in ihr weiter wohlfühle und seine politische Heimat finde, müsse er aber selber wissen. Wagner betont indes, in der AfD bleiben zu wollen. Trotz Aussagen wie dieser von Landeschef Kalbitz:

"Es gibt auch viele rechtstreue Muslime, die gut integriert sind, die sind auch Teil Deutschlands, aber der Islam per se gehört für uns nicht zu Deutschland. Die besondere Problematik besteht darin, dass der Islam von der Scharia nicht zu trennen ist im Grunde und sich dann die Frage stellt, welchen Einfluss hat das auf unsere Rechtsprechung. Das ist nicht nur ein kultureller Aspekt.. Es gibt viele andere Errungenschaften unserer freiheitlichen Gesellschaft, die aus Sicht der AfD mit dem Islam unvereinbar sind."

Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam sieht in den islamkritischen Forderungen im Grundsatzprogramm der AfD einen klaren Verstoß gegen die Normen des Grundgesetzes. Die AfD wolle die Freiheit der Religionsausübung für Muslime einschränken, warnt Botsch.

Selbsternannter Brückenbauer

Er sagt: "Die AfD ist ja insgesamt eine Partei, die die Intoleranz auf ihre Fahnen geschrieben hat, die gegen Minderheiten schamlos hetzt und dies in der Zwischenzeit weitgehend in einer offen rechtsradikalen, rechtsextremen Weise tut, das gilt insbesondere auch für Herrn Kalbitz. Der argumentative Trick bei der AfD ist zu sagen: Der einzelne Moslem, die einzelne Muslima, solange sie sich friedlich verhalten und sich hier anpassen und unterordnen, ist nicht das Problem, aber der Islam für sich genommen sei keine Religion, sondern eine totalitäre Weltanschauung."

Damit pauschalisierten die Rechtspopulisten auf Verdacht große Bevölkerungsgruppen, kritisiert der Politikwissenschaftler.

Botsch erklärt: "Es geht darum, einen Übergriff gegen Minderheiten politisch zu rechtfertigen. Und es geht darum, Menschen ihre garantierten Grundrechte abzusprechen."

Ahmad, früher Arthur Wagner, ist der Meinung, dass sich die islamfeindliche Haltung der AfD aus Furcht und Unwissenheit speist. Dem will er nun abhelfen. Dem Christentum aber will er endgültig den Rücken kehren.

"Aus dieser Organisation, die Evangelische Kirche heißt, werde ich definitiv austreten nächste Woche."

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