• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteInformationen am AbendÜber gute Nachbarn, Hassprediger und die katholische Kirche29.05.2016

AfDÜber gute Nachbarn, Hassprediger und die katholische Kirche

Mehrfach mokierten AfD-Politiker den Ausschluss ihrer Partei vom Katholikentag in Leipzig, warfen der Kirche eine Art modernen Ablasshandel mit den Flüchtlingen vor. Doch mit den Äußerungen des AfD-Vizes Gauland über den Fußballspieler Boateng sieht sich die Partei nun mit einem Rassismusvorwurf konfrontiert.

Von Volker Finthammer

Fotos von Alexander Gauland und Jerome Boateng (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler, Sven Hoppe)
Alexander Gauland, stellvertretender AfD-Parteivorsitzender, und Fußballnationalspieler Jerome Boateng (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler, Sven Hoppe)
Mehr zum Thema

Abschluss des Katholikentags Konstruktive Debatten über Flüchtlinge - ohne die AfD

AfD-Vize Gauland Wirbel um Äußerungen über Jérôme Boateng

AfD-Vorsitzende Petry zur Flüchtlingshilfe "Die Kirche betreibt eine Art modernen Ablasshandel"

Da wollte die AfD nach dem Katholikentag, zu dem sie nicht eingeladen war, eigentlich gerne Kritik austeilen, doch jetzt sieht sich die Partei selbst mit einem Rassismusvorwurf konfrontiert, dem sie sich nicht entziehen kann. Urheber ist einmal mehr AfD-Vize Alexander Gauland, der im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" mit Blick auf den Nationalspieler Jerome Boateng erklärt hatte, die Leute würden ihn als Fußballspieler gut finden. Aber sie wollten einen Boateng nicht als Nachbarn haben. Gauland bestritt inzwischen diese von zwei "FAZ"-Redakteuren verbürgte Aussage.

Boateng ist in Berlin geboren und aufgewachsen, sein Vater ist Ghanaer, seine Mutter Deutsche. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte gegenüber der "Bild"-Zeitung: Jeder Deutsche könne sich glücklich schätzen, solche Leute zu haben, als Teamgefährte, deutscher Staatsbürger und als Nachbar. Und SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte, Boateng sei kein Fremder, sondern Deutscher. Offensichtlich sei Gaulands AfD jetzt auch deutschfeindlich, sagte Gabriel. In die gleiche Kerbe schlug auf dem Parteitag der Linken unter großem Applaus Sarah Wagenknecht.

"Wenn ich höre, dass ein Herr Gauland allen Ernstes darüber redet, ob jemand wie Boateng, ob das denn ein guter Nachbar in Deutschland wäre. Also ich muss sagen, da ist mir wirklich zum Kotzen. Und ich bin mir ganz sicher, die übergroße Mehrheit würde tausendmal einen Boateng als Nachbarn haben als einen Hassprediger wir Björn Höcke."

Politiker distanzieren sich von Gaulands Äußerungen

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel, nannte es in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" "einfach geschmacklos", die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft "für politische Parolen zu missbrauchen".

Die AfD Vorsitzende Frauke Petry nahm ihren Vize mit den Worten, "er können sich nicht mehr erinnern" in der "Bild"-Zeitung in Schutz und entschuldigte sich aber zugleich bei Jerome Boateng für den Eindruck, der da entstanden sei.

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, das am Rande des Katholikentages in Leipzig geführt wurde, hatte sich die AfD-Vorsitzende zuvor über die Haltung der katholischen Kirche empört, die die AfD nicht eingeladen hatte. Eine derartige Ausgrenzung einer gesellschaftlichen Gruppe im Jahr 2016 im demokratischen Deutschland habe sie noch nicht erlebt.

"Vielmehr enttäuscht mich aber die Tatsache, dass Kirche damit etwas tut, was sie zutiefst ablehnen müsste und damit unchristliches Verhalten sondergleichen an den Tag legt. Denn wenn es etwas gibt, was ich über Kirche - gleichermaßen ob katholisch oder evangelisch - bereits in frühen Kindertagen wohlwollend gelernt habe, dann war das, das die Türen für jedermann offen sind."

Mit einer Einladung der AfD wäre die Debatte wohl weniger aufgeregt verlaufen, sagte die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Katholiken, Claudia Lücking-Michel, und auch der Hamburger Erzbischof Stefan Hesse ließ sich mit den Worten zitieren: Man hätte miteinander sprechen müssen.

Vorwurf des modernen Ablasshandels

Aber damit nicht genug. Der bayerische AfD-Vorsitzende Petr Bystron hatte den Kirchen vorgeworfen, sie setzten aus Eigeninteresse auf eine weitere Zuwanderung von Flüchtlingen und verdienten unter dem Deckmantel der Nächstenliebe Milliarden. Im Deutschlandfunk setzte die AfD-Vorsitzende Petry noch einen drauf und sprach von einem modernen Ablasshandel:

"Dass gerade die Kirche eine Art modernen Ablasshandel betreibt gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise, Migrationskrise das scheint mit offensichtlich."

Sowohl bei der Diakonie als auch bei der Caritas gebe es eine starke Verflechtung mit der Aufnahme von Flüchtlingen und damit einer Teilhabe an den staatlichen Mitteln, die für die Aufnahme der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden. Damit aber werde für die Flüchtlinge eine Illusion aufrechterhalten, dass es einfach sei, nach Deutschland zu kommen und hier erfolgreich zu sein. Damit werde ein Bild aufgebaut, das man gar nicht erfüllen könne.

Vor diesem Hintergrund sind für Petry auch die symbolischen Zeichen der katholischen Kirche unangemessen:

"Zu glauben, dass man vor dem Kölner Dom ein Flüchtlingsboot de facto als Altar, als Symbol einer neuen Kirche aufstellen kann, das geht uns definitiv zu weit."

Darauf hatte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, zum Anschluss des Katholikentages entgegnet: Die Botschaft der Bibel werde verkürzt, wenn man versuche "auszugrenzen und Mauern zu bauen, den Blick auf alle Menschen zu verlieren, um nur noch um die eigene Identität zu kreisen".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk