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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteTag für TagBloß kein Zeigefinger!14.02.2017

AfD und Katholiken Bloß kein Zeigefinger!

Der Papst gilt ihnen als zu liberal, die CDU als zu wenig konservativ: Rund 15 Prozent der Katholiken würden die AfD wählen, hat ein Meinungsforschungsinstitut herausgefunden. Die Kirche plant einen Leitfaden für den Umgang mit AfD-nahen Gemeindemitgliedern.

Von Christoph D. Richter

Zum Ärger vieler AfD-Anhänger: Der katholische Bischof Gerhard Feige besucht die Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Halberstadt. (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)
Zum Ärger vieler AfD-Anhänger: Der katholische Bischof Gerhard Feige besucht die Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Halberstadt. (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)
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Viele Bischöfe erklären die Position der AfD für unchristlich. Aber nicht alle Gläubigen folgen ihnen in dieser Einschätzung. 15 Prozent der Katholiken würden die AfD wählen, fand das Meinungsforschungsinstitut Insa in Erfurt kürzlich heraus.

"Eine abschließende Erklärung gibt es noch nicht", sagt Wolfgang Renzsch, Politikwissenschaftler an der Universität Magdeburg. Aber er hat eine vorläufige: "Weil die katholische Kirche in den letzten Jahren, insbesondere unter dem jetzigen Papst, doch durchaus liberaler geworden ist. Die katholische Kirche stellt ja nicht mehr so die Regeln und einen strafenden Gott in den Vordergrund, sondern viel mehr Barmherzigkeit, auch stärkere Liberalität gegenüber Minoritäten, selbst sexuellen Minoritäten, als es in der Vergangenheit üblich war."

Und das stresse viele Katholiken, ergänzt Politologe Renzsch. Nicht nur die sogenannten Rechtskatholiken, die traditionell katholische Werte bedroht sehen, sondern auch ganz normale Kirchgänger.

Religiöse Konkurrenz

Christine Böckmann, katholische Diplom-Theologin, ist Mitglied der Bischöflichen Fachkommission "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung" des Bistums Magdeburg. Außerdem arbeitet sie bei Miteinander e.V. mit, einer Magdeburger Netzwerkstelle für Demokratie und Weltoffenheit. Sie hat beobachtet:

"Jetzt hier auf Sachsen-Anhalt bezogen treibt die Katholiken um: Wir sind eine geringe Minderheit, können unsere Angebote auch nicht so recht aufrechterhalten und wir bekommen religiöse Konkurrenz. Nicht nur vom atheistischen Umfeld und von protestantischen Gemeinden, sondern auch von wachsenden muslimischen Gemeinden. Der hiesige Bischof redet ja dann davon, das als Chance zu nutzen, als schöpferische Minderheit. Aber das ist natürlich etwas, was für einen Teil der Katholiken angstbesetzt ist. Ängste auslöst: Wo bleiben wir, wenn da jetzt noch mehr Muslime kommen, welche Chancen haben wir da noch als kleine Gemeinde. Und da ist eine AfD attraktiv, die sagt: Wir retten euch daraus."

So gibt es auch Katholiken, die Abstiegsängste haben, die sich abgehängt fühlen. Und der Kirchenspitze  sagen: Ihr hört nicht mehr auf uns, ihr versteht unsere Sorgen und Nöte nicht mehr.

Problem Nummer eins: die Flüchtlinge. Sie kämen hierher, sie kriegten eine Wohnung, Möbel hingestellt, man selbst aber könne sich von der Rente kaum etwas leisten, heißt es immer wieder. Schnell ist man dann bei der Verachtung der Amtskirchen.

"Kein Sex vor der Ehe"

Gottfried Backhaus nickt und spricht in diesem Zusammenhang gern von den Großkirchen, die nur Geld mit den Flüchtlingen verdienen wollten. Backhaus ist AfD-Landtagsabgeordneter, Gründungsmitglied der Christen in der AfD. Eine Gruppierung, die nach eigenen Angaben auf eine mittlere dreistellige Mitglieder-Zahl kommt. Gottfried Backhaus:

"Dort beziehen wir klare Kante. Klare Kante zum Lebensschutz, klare Kante zur Ehe, klare Kante zum Leben nach der Bibel. Kein Sex vor der Ehe."

Der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag kritisiert, dass die Kirchen wie rot-grüne Arbeitskreise agieren würden und Christen ausgrenzen, die anderer Meinung sind.

"Man will gar nicht reden. Mir ist fast die Zeit zu schade, immer und immer wieder den Austausch zu suchen."

Dass nun 15 Prozent der Gemeindemitglieder die Rechtspopulisten wählen würden, löst seitens der Amtskirche - die sich auch gern als ethisches Kompetenzzentrum versteht - Betroffenheit, aber auch Sprachlosigkeit aus. Ein Antwortversuch des Juristen Stephan Rether. Er ist der Bevollmächtigte des Bischofs von Magdeburg und des Erzbischofs von Berlin gegenüber dem Land Sachsen-Anhalt.

"Das konservative Ehe- und Familienbild der katholischen Kirche, die auf dauerhaften Eheschluss begründete Familie, ist ein Aspekt, den auch die AfD programmatisch ins Wort führt. Da kann ich mir schon vorstellen, dass Leute sagen: Das ist meine Programmatik, das ist mir viel Wert, also wähle ich die AfD. Was der oder diejenige nicht erkennt, ist, dass das gar nicht mit der Familienpolitik zusammenpasst, die wir nach christlichem Verständnis haben. Weil, dann müsste sich nämlich auch die AfD für den Nachzug von Familienangehörigen in der Flüchtlingsfrage aussprechen."

Leitfaden zum Umgang mit der AfD

Man wolle jetzt aber nicht mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die AfD-Wähler zeigen, stattdessen müsse man mit ihnen viel mehr als bisher ins Gespräch kommen. Kirchenmann Rether gesteht, dass man ein wenig überfordert sei. Weshalb die ostdeutschen Kontaktstellen der katholischen Kirche zur Landespolitik - auch im Vorgriff auf die Bundestagswahlen - sich nun von Sozialwissenschaftlern, Theologen und Kommunikationswissenschaftlern eine Handreichung erarbeiten lassen zum Umgang der Katholiken mit der AfD.

"Wie verhalten sich die Kernpositionen der AfD mit unserem christlichen Menschen- und Gesellschaftsbild? Um aus unserem Glaubens- und Wertekorsett heraus, diesen Diskurs führen zu können. Das sollen Hilfestellungen sein, die die Gemeinden vor Ort erreichen."

Argumentationshilfen, mit denen man Gemeindemitgliedern ganz klar sagen könne, was das Problematische ist, wenn sich ein Christ, die Argumente der AfD zu eigen mache, so Rether weiter. Dass man so etwas überhaupt machen müsse, lege die Defizite der katholischen Kirche offen, ergänzt Christine Böckmann.

"Die Protestanten haben in der politischen Auseinandersetzung mit Parteien, mit dem Thema Rechtsextremismus den meisten Bistümern was voraus. Da ist die katholische Kirche immer etwas behäbiger und langsamer. Und mein Eindruck ist, dass wir in der katholischen Kirche in den letzten Jahren versäumt haben, stärker darauf zu gucken, was denn kirchliche Äußerungen, kirchliches Lehramt, katholischer Glaube sagt, zu Fragen wie dem Umgang mit anderen Religionen. Auch die Diskussion zum Thema Homosexualität hätten wir intensiver führen müssen."

Kritik an völkischen Aspekten 

Die Zeit der moralischen Appelle sei vorbei, sagt Böckmann noch, stattdessen gehe es jetzt um Fakten. Und da reiche nur ein Blick in das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, ergänzt Kirchenmann Stephan Rether. Beim Familienthema beispielweise, seien völkische Aspekte deutlich auszumachen, nämlich wenn da von "Willkommenskultur für einheimischen Nachwuchs" die Rede ist, so Rether weiter.

"Und da muss man als einzelner Christ, mit seinen eigenen Haltungen, in den individuellen stillen Diskurs gehen, und sich fragen: Ist es genau das, was ich will?"

Da sei er wieder, der Versuch der Spaltung, ruft AfD-Mitglied Gottfried Backhaus. Hier die Guten, dort die Bösen. Und Backhaus ärgert sich. Über die Kirchen, die es einfach nicht zulassen wollten, wie er noch hinzufügt, dass Gemeindemitglieder die AfD wählen. Backhaus zitiert die INSA-Umfrage und grinst.

Erwähnt werden sollte an dieser Stelle noch, dass INSA, ein durchaus umstrittenes Meinungsforschungs-Institut ist. Dessen Besitzer Hermann Binkert war bis 2014 CDU- Mitglied, später AfD-Berater. Dass er AfD-Umfrageergebnisse  zu hoch bewerte, weist Binkert jedoch weit von sich und legt Wert auf Unabhängigkeit. Als Beleg erwähnt er gern die Landtagsergebnisse in Sachsen-Anhalt vom März 2016, die INSA mit seinen Umfrageergebnissen relativ gut vorher gesagt habe.

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