Freitag, 24.11.2017
StartseiteInformationen am MorgenEs wurde kräftig geschimpft13.09.2017

AfD-Wahlkampfauftritt in JenaEs wurde kräftig geschimpft

Die AfD zieht wahrscheinlich in den Bundestag ein, aber den zivilisierten Umgang mit Journalisten und Andersdenkenden scheint sie noch nicht verinnerlicht zu haben. Bei einem Wahlkampfauftritt in Jena ging es jedenfalls ziemlich beleidigend zu.

Von Henry Bernhard

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Alice Weidel (M), AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017, trägt am 12. September 2017 in Jena (Thüringen) gemeinsam mit den Thüringer AfD-Abgeordneten Wiebke Muhsal (l) und Stephan Brandner (r) während einer Wahlkampfveranstaltung der AfD ein Transparent mit der Aufschrift "Freiheit statt Sozialismus" (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
Machten gestern in Jena Wahlkampf für die AfD: die Landtagsabgeordnete Wibke Muhsal (l), Thüringens Spitzenkandidat Stephan Brandner (r) und die Bundes-Spitzenkandidatin Alice Weidel (M) (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
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(Rufe "AfD! AfD!") Eine kleine Bühne im Zentrum Jenas. Die AfD-Landtagsabgeordnete Wibke Muhsal begrüßt die etwa 200 Wartenden davor: "Herzlich willkommen zu unserer dritten Demo hier in Jena, die wir natürlich wie alle anderen Male auch friedlich hinter uns bringen wollen."

(Rufe "Nazis raus! Nazis raus!") Der Widerstand gegen AfD-Kundgebungen in Jena ist jedes Mal erheblich, etwa 1000 Gegendemonstranten haben sich hinter den Absperrgittern versammelt. Neben der Antifa, der SPD, Linken, Grünen steht auch bürgerliches Publikum. Einer bläst seinen Protest in seine Posaune.

Gegendemonstranten und Journalisten angegangen

Zuerst redet der lokale Direktkandidat, ein Gewerkschafter und Betriebsrat. Sein Thema: soziale Gerechtigkeit. Er arbeitet sich an allen anderen Parteien ab und geißelt am Ende die Zuwanderung der Flüchtlinge in die Sozialsysteme.

"Warum drängen sie mich hier weg? Das ist Bundestagswahl, eine Wahlkampfveranstaltung!" Am Rande kommt es zu Rempeleien. Ein paar Studenten verteilen Handzettel mit Kritik am sozialpolitischen Programm der AfD. Sie werden von Ordnern und einigen AfD-Anhängern bedrängt. "Er hat mich angefaßt und rausgeschubst und stark angepackt."

"Fotoapparate weg!" Jetzt geht es gegen die Fotografen, einem wird die Kamera nach unten geschlagen. "Was haben sie denn gegen die Presse?"

Ordner sympathisiert mit AfD-Migrationspolitik

Die Ordner sind unsicher, was Pressefotografen auf öffentlichen Veranstaltungen dürfen und was nicht. "Da drüben kannst du filmen, aber nicht hier. Halt doch deine Schnauze! Zieh doch einfach ab! Was willst du hier?"
"Sie beleidigen mich…"
"Leck mich am Arsch!"
"Nein, jetzt machen wir das nicht."

Ein sehr seriös aussehender, elegant gekleideter Herr wendet sich dem DLF-Mikrofon zu. Und schreit: "Wo bist du her, vom SPIEGEL, oder? Zu dir kann man überhaupt nichts mehr sagen!"

Ein Ordner kommt dazwischen, drängt den Mann ab. Und versucht die Aggressionen zu erklären: "Also, AfD hat alle gegen sich, alle. Also man fühlt sich als einer, der hier mit so einer Weste rumläuft, wie beim Kesseltreiben. Alle sind gegen einen!"

Er sei kein Parteimitglied, sorge sich aber um die Zukunft seiner Enkel: "Man kann keinen Sozialstaat versprechen wie die Linken da drüben, wenn man nicht die Massenimmigration von Millionen von Zugereisten unterbindet. Und das sind die Einzigen, die das wirklich unterbinden. Wenn sie die Aufgabe erfüllt haben, ist eigentlich ihre Mission erfüllt. Für mich."

Thüringer Kandidat beledigt Grüne und Gegendemonstranten

Als Nächstes spricht Stephan Brandner, Spitzenkandidat der Thüringer AfD. Er beschimpft die Gegendemonstranten als Brut, als häßlich, als Ergebnis von Inzucht und Sodomie und vergleicht sie mit der SA: "Kein AfDler will mit euch fucken! Oder steht hier einer?"

Die Grünen erklärt er zu Koksern und Kinderschändern und für ungebildet. Danach erklärt er jeden Vergleich mit Nazis für unangemessen. Und, warum man AfD wählen sollte: "Weil unser Programm einfach genial ist, liebe Freunde!" Auch weiter argumentiert er so, dass er nur selten die Nähe der Gürtellinie erreicht.

Alice Weidel fordert Untersuchungsausschuss gegen Merkel

Nach ihm ist Alice Weidel dran, die Spitzenkandidatin, die in den letzten Tagen unter Druck gekommen ist durch eine rassistische Mail, deren Urheberschaft sie aber bestreitet. Weidel kündigt einen Untersuchungsausschuß gegen Angela Merkel an, verschweigt aber, dass sie dafür ein Viertel aller Abgeordneten des Bundestages bräuchte:

"Sie hat Europa gespalten wie niemand anderes zuvor. Und das muss man dieser Frau vorwerfen."

Lange hält sie sich an das Thema Finanzen: Die Haftung für die Schulden anderer Länder, die Nullzinspolitik, die angeblich drohende schleichende Abschaffung des Bargelds. Fordert eine effektive Grenzsicherung und glaubwürdigen Kampf gegen den Terror.

Auf die ihr zugeschriebene rassistische Mail geht sie nicht ein. Auf Nachfrage erklärt sie: "Dazu ist alles gesagt worden am Wochenende. Nächste Frage!"

Halbwegs friedlich geht die AfD-Wahlveranstaltung zu Ende. Ein Polizist wurde von einem Gegendemonstranten geschlagen, es gab zwei Anzeigen wegen Körperverletzung und 25 Platzverweise. Die zwei Wasserwerfer blieben unbenutzt.

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