Montag, 19.02.2018
 
Seit 22:50 Uhr Sport aktuell
StartseiteKommentare und Themen der WocheRaus aus dem Glaskasten03.02.2018

Affentests der AutoindustrieRaus aus dem Glaskasten

Die Stickoxid-Tests an Affen der Autoindustrie seien überflüssige Tierquälerei gewesen - mehr nicht, kommentiert Dietmar Hawranek. Viel zu lange hätten die Manager in ihrem Glaskasten gelebt und jegliche Kritik von außen abgewehrt. Um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, gebe es nur eine Möglichkeit.

Von Dietmar Hawranek, langjähriger "Spiegel"-Redakteur

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Rauch strömt aus dem Auspuff eines Autos (Imago)
Nur durch neue unabhängige Studien könnte die Autoindustrie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, meint Dietmar Hawranek vom "Spiegel" (Imago)
Mehr zum Thema

Diesel-Versuche mit Affen Eigentor der Autokonzerne

Helmut Becker zu Abgastests in der Autoindustrie "Der Schaden ist größer als durch die Dieselschummelei selber"

Tierversuche und Alzheimer Wer braucht geklonte Affen?

Der Javaneraffe, eine in Südostasien beheimatete Primatenart, ist in diesen Tagen zum Symbol der deutschen Autoindustrie geworden. Zu einem, das Empörung auslöst. Der Affe, eingesperrt in einen Glaskäfig, in dem er die Abgase eines VW-Beetle einatmen musste, sollte die angebliche Unschädlichkeit der Stickoxide beweisen. Das war eine überflüssige Tierquälerei – mehr nicht. Wer sollte einem Versuch Glauben schenken, der von der Autoindustrie in Auftrag gegeben worden war? Es musste zudem jedem klar sein, dass man die Ergebnisse des Tierversuchs niemals würde veröffentlichen können, wenn man nicht einen Aufschrei des Entsetzens auslösen wollte.

Aber warum haben VW, Daimler und BMW ein derart unsinniges Experiment in Auftrag gegeben? Die Antwort auf diese Frage vermag auch eine andere Frage zu klären: Warum haben die Autohersteller bei Abgastests geschummelt oder gar, wie der VW-Konzern, betrogen?

Erklärbar, aber nicht entschuldbar

Erklärbar, nicht entschuldbar, ist dies dadurch, dass viele Manager in der Autoindustrie in einer ganz eigenen Welt leben, in einem Glaskasten gewissermaßen. Dort begegnen sie tagein, tagaus Menschen, die vom Auto mindestens so begeistert sind wie sie selbst. Und die damit über viele Jahre hinweg auch sehr erfolgreich waren. Der VW-Konzern, zu dem Audi, Porsche und Bentley gehören, Mercedes-Benz und BMW sind weltweit führend in der Oberklasse. Lange Zeit stiegen der Absatz und die Gewinne recht ordentlich, die Gehälter der Vorstände sogar ganz außerordentlich. Es war eine, für sich betrachtet, relativ heile Welt.

Die Forderungen von Umweltschützern nach strengeren Grenzwerten, die Kritik von Gewerkschaftern an den Millionenboni – all das waren für die Manager Angriffe von außen. Man versuchte mehr, sie abzuwehren, als dass man sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzte. Und darin liegt die tiefere Ursache für vieles, was auf den ersten Blick schwer verständlich ist.

Der Gesetzgeber fordert, dass Autos auf dem Prüfstand die Grenzwerte einhalten. Also haben die Hersteller die Abgasreinigung so konstruiert, dass sie auf dem Prüfstand effektiv arbeitet. Angriff abgewehrt. Die eigentliche Aufgabe aber, die Abgasbelastung durch den Straßenverkehr zu senken, verdrängten die Hersteller lange. Sonst wären vielleicht auch VW, Daimler oder BMW auf die Idee gekommen, ein Elektroauto zu entwickeln, das 500 Kilometer ohne Abgase fahren kann.

Es ist kein Zufall, dass Tesla ein solches Modell auf den Markt brachte, ein Unternehmen, das zuvor kein einziges Auto entwickelt hatte. Dessen Chef nie in einem Glaskasten gesessen hatte.

Ganz auf Abwehr eingestellt

Ganz auf Abwehr eingestellt waren die deutschen Hersteller auch, als die Weltgesundheitsbehörde WHO Dieselabgase als krebserregend einstufte. Die von VW, Daimler und BMW finanzierte "Europäische Forschungsvereinigung" EUGT gab deshalb den Affentest in Auftrag.

 Es gibt eine Branche, die auf diese Art und Weise über Jahrzehnte hinweg Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte und auf die Gesetzgebung nahm: die Tabakindustrie. Sie baute ein Netzwerk von Forschungsinstituten und Wissenschaftlern auf, die von ihr finanziell abhängig waren. Diese lieferten dann die Studien, nach denen Rauchen weit weniger schädlich sei als andere Wissenschaftler behaupteten. Das funktionierte lange – ruinierte letztlich aber die Glaubwürdigkeit der Tabakindustrie.))

Nun kann es ja sein, dass die Autohersteller der Ansicht sind, Dieselabgase seien nicht so schädlich. Aber dann gibt es nur eine Möglichkeit: Die Konzerne müssen neue, unabhängige Studien fördern. Unabhängig heißt: Sie müssten diese Untersuchungen gemeinsam mit Umweltschützern und Gesundheitsexperten in Auftrag geben. Solche Studien hätten Gewicht. Sie könnten nicht als Ergebnis bezahlter Lobbyarbeit beiseite gewischt werden.

Autoindustrie sollte sich ihren Kritikern stellen

Bosch war Gründungsmitglied des Forschungsverbundes, der den Affentest in Auftrag gegeben hat. Volkmar Denner, der Chef des Autozulieferers, fordert seine Branche jetzt auf, "neue Formen der Zusammenarbeit mit Umweltverbänden" zu suchen.

Die Autoindustrie soll sich ihren Kritikern stellen. Nur so lässt sich Glaubwürdigkeit zurück gewinnen. Diese Aussagen des Bosch-Chefs sind ein gutes Signal. Vielleicht führt die Empörung, die der Affenversuch auslöste, ja dazu, dass die Manager der Autoindustrie langsam ihren Glaskasten verlassen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk