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StartseiteKultur heute"Afghanen sehen da viel weniger Hoffnungslosigkeit"18.03.2012

"Afghanen sehen da viel weniger Hoffnungslosigkeit"

Der Dokumentarfilm "Generation Kunduz" beobachet den Alltag junger Afghanen

Martin Gerner berichtet seit vielen Jahren als Journalist aus Afghanistan. Nun gibt er in seinem Kinodebüt intime Einblicke in den Alltag des vom Krieg verwüsteten Landes - und seiner jungen Generation, die vor Energie sprüht.

Martin Gerner im Gespräch mit Beatrix Novy

Szene aus  "Generation Kunduz": Filmdreh in Kunduz (Martin Gerner)
Szene aus "Generation Kunduz": Filmdreh in Kunduz (Martin Gerner)

Beatrix Novy: Der Name Kunduz steht für einen schwarzen Tag der Bundeswehr in Afghanistan, September 2009. "Generation Kunduz" heißt ein Dokumentarfilm von Martin Gerner, der sich darauf bezieht, aber keine Bomben, keine flüchtende Menschen zeigt, stattdessen eine Rundfunkreporterin, zwei Schüler, die einen Spielfilm drehen, einen Studenten, alle sind sie jung. Meine Frage an Martin Gerner war: Sind diese Personen Ausnahmen in Afghanistan, oder sind sie exemplarisch?

Martin Gerner: Erst mal von der Alterspyramide her ist es ganz typisch. Wir haben eine Alterspyramide, wo die bis 26-jährigen zwei Drittel der Gesellschaft ausmachen. Das heißt, das sind die Afghanen, die jetzt schon die Mehrheit bilden, aber auch natürlich altersmäßig die Macht von morgen verwalten, übernehmen, bewerten sollen. Zugleich habe ich Leute ausgesucht, die schon mit meiner Tätigkeit als Ausbilder von Journalisten und Journalistinnen auch zu tun hat – nicht nur, weil ich das dort mache, sondern weil Medien ein Gebiet des Kulturkampfes, des täglichen Kulturkampfes in Afghanistan ist, und man sieht ja auch an der Moderatorin selbst: es gibt viel Entwicklung, aber es gibt eben auch einen Rückschlag für sie, der kulturell bedingt ist in dem Film. Sie muss dann aussteigen, weil ihr Verlobter da ist, und überhaupt: da gibt es schon Geschichten, wo in der täglichen Praxis eben auch eine Frau sich wieder einschränken muss und dann in der Familie bleibt. Ein Wahlbeobachter ist im Film – den wollte ich auch zeigen, weil wir kennen dieses idealisierte Bild, wir bringen die Demokratie, oder wollen sie jedenfalls zum Blühen dort bringen. Aber was der für Probleme hat, trotz EU-Gelder und anderer, das sieht man, glaube ich, dann noch mal von einer ganz anderen Warte. Also das war die Motivation, daneben einfach die Dynamik einer jungen Generation zu zeigen, die lebt, die sprießt vor Energie, wo wir häufig nur das Bild vom Überleben haben.

Novy: Und vom Depressiven. – Dieser Film ist zwar ein Dokumentarfilm, hat aber formal einen ganz anderen Charakter. Das zeigt sich ja zum Beispiel darin, dass nicht irgendwie aus dem Off ständig drübergesprochen wird, dass niemand etwas erklärt. Mit dieser Form hatten Sie was ganz Bestimmtes im Sinn.

Gerner: Es ist insofern: er arbeitet mit Untertiteln, wie das für Festivalfilme und Kinofilme einerseits zumindest für Festivalfilme klassisch ist. Auf der anderen Seite denke ich, dass dieses relativ Normale im Fall von Afghanistan zu einem vergleichsweise Besonderen wird. Mir geht es so, dass ich in vielen auch Dokumentationen, längeren, großen Dokumentarfilmen, die auch schon zum Teil im Fernsehen waren, es als grenzwertig empfinde, wenn ich das so sagen kann, dass da sehr viele Kommentare zu Afghanistan sind, weil sie häufig wegführen von dem, was die Menschen sind. Jeder Kommentar im afghanischen Kontext ist mittlerweile politisch fast verhaftet mit einer "wir wollen aber jetzt unsere Position reinbringen, weil wir haben ja auch so viel zu verlieren durch die vielen Fehler, die in den letzten Jahren auch von unserer Seite entstanden sind im Dialog mit den Menschen".

Novy: Sie haben diesen Film auch schon Soldaten der Bundeswehr vorgeführt. Wie waren deren Reaktionen?

Gerner: In kleineren Gruppen in der Tat, in der Soldaten-Vor- und –Nachbildung. Das sind sowohl Menschen, Soldaten, die nach Afghanistan gehen, als auch welche, die zurückkehren, als auch Familienangehörige. Da war die Frau eines Soldaten, die geklagt hat am Anfang, verängstigt über die Klischees geklagt hat in den Medien, die nach der Sichtung des Films gesagt hatte, das hat mich so ermutigt, ich will da eigentlich jetzt hin. Es kommen auch Soldaten nach den Kinovorführungen auf den Festivals, die nicht sich trauen oder nicht dürfen, mit dem Publikum reden, und die eigentlich sagen, es stimmt schon, so ist es, so empfinden wir es auch, und die offensichtlich auch dieses Forum noch nicht haben, um auch auszusprechen, auch ihre Zustimmung zu Verrohungsszenen, die wir da sehen oder hören.

Novy: Und wie ist es mit den afghanischen Zuschauern, die Ihr Film ja auch schon gehabt hat? Wie wirkt so ein Film von Ihnen gedreht über ihr Land auf die?

Gerner: Ich habe ihn einigen meiner Protagonisten gezeigt und einer kleineren Gruppe von afghanischen Filmemachern und Multiplikatoren. Die fanden das authentisch, die haben sich zum Teil bedankt für diese unverfälschte Darstellung. Das ist das Bemerkenswerte, dass Afghanen da viel weniger Hoffnungslosigkeit sehen. Das hängt mit diesem Satz zusammen – der kommt im Film nicht vor, aber ich höre ihn oder er ist in meinen Ohren – eines jungen afghanischen Journalisten, der gesagt hatte, hört vielleicht mal auf, einfach uns zu bemitleiden, wohinter der Satz steckt, nehmt uns doch erst mal wahr (und das nach diesen zehn Jahren), wie wir sind.

Novy: Das war der Filmemacher Martin Gerner über seinen Film "Generation Kunduz".

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