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Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteDLF-MagazinDer mit den Taliban plaudert12.11.2015

Afghanistan-Aktivist Reinhard ErösDer mit den Taliban plaudert

Tee mit Osama bin Laden, Handshake mit islamistischen Chefideologen: Reinhard Erös hat keine Berührungsängste. Wenn es um Afghanistan geht, kommt in Deutschland niemand an dem ehemaligen Bundeswehrarzt vorbei. Er ist seit Jahrzehnten in dem Land aktiv, leistet Entwicklungshilfe und kennt die politische Lage genau. Bereits 2001 warnte Erös vor der Rückkehr der Taliban.

Von Susanne Lettenbauer

Der deutsche Arzt, Aktivist und Entwicklungshelfer Reinhard Erös an einem Rednerpult stehend und sprechend. (dpa/picture alliance/Florian Schuh)
Der deutsche Arzt, Aktivist und Entwicklungshelfer Reinhard Erös (dpa/picture alliance/Florian Schuh)
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"Also wenn Sie schon eine Bemerkung machen, dann sollte sie sinnvoll sein und da reinpassen, ja?... Nicht, ja bitte."

Dieser Mann ist ein Vulkan. Niemand kann vorhersehen, wann er ausbricht. Halbwissen bringt ihn zur Raserei, wenig fundierte Fragen sowieso. Früher oder später. Dann bricht er einen Vortrag auch einfach mal ab.

"Wollen Sie den Vortrag halten oder ich?!"

Diejenigen, die ihn nicht kennen, reagieren empört, überrascht, verstört. Von seinen Zuhörern erwartet Reinhard Erös dasselbe Höchstmaß an Disziplin und Klugheit, das er sich abverlangt - und zuschreibt. Gnadenlos.

"Also da sind so viele Dinge, wo ich mich immer ärgere, wenn Journalisten, die über Afghanistan was schreiben, Grundlagen nicht wissen und dann sagen, die Männer haben den Frauen befohlen, die Burka wieder anzuziehen, das ist so dummes Zeug. Die Mütter sind es, die Großmütter, die zur erwachsenen Tochter sagen, du musst auch wieder eine Burka anziehen."

"Das ist eine andere Welt, da brauchst du andere Nerven", sagte Erös nach der Einweihung seiner Friedensuniversität im Oktober 2014 im afghanischen Talibangebiet. Vielleicht wirkt er deshalb in Deutschland so erbarmungslos gebieterisch. Und trotzdem hört man dem ehemaligen Militärarzt und jetzigen Afghanistan-Aktivisten zu, muss man ihm zuhören - in Kreuth, in München, in Güstrow, in Koblenz, in Bad Liebenwerda, in Saarbrücken.

Erös sieht Fehler der Politik

Nach den Syrern sind die Afghanen die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe in Deutschland. Rund 100.000 afghanische Flüchtlinge sollen in den vergangenen zwölf Monaten gekommen sein. Weil sie ein traditionelles Bild von Deutschland haben, meint Erös:

"Wenn wir was zusagen, klappt es, wenn wir was versprechen, dann halten wir es durch, wenn wir was organisieren, dann ist es perfekt organisiert, also diese ganzen typisch deutschen Eigenschaften, Pünktlichkeit und so weiter, das wussten die Afghanen."

Und darauf vertrauen sie immer noch. Obwohl die Deutschen abgezogen sind aus dem Land, bis auf 800 Soldaten. Obwohl die Ziele der NATO von 2001 bestenfalls in kleinen Teilen erreicht wurden. Erös macht viele Fehler aus, nur hören wollen die Politiker ja nie auf ihn, den Experten:

"Also entweder ist das in den 14 Jahren granatenmäßig falsch gelaufen, sonst müssten nicht Hunderttausende fliehen, oder es gibt andere Gründe."

Wenn Erös nicht gerade in Deutschland redet, schimpft und zetert, ist er auf Tour durch Afghanistan oder Pakistan, um eines seiner zahlreichen Projekte der "Kinderhilfe Afghanistan" zu überwachen. Zum Beispiel Schulen für Mädchen. 25.000 Schulen würden fehlen, sagt er. Jedes Jahr baut er eine Schule. Trotzdem steigt in Deutschland die Zahl an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Afghanistan. Ein sicheres Herkunftsland sieht anders aus. Die Situation habe sich dramatisch verschärft, schimpfte Erös kürzlich aus der Ferne:

"Ich weiß nur eins: In Afghanistan kamen in den letzten Monaten mehr Zivilisten ums Leben als in den vergangene 14 Jahren. In Afghanistan kamen doppelt so viele Polizisten in den letzten Monaten seit Jahresbeginn ums Leben als in den 14 Jahren vorher."

Zwei Millionen Menschen säßen in Kabul und außerhalb auf gepackten Koffern, besser Rucksäcken, sagt Erös. Solange die Quasi-Militärregierung in Pakistan still hält. Wenn nicht, würden es noch mehr Flüchtlinge. Davor habe ihn in einer der legendenhaften Männerrunden ein ranghoher pakistanischer Militär bereits vor Jahren gewarnt:

"Als wir da oben saßen im Swat-Tal abends, gab es auch Whisky, die nehmen das nicht so ernst beim pakistanischen Militär mit dem Alkoholverbot, da sage ich zu ihm, wie siehst du das denn da jetzt mit den Taliban und Afghanistan. Da sagt er - ich sage dir nur eins: Die Zahl meiner Kompaniechefs, die sich Bärte wachsen lassen, nimmt dramatisch zu. Das heißt, da haben wir eine Islamisierung der pakistanischen Armee. Und das wird überhaupt nicht bei uns thematisiert."

Ein Mann mit einer Mission

An dem stämmigen, grauhaarigen ehemaligen Bundeswehrarzt Reinhard Erös kommt niemand vorbei, der sich mit Afghanistan beschäftigt - auch wenn man es gern wollte. Ein Macher, der hingeht wo es brennt. Der nicht Zeitungen wälzt oder schlaue Bücher liest, sondern in die Krisenherde der Welt fährt - darauf legt er Wert, das fordert er ein, darauf besteht er. Sonst wird Deutschland nie verstehen, wie die Taliban ticken:

"Die werden in der Wissenschaft kaum aufgearbeitet, weil man wenig Ahnung hat. Das finden Sie in deutscher Literatur auch kaum, da müssen Sie Paschtu lesen können, pakistanische Zeitungen lesen können, in deutscher Literatur gibt's da fast nichts dazu, war ja keiner dort. Ich kenne keinen einzigen deutschen Politologen, der jemals in einer radikalen Madrassa war, wo der Nachwuchstaliban gezüchtet wird, keinen einzigen."

Er fühle sich wie ein halber Paschtune, sagte Erös bereits 2011 in einem Interview. 2007 warnte er im Bayerischen Rundfunk vor der Rückkehr der Taliban:

"Ich kenne die Leute, ich habe drei Jahre neben Osama bin Laden gewohnt, hab mit dem öfter auch Tee getrunken in den 80er-Jahren, da spielte er eine ganz andere Rolle, als wenn Sie als Politologe sich mal mit Büchern damit beschäftigt haben, das ist eine ganz andere Welt."

Tee mit Osama bin Laden, Handshake mit islamistischen Chefideologen - mit diesen Erfahrungen geht Erös wuchern, denn der Mann hat eine Mission. Er nennt es Schicksal. Wie genau das umsetzbar sei, habe ihm einst die berühmte Mutter Theresa beigebracht, berichtet er, atemlos wie immer. Die 4-H-Regel, die habe er von der Ikone der Mildtätigkeit gelernt: Hirn, Herz, Humor und Härte. Die Reihenfolge scheint bei ihm variabel. Dafür werden alle eingespannt, denen er habhaft werden kann: seine Frau, drei seiner fünf Kinder, die unwidersprochen Flüchtlingshilfe in Regensburg leisten, einem Nachbarort vom oberpfälzischen Flecken Mintraching, der Homebase von Deutschlands Afghanistanhochburg Erös.

Irgendwann wird Deutschlands lautester Afghanistankenner in der CSU-Hochburg Kreuth gefragt, welchen Sinn denn der Afghanistaneinsatz deutscher Truppen hatte. Ob der NATO-Einsatz in Afghanistan nun umsonst war. Darauf kann Erös auch nicht antworten.

 

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