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StartseiteInformationen am MorgenDer andere Kampf der Bundeswehr14.10.2016

AfghanistanDer andere Kampf der Bundeswehr

Die Bundeswehr hat ihren Kampfeinsatz in Afghanistan Ende 2014 beendet. Doch noch immer sind deutsche Soldaten am Hindukusch im Einsatz: In einem Medienzentrum in Mazar-i-Sharif unterstützen sie die afghanische Armee dabei, die Bevölkerung auf ihre Seite zu bekommen. Denn längst ist der Krieg auch eine Propagandaschlacht.

Von Sandra Petersmann

Eine deutsche Fahne an der Uniform eines Soldaten befestigt (picture alliance / dpa - Karl-Josef Hildenbrand)
Wie gewinnt die afghanische Armee die Herzen der Zivilbevölkerung? Zumindest bei dieser Mission gibt's Unterstützung von der Bundeswehr. (picture alliance / dpa - Karl-Josef Hildenbrand)
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"Sollte ich ausfallen, auf meinem Fahrzeug sind vorne in der Mitte die Führungsunterlagen. Die JOC ist heute Snake, und wir sind Apostel."

Die "Apostel" der Bundeswehr sind rund 25 Soldaten, die sich zum Einsatz bereit machen. Im gepanzerten Konvoi geht es aus dem deutschen Feldlager in die Stadtmitte von Mazar-i-Sharif. Die Fahrt ist kurz, die Strecke ist kaum sieben Kilometer lang, doch jeder Konvoi ist ein mögliches Angriffsziel. In Afghanistan herrscht immer noch Krieg. Terroranschläge gehören zum Alltag.

Ziel der Fahrt ist das Bayan-e-Shamal Medienzentrum. Bayan-e-Shamal heißt "Stimme des Nordens". Das Medienzentrum ist in einer prächtigen Villa untergebracht, die die Bundeswehr von einem reichen afghanischen Geschäftsmann angemietet hat. Es gibt Gerüchte, dass das Haus früher ein Bordell war. Heute soll hier der Kampf um die Herzen und Köpfe der Zivilbevölkerung im Norden Afghanistans gewonnen werden, erklärt Hauptmann Chris, dessen Nachname aus Sicherheitsgründen unerwähnt bleibt.

"Das ist nötig, weil Operationen sich nicht mehr in einem luftleeren Raum abspielen in einem Gebiet, in dem es nur zwei Kriegsparteien gibt, sondern die Bevölkerung immer wesentlicher Bestandteil von Operationen ist. Und deswegen müssen die Sicherheitskräfte in Afghanistan die Möglichkeit haben, mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Und das geht heutzutage hauptsächlich über die Medien und deswegen müssen wir in dem Bereich Ausbildung betreiben."

Die Tweets der Taliban

Wie nutze ich die Medien zu meinem eigenen Vorteil? Die Taliban twittern wie in Echtzeit ihren jüngsten Angriff auf die benachbarte Provinzhauptstadt Kundus. Sie machen sich lustig über die afghanische Regierung, ihre Soldaten und ihre ausländischen Partner. Höchste Zeit für Gegenpropaganda, findet Mitarbeiterin Fatima.

"Wenn die Taliban eine Provinz erobern wollen, dann ermutigen wir die Bevölkerung, ihre Heimat nicht zu verlassen, weil sie den afghanischen Sicherheitskräften vertrauen können. Wir sagen den Menschen, dass unsere Sicherheitskräfte in der Lage sind, für Sicherheit zu sorgen. Wir werben um Vertrauen." 

Ein Videoclip des Medienzentrums preist die neuen Kampfhubschrauber der afghanischen Luftwaffe an. Handzettel, die verteilt oder aus der Luft abgeworfen werden, zeigen Taliban als Mörder und Zerstörer und afghanische Soldaten als Beschützer. Auch Radiosendungen, Fernsehwerbespots, Facebook, twitter und eine monatliche Truppenzeitschrift kommen zum Einsatz, um die Wahrnehmung der Bevölkerung zu beeinflussen. Deutschland investiert als Hausherr jährlich 1,6 Millionen Euro in das Medienzentrum in Mazar-i-Sharif. Derzeit sind hier sieben Soldaten aus der sogenannten "Operativen Kommunikation" der Bundewehr im Einsatz", um 65 zivile, afghanische Mitarbeiter zu beraten. Es fällt auf, dass afghanische Soldaten fehlen.

"Das gleiche Training wird auch mit Soldaten durchgeführt. Alle Streitkräfte haben eigene Soldaten, die sich um den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Unser Angebot ist einfach nur noch ein zusätzliches. Und wir haben hier halt den sehr gut nutzbaren Vorteil, dass wir ein neutraler Boden sind, wo sich die ganzen Sicherheitskräfte auch mal zusammensetzen und tatsächlich auch mal zusammenarbeiten können."

Zum Aufbau des Staates beitragen

Die afghanischen Sicherheitskräfte, bestehend aus Armee, Polizei, Geheimdienst und verbündeten Milizen, schwächen sich selber: durch interne Machtkämpfe und Korruption, durch den Missbrauch der Bevölkerung und durch alte Feindschaften aus vier Jahrzehnten Krieg, die weiterexistieren. Die Verluste in den eigenen Reihen sind hoch. Doch Bayan-e-Shamal berichtet nicht über Missstände. Das Team hat den Auftrag, zum Aufbau des Staates beizutragen, erklärt Mitarbeiterin Rokjhista.

"Unser gemeinsames Ziel ist klar. Wir wollen die Moral und das Vertrauen der Bevölkerung stärken. Es würde unserem Ziel widersprechen, wenn wir schlechte Nachrichten veröffentlichen. Wir sind dabei, ein Haus zu bauen. Wir versuchen, den Bau zu erleichtern. Selbst wenn unser Haus zusammenbricht, geben wir nicht auf. Wir fangen von vorne an, weil es unser Haus ist."

Vertrauen ist das Schlüsselwort. Gerade das Beispiel Kundus zeigt, wie schwierig es ist, die Herzen und Köpfe der Zivilbevölkerung zu gewinnen. In den vergangenen Tagen sind nach Angaben der Vereinten Nationen rund 25.000 Menschen vor den Kämpfen in Kundus geflohen.

Wenn die Berater der Bundeswehr im Medienzentrum in Mazar-i-Sharif im Einsatz sind, legen sie Waffen und Schutzwesten ab. Doch jeder von ihnen wird während der Arbeit von anderen, bewaffneten Bundeswehrsoldaten geschützt. Auch die "Stimme des Nordens" hat Mitarbeiter verloren. Eine junge Journalistin wurde vor zwei Jahren vor ihrer eigenen Haustür erstochen. Sie soll bedroht worden sein. Anderen Kollegen gelang die Flucht. Die Bundeswehr will das Medienzentrum später einmal an den afghanischen Staat übergeben.

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