Freitag, 24.11.2017
StartseiteBüchermarktAfghanistan, der Krieg und die Neue Weltordnung11.07.2002

Afghanistan, der Krieg und die Neue Weltordnung

Konkret Literatur Verlag, 210 S., EUR 15,-

Nach dem 11. September, so hört man allenthalben überall, hat sich die Weltpolitik verändert. Ein neues Zeitalter einer neuen Weltinnenpolitik sei angebrochen. Sucht man nach Fakten, die begründen können, was sich denn konkret alles verändert und welche Folgen dies national und international hat, ist das Ergebnis häufig sehr dürftig. Es scheint, als hätten die Anschläge und ihre permanente mediale Vermittlung global eine politische Rhetorik hervorgebracht, der die kritische Analyse nationaler und internationaler Politik zum Opfer gefallen ist. Tägliche Meldungen über mögliche neue Attentate islamischer Terroristen verfestigen einen Diskurs, der eine kritische Betrachtung der Politik der USA, Deutschlands, Russlands oder anderer Staaten nur als Fußnote zulässt. Zudem ist das Interesse an Afghanistan und der gesamten mittelasiatischen Region verblasst, und dies, obwohl die politischen und ökonomischen Probleme bis heute nicht gelöst sind.

Christoph Burgmer

Da erscheint es als publizistisches Ereignis, wenn zwei neue Untersuchungen der von Bedrohungsszenarios in Atem gehaltenen öffentlichen Berichterstattung solide recherchierte Fakten entgegenhalten. Winfried Wolf in: Afghanistan, der Krieg und die neue Weltordnung genauso wie das Sozialwissenschaftlerduo Biermann - Klönne in dem im PapyRossa Verlag erschienen Buch "Ein Kreuzzug für die Zivilisation? Internationaler Terrorismus, Afghanistan und die Kriege der Zukunft" werten zahlreiche öffentlich zugängige Quellen aus. Insbesondere amerikanische Stellungnahmen der Regierung Bush, aber auch Zeitungsberichte und Stellungnahmen von Finanz- und Wirtschaftsvertretern, jenen oftmals "gut informierten Kreisen", sowie desperat verstreute Informationen im Internet bilden das Fundament ihrer Analyse. Zusätzlich werden die Wirksamkeit internationaler Verträge und insbesondere in Winfried Wolfs Recherche, die Stellungnahmen der Regierung Schröder miteinbezogen. Die politischen Ziele der US-Regierung, der deutschen aber auch der russischen politischen Führung seit dem 11. September werden so, quasi im O-Ton, gebündelt offengelegt.

Aber erst wenn diese, wie Biermann und Klönne es gemacht haben, vor dem Hintergrund der weltpolitischen Veränderungen seit dem Zusammenbruch des Ostblocks interpretiert werden, erklärt sich die Kernaussage beider Untersuchen. Ja, sagen die Autoren übereinstimend, es hat sich etwas verändert, aber der 11. September ist lange nicht der politische oder militärische Einschnitt, als der er immer hingestellt wird. Vielmehr sind die Anschläge auf das World Trade Center insofern ein Wendepunkt, als dadurch eine von internationalen Verträgen und öffentlichem Widerstand bislang beschnittene US- und deutsche Außenpolitik, letztere in geringerem Umfang, national und international durchgesetzt werden konnte. Für Arno Klönne, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paderborn, wird dieser Aspekt in den deutschen Medien kaum wahrgenommen. Außenpolitische Realitäten werden in Deutschland überwiegend moralisierend diskutiert, entweder pro USA aufgrund der historischen Verpflichtung oder contra USA wegen angeblicher kultureller Hegemonialansprüche.

Biermann und Klönnes Untersuchung räumt, durch zahlreiche Quellen belegt, mit einigen Vorurteilen auf: Die mittelasiatische Region ist nicht der Schauplatz eines neuen "Great Games", wie es sich zwischen England und Russland im 19. Jahrhundert abspielte und, was viele Kritiker der USA immer vermuten, auch die Erschließung der Erdölressourcen spielen im internationalen Energiemarkt keine entscheidende Rolle. Vielmehr stellen Biermann / Klönne die These auf, das Engagement der USA in Mittelasien habe einen geostrategischen Grund: Russland mit seinem militärischen Potential durch die eigene Präsenz einzukreisen.

Die konkreten Hintergründe des internationalen Terrorismus haben Klönne/Biermann jedoch nicht im Blick. Die Erklärung, er sei das Ergebnis "sozialer Verwerfungen der weltweiten kapitalistischen Ökonomie" ist etwas dürftig. Zumal der islamische begründete Terrorismus global agiert. Wie und warum dies so ist, wäre durchaus eine differenzierte Analyse wert. Auch Winfried Wolf, Bundestagsabgeordneter, Journalist und Autor behandelt dieses Problem in seinem Buch Afghanistan, der Krieg und die Neue Weltordnung nur am Rande. Vielleicht, weil die arabischen Quellen, die eine Binnenanalyse der konkreten Bedingungen in der arabischen Welt gestatten würde, nicht so leicht zugänglich sind. Was Wolfs Buch dennoch lesenswert macht, ist die präzise Analyse der deutschen Rolle in der internationalen Politik seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 bis zum Afghanistankrieg. Immerhin sind inzwischen über 10.000 deutsche Soldaten in "out of area" Einsätzen weltweit mitbeteiligt.

Die Rolle der maßgeblichen deutschen Politiker und deren Begründungen für eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik erörtert Wolf vor dem Hintergrund der Interessen international agierender Großkonzerne. Man kann sich darüber streiten, welche Funktion Parteien und die Staaten, die sie repräsentieren in der Globalisierung haben. Sicher ist jedoch, das in allen westlichen Demokratien seit dem 11. September ohne großen öffentlichen Widerstand, sogenannte "Sicherheitspakete" durchgesetzt wurden, die bislang für selbstverständliche gehaltene Grundrechte einschränken. Erst wer die beiden Aspekte miteinander verknüpft, so das Ergebnis Wolfs, gewinnt eine Blick darauf, wie internationale Politik in Zukunft aussehen wird. Jede Innenpolitik, auch die deutsche, zu diesem Ergebnis muss man kommen, ist inzwischen anhängig von den USA. Wie man politisch auf diese neue Situation reagieren könnte, bleibt eine allerdings unbeantwortet. Denn weder vorauseilender Gehorsam, wie es die regierenden politischen Parteien gegenüber den USA nach dem 11. September praktiziert haben, noch ein dumpfer Antiamerikanismus sind Perspektiven, die demokratische Zivilgesellschaften stärken können. Wolf empfiehlt die "selbstkritische Reflexion" der kritischen Teile der Gesellschaft. Wie dies jedoch das zentrale Problem des Desinteresses vieler Menschen im Westen an Politik überhaupt lösen soll, bleibt offen.

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