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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Truppenaufstockung nützt nichts09.11.2017

AfghanistanDie Truppenaufstockung nützt nichts

Die Nato schickt mehr Soldaten nach Afghanistan. Eine Truppenaufstockung gab es schon unter US-Präsident Barack Obama - gebracht habe sie nichts, kommentiert Jürgen Webermann. Über politische Lösungen spreche dagegen derzeit so gut wie niemand - mit fatalen Folgen für das Land.

Von Jürgen Webermann

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Soldaten stehen inmitten eines Trümmerfelds nach einem Anschlag in der afghanischen Provinz Paktia. (FARID ZAHIR / AFP)
Afghanistan: Das Land wird immer mehr zum rechtsfreien Raum (FARID ZAHIR / AFP)
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Wir wissen nicht mehr weiter in Afghanistan? Gut, schicken wir einfach mehr Soldaten. Das scheint die derzeitige NATO-Strategie zu sein, und die kennen wir schon irgendwo her. Richtig: Unter Präsident Obama gab es schon mal eine Aufstockung. Damals waren es aber nicht um die 3.000 zusätzliche Soldaten in Afghanistan, es waren Zehntausende. Und die sollten mal so richtig aufräumen mit den Taliban.

Gebracht hat es – Sie ahnen es schon: Nichts! Im Gegenteil. Afghanistan steht heute so schlecht da wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Regierung kontrolliert nur noch ein Viertel des Landes. Der Rest ist umkämpft, in der Hand der Taliban oder einfach nur einfach nur rechtsfreier Raum. Die Zahl der zivilen Opfer steigt auf immer neue Höchststände. Sogar der sogenannte Islamische Staat hat – zumindest als gefürchtete Terrormarke – in Afghanistan Fuß gefasst. 

Auch die Ausbildung der afghanischen Armee, für die ja derzeit die allermeisten NATO-Einheiten im Land stationiert sind, ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Sogar höchste afghanische Offiziere verkaufen Waffen, Treibstoff oder Ausrüstung weiter an die Taliban. Und den Taliban gelingt es, eine Großstadt wie Kundus mehrfach zu überrennen.

Niemand redet über politische Lösungen

Die afghanischen Kommandeure dort werden übrigens von der Bundeswehr geschult. Es drängt sich die Frage auf, ob sie überhaupt etwas gelernt haben. Internationale Soldaten sorgen derzeit lediglich dafür, dass die afghanische Armee nicht auseinander bricht. Die Grundregel lautet: Wird es auf dem Schlachtfeld brenzlig, dann greifen halt die westlichen Soldaten ein.

Über politische Lösungen spricht dagegen derzeit so gut wie niemand. Dabei bröckelt es derzeit gefährlich in Afghanistan. Alte Kriegsfürsten und auch deren Milizen kriechen wieder aus ihren Löchern. Die Regierung ist de facto zwischen zwei verfeindeten Lagern gespalten und handlungsunfähig.

Jetzt mischen Russland, Iran, China, Indien und Pakistan auf ihre Art in Afghanistan mit, von außen wirkt das komplizierte Geflecht aus sich überlagernden Interessen bisweilen bizarr. Und der Westen? Europa und die USA haben keinerlei Kraft mehr, um auch nur über einen großen Wurf nachzudenken oder auch nur darüber, alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen. Stattdessen schickt die NATO also mehr Soldaten. Wer erwartet, dass das etwas bewirken wird, ist bestenfalls: naiv!

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