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Afghanistan-Einsatz im Comic

Kursiv: Arne Jysch: "Wave and Smile", Carlson-Verlag.

Von Gemma Pörzgen

Ein Beispiel für eine Graphic Novel - hier im Comic Salon Erlangen.
Ein Beispiel für eine Graphic Novel - hier im Comic Salon Erlangen. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Arne Jysch arbeitet eigentlich als Storyboarder beim Film - nicht verwunderlich also, dass sein Buch eine Art Comic geworden ist, doch mit einer weitaus komplexeren Erzählstruktur."Wave and Smile" ist die erste deutsche Graphic Novel, die sich mit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan beschäftigt.

Der Autor Arne Jysch lebt in Berlin und war noch nie in Afghanistan. Eine Recherchereise schien ihm zu gefährlich. Trotzdem hat er den Versuch gewagt, dem Afghanistan-Einsatz einen politischen Comic zu widmen. Und es klingt authentisch, wenn er aus dem Tagebuch seines gezeichneten Helden, Hauptmann Menger, vorliest, der gerade das Kampfgeschehen hautnah miterlebt hat.

"Das ist ein böser Tag gewesen. Hauptgefreiter Basi, Feldwebel Schumm und Hauptfeldwebel Dissberg sind gefallen. Es gab fünf Schwerverletzte."

Die dazugehörige Zeichnung zeigt: Hauptmann Menger sitzt 2009 in Kundus in seiner Stube am Laptop; neben ihm stehen die schweren Stiefel neben der Waffe. Über ihm ist eine improvisierte Wäscheleine gespannt, an der Handtücher hängen. An der Wand im Hintergrund eine Afghanistan-Karte und drei Bilder der gefallenen Kameraden mit schwarzem Trauerbalken. Jysch liest weiter aus dem Tagebuch seiner Hauptfigur:

"Ich habe schon Angriffe erlebt, 2006 bei meinem zweiten Einsatz. Doch dieser, der hatte eine neue Qualität. Das war kein "hit and run" mehr. Das war klar auf Vernichtung angelegt. Wir verlieren immer mehr Gebiete westlich des Kunduzrivers an die Insurgents. Das sind "no go areas" für uns. Wie soll man da noch seinen Auftrag ausführen? Wir schaffen es ja nicht mal, uns selbst zu beschützen. Das ist ein Scheiß-Krieg hier. Aber das will ja keiner wahrhaben."

Arne Jysch blickt auf, erklärt, warum er diese Passage so wichtig findet:

"Das war mir wichtig, das nicht ganz vorab zu stellen, sondern da erstmal einzusteigen in die szenische Handlung und dann so ein bisschen einen Schritt zurückzumachen. Und so die Gedankenwelt der Hauptfigur, auch die Situation, in der sie sich 2009 befinden, darzustellen. Das war quasi, bevor überhaupt von Gefallenen gesprochen wurde in Deutschland, geschweige denn von Krieg."

Ende 2008 hatte eine heftige Diskussion mit einem Exil-Afghanen Jyschs Interesse geweckt. Er las Bücher über den Bundeswehr-Einsatz und beschloss zunächst aus dem faszinierenden Stoff, einen Film zu machen. Als das nicht gelang, ging Jysch zum Carlsen-Verlag und legte dort einige Zeichnungen vor. Weil er Animation studiert hat und als Storyboarder beim Film sein Geld verdient, hatte der 38jährige das Drehbuch zeichnerisch umgesetzt. Der Verlag war begeistert und gab ihm den Auftrag für eine Graphic Novel.

"Ich finde ganz gut, dass die Verlage diesen Begriff nutzen. Besonders der Carlson-Verlag schreibt es manchmal sogar vorne drauf, Graphic Novel, auf die Bücher, um einfach auch ein anderes Publikum anzusprechen. Man könnte auch grafischer Roman sagen, aber das klingt ein bisschen hölzern."

In Frankreich und in den USA haben politische Graphic Novels schon Tradition. Für Deutschland ist es ein eher neues Genre. Welches Potenzial diese Form bietet, wird bei Jyschs Buch sehr schön deutlich.

Die Geschichte von Hauptmann Menger ist spannend erzählt. Der Soldat steckt mitten im Afghanistan-Einsatz, kommt mit dem deutschen Alltag kaum noch zurecht und kehrt auf eigene Faust an den Hindukusch zurück, um seinen verschollenen Kameraden zu suchen. In den Bildern gelingt es dem Zeichner, eine dichte Atmosphäre zu schaffen, die realitätsnah wirkt und die komplette Wirklichkeit des Afghanistan-Einsatzes widerspiegelt. Die Aquarell-Zeichnungen sind passend zu Land und Leuten in warmen Erd- und Wüstentönen gehalten, die Dialoge voller prallem Leben: Die Soldaten fluchen, reißen dumme Witze. Und wie es sich für einen guten Comic gehört, es kracht und rumst:

"Da habe ich auch viel überlegt, ist das jetzt in einem Erwachsenen-Comic besser, die Geräusche wegzulassen oder seriöser wirken zu lassen. Typisch ist, wenn man sich Filmmaterial von Gefechtssituationen in Afghanistan anschaut, das ist immer besonders geräuschvoll. Und da musste ich mich halt entscheiden, irgendwelche Geräusche zu finden dafür, und da war es für mich für die deutschen G 36 Gewehre das Tatata und für die AK 47 der Aufständischen dann das Taktaktak, um die auch unterscheidbar zu machen. Dann gibt es natürlich noch andere Geräusche wie Fuff und Pfuff, da habe ich versucht, nicht die üblichen amerikanischen Comic-Geräusche zu finden."

Mit Stilsicherheit schafft es Jysch trotz dieser lauten Momente in seine Bilder auch Passagen der Stille einziehen zu lassen, wenn es um Tod und Sterben am Hindukusch geht. Da lässt er die Sprechblasen seiner Figuren einfach weg und setzt allein auf die Ausdruckskraft seiner Zeichnungen. Der Vorwurf einiger Kritiker, der Comic erinnere sie an kriegsverherrlichende Landser-Hefte, tut dem Autor Unrecht. Er setzt sich mit dem Einsatz kritisch auseinander und versucht dabei, alle Konfliktparteien zu berücksichtigen, selbst die Taliban. Nicht nur für Soldaten ist "Wave and Smile" eine lohnende Lektüre. Der Comic bietet auch die Chance, Leser und Leserinnen zu erreichen, die sich sonst nicht für Politik interessieren.

Buchinfos:
Arne Jysch: Wave and Smile,Graphic Novel, Carlsen Verlag, 200 Seiten, 24,90 Euro, ISBN: 978-3-551-73053-4



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