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StartseiteTag für Tag"Es fehlt eine durchdachte Politik gegen den islamischen Extremismus"17.02.2016

Afghanistan"Es fehlt eine durchdachte Politik gegen den islamischen Extremismus"

Rund 18.000 Flüchtlinge kamen im Januar aus Afghanistan nach Deutschland. Die Zustände in ihrer Heimat sind desolat. Dazu trägt auch die sehr konservative Lesart des Islam bei, der sich Staatspräsident Aschraf Ghani verschrieben hat. Doch es gibt andere muslimische Traditionen, sagt der afghanische Philosoph und Islamwissenschaftler Ali Amiri.

Von Martin Gerner

Mansur Jermal (24, l.) und Khamran Han (21), umringt von anderen jungen Männern, mit denen sie aus Afghanistan geflüchtet sind. (ARD / Ralf Borchard)
Oft werden junge, alleinstehende Männer von ihren Familien auf die Flucht nach Europa geschickt. (ARD / Ralf Borchard)
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"Christentum, Judentum und der Islam – sie alle sind aus der abrahamitischen Tradition hervorgegangen. Der Koran nennt Moses und Jesus ebenfalls als seine Propheten, auch Mutter Maria kommt häufig vor. Das verbindet uns. Wir sind im Grunde Teil einer Tradition und Kultur."

Ali Amiri betont das Gemeinsame. Er stellt zugleich fest, dass in Afghanistan eine Aufklärung nach westlichem Muster ausgeblieben ist. Der 39-jährige Islam-wissenschaftler und Philosoph, der über Wittgenstein promoviert hat und zur intellektuellen Elite seines Landes gehört, ist nicht hoffnungslos für sein Land, trotz Taliban, Al Qaida und Daesh.

Islam - keine politische Ideologie, sondern religiöses Phänomen

"Natürlich sind radikale Bewegungen aktiv in Afghanistan, die sich den Islam auf die Fahnen schreiben. Für ein präzises Bild müssen wir aber genauer hinschauen, anstatt von einem Steinzeit-Islam in Afghanistan zu reden. Es gibt eine Reihe religiöser Ausprägungen, wenn wir über Afghanistan sprechen."

"Ich interpretiere den Islam nicht als eine politische Ideologie sondern als religiöses Phänomen – als etwas, das sich ausschließlich zwischen Gott und dem Menschen abspielt. Ich erkläre, wie diese Beziehung sich historisch entwickelt hat."

Die Taliban etwa sind ein ideologischer Import aus Pakistan. Mit ihnen ist wahabitisches Islam-Verständnis an die Stelle gemäßigter Koran-Auslegung getreten.

"Nach der Invasion der Roten Armee in Afghanistan 1979 brauchte es eine politische Ideologie und eine Begründung, um den Kampf und den Jihad gegen die Russen zu rechtfertigen. Der Begriff 'Dschihad' meint dabei im Kern nicht den bewaffneten Kampf sondern eine geistige Grundhaltung, das Übel in sich selbst, in der eigenen Seele zu bekämpfen. Sich zu überprüfen – das meint der 'große Dschihad' im Ursprung. Den Dschihadisten von heute fehlt es genau an dieser inneren Auseinandersetzung. Sie betreiben keine Einkehr, wollen aber die Welt verändern."

Ghanis Außenpolitik schaut nach Westen

Amiri hat im Iran studiert. Er nennt sich kritisch gegenüber dem Nachbarland. Politisch steht er Abdullah Abdullah nah, dem faktischen Premier-Minister unter Ashraf Ghani, dem aktuellen Präsidenten. Dieser sei umgeben von konservativen Gelehrten, was gravierende Folgen haben könne.

"Präsident Ghani hat in den USA studiert. Seine Außenpolitik schaut nach Westen. Das ist gut. Aber innenpolitisch nützt es ihm nicht, zumal der Westen nicht versteht, was in Afghanistan vor sich geht und das Land voranbringen würde. Ghani steht mächtig unter Druck religiöser Hardliner. Er koaliert mit ihnen und sie pflegen eine enge Beziehung zu ihm."

"Praktisch bedeutet dies, dass unter seiner Regierung viele junge Männer zu Radikalen ausgebildet werden können, im Sinne der Ideologie von Taliban, Al-Qaida oder islamischem Staat."

"Große Teile im afghanischen Erziehungsministerium stehen unter Einfluss dieser Konservativen. Das kann in Zukunft zu deutlich mehr extremistischem Gedankengut führen. Was fehlt ist eine Politik gegen den Extremismus. Das bereitet mir große Sorgen."

Die Intervention von USA und NATO in Afghanistan spiele dabei eine Rolle, so Amiri.

"Nach der US-Intervention hat sich die Situation noch zugespitzt. Vom Standpunkt der Religion aus ist es meiner Ansicht dringend notwendig, das die hanafitische als die tolerante, vernunft-orientierte Interpretation des Islam, die traditionell in Afghanistan überwogen hat, wieder mehr zur Geltung kommt. Sie würde es den Menschen erlauben, zu sich zu finden."

Tolerant sein - der Kern der Sufi-Lehre

Bezeichnend dafür mag sein: Sunniten und Schiiten leben in Afghanistan weitgehend friedlich zusammen, anders als in Teilen der muslimischen Welt. Der Sufismus spielt hier eine Rolle.

"Während der letzten 50 Jahre ist diese Tradition weitgehend zerstört worden. Aber es gibt sie immer noch. Der Sufismus lebt nach wie vor. Was von ihm übrig ist, kann eine wichtige Rolle spielen bei der politischen und gesellschaftlichen Wiederbelebung des Landes, vor allem die Toleranz, die vom Sufismus ausgeht."

"Tolerant sein, eine Absage an gesellschafts-schädigendes Verhalten, an Gewalt gegen Dinge, Menschen und Tiere. Das ist der Kern der Sufi-Lehre."

Amiri ist Mitbegründer der privaten Ibn-Sina Universität in Kabul. Was er vor allem vermisst? Gute Bibliotheken, um den Wissensdurst der jungen Generation stillen.

"Ja. Viele Afghanen beten zu Gott auf Arabisch. Ohne Arabisch zu verstehen. Das ist ein Ritual. Das darf so sein. So wie es Karneval als Ritual in Köln gibt, so gilt es bestimmte Rituale zu respektieren. Was es braucht ist vielmehr eine vernünftige Deutung des Islam."

"Ich bin zum Beispiel für die Beteiligung von Frauen am politischen Leben, und gegen eine Diskriminierung was ihr Erbrecht angeht. Viele der realen Einschränkungen für Frauen finden keine Entsprechungen im Islam. Sie haben sich vielmehr historisch so entwickelt. Dadurch, dass immer wieder Behauptungen aufgestellt wurden, hat sich eine Mehrheit danach gerichtet. So ist eine Reihe von Dogmen entstanden. Aber es gibt keinen Grund, diese Dogmen zu beherzigen. Im Gegenteil. Sie können geändert werden."

Demokratie und Islam sind vereinbar

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie beantwortet Amiri zuversichtlich. Er mahnt aber auch mit Blick auf die afghanische Geschichte.

"Vom theologischen Standpunkt sind Demokratie und Islam vereinbar. Zugleich müssen wir lernen, was die afghanische Geschichte uns hierzu lehrt. Es ist auch ein Klischee zu sagen, Demokratie und Islam sind vereinbar. Zuversicht allein bringt uns nicht weiter."

"In Facebook und den sozialen Medien wird viel diskutiert über diese Frage. In den Printmedien und im Fernsehen dagegen finden keine offenen Debatten über Fragen der Religion statt. Darüber, was die Ulema tut, das höchste Gremium der Geistlichen. Man müsste also erst einmal anfangen zu reflektieren, was hier abläuft."

"Meinungsfreiheit in Afghanistan ist nicht das Thema. Man kann hier frei reden. Keiner kontrolliert einen, was man sagt oder nicht. Es geht vielmehr um Bildung, um Einrichtungen, um Möglichkeiten zum systematischen Lernen, zum Austausch. Daran fehlt es. Das kann sogar ein Grund sein, das Land zu verlassen."

Viele Afghanen drängt es nach Deutschland. Oft junge, alleinstehende Männer, die von ihren Familien geschickt sind. Werte, die wir als christlich bezeichnen, sind vielen nah, auch wenn sie es anders nennen würden. Die neuen Regeln der Demokratie? Ein Prozess der Integration, der beide Seiten fordert. Amiris Universität hat im vergangenen Jahr über 220 Studenten durch Migration verloren. Die Ausreise-Welle werde andauern, prognostiziert er, weniger stark. Die junge Generation findet: alles bleibt beim Alten. Das ist langweilig für die Studenten, eine kulturelle Wüste. Einige wenige verlassen also auch das Land, weil sie hier keinen wirklichen Austausch zu diesen Themen finden.

Dialog zwischen Islam und Christentum

Ein offenes Geheimnis in Kabul ist die Anzahl der Konvertiten zum Christentum, vielfach als Folge der Intervention. Konvertiert wird heimlich, weil Abfall vom Glauben unter Strafe steht. Zu Unrecht, meint Amiri.

"Beide, Shia wie Sunna, sagen traditionell, dass es verboten ist, aus dem Islam in eine andere Religion zu konvertieren. Historisch und auch logisch fehlt es aber an Grundlagen, um dieses Verbot aufrechtzuerhalten. Der Koran kennt eine Anzahl von Versen und Überlieferungen des Propheten, dass jeder frei ist im Glauben seinen Weg zu gehen. Ein Widerspruch also. Es gibt keine Stellen im Koran, die rechtfertigen einen anderen zu töten, weil er zu einem anderen Glauben konvertiert."

Für ausbaufähig hält Amiri den interreligiösen Dialog zwischen Islam und Christentum.
"Ich denke dem westlichen Christentum fehlt es an fundiertem, glaubwürdigem Wissen über den Islam. Wünschenswert ist eine größere Empathie füreinander, die hilft, sich besser zu verstehen. Es reicht nicht, eine deutsche oder französische Übersetzung des Islams allein zu besitzen."

"Der Anspruch auf Überlegenheit im Westen ist offenbar. Aber die christliche Religion beansprucht soweit ich sehe keinen Vorrang über die anderen Religionen. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil, 1962, wurde der Islam auch formell durch den Katholizismus als monotheistische Religion anerkannt. Das ist eine Errungenschaft und gut für die Koexistenz der Religionen. Kulturell gibt es also keine Probleme, in der Theorie. Politisch dagegen schon eher.

"Die extreme politische Rechte in Europa gewinnt aktuell an Einfluss. Das ist ein neuer Trend. Auf diese Art sind unsere Beziehungen natürlich sehr wohl von gesellschaftlichen, sozialen und politischen Faktoren bestimmt. Das macht es so komplex."

 

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