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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteInformationen am MorgenKeine Sicherheit, keine Perspektive17.12.2015

AfghanistanKeine Sicherheit, keine Perspektive

Khalid ist 21, lebt in Kabul und ist für seine Familie allein verantwortlich: Seine beiden Brüder haben aufgrund der schwachen Wirtschaft und der zunehmend unüberschaubaren Sicherheitslage bereits das Land verlassen. Auch Khalid denkt darüber nach, Afghanistan den Rücken zu kehren. Nach Deutschland will er aber nicht.

Von Jürgen Webermann

Afghanen warten auf die Ausgabe der bewilligten Reisepässe an der Passstelle in Kabul. (picture-alliance / dpa/Subel Bandari)
Teure Ausreise: Ein Visum für die Türkei kostet bis zu 6.000 Dollar. Das können sich viele Afghanen nicht leisten. (picture-alliance / dpa/Subel Bandari)
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Khalid wartet vor dem Tor zum Passamt in Kabul. Es ist ein sonniger Dezembermorgen. Die Straße vor der Behörde ist belebt, fliegende Händler bieten einen Kopierservice an, andere verkaufen Essen und Getränke.

Auch wenn die Schlange nicht mehr kilometerweit durchs ganze Viertel ragt wie vor wenigen Wochen noch: Es herrscht Hochbetrieb. Khalid wartet mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinen beiden Neffen darauf, eingelassen zu werden.

"Wir brauchen neue Pässe für den Fall, dass die Sicherheitslage hier schlimmer wird. Dann werden auch wir das Land verlassen müssen."

Khalid ist 21, er ist jetzt der Verantwortliche für die Familie. Zwei Brüder sind bereits gegangen, einer ist in Schweden, ein anderer in Tadschikistan.

"Wir haben nicht genug Geld für die Schmuggler, deshalb sind wir anderen noch hier."

Ein Visum für die Türkei kostet bis zu 6.000 Dollar, das Gesamtpaket mit Reisekosten wurde Khalid, wie er sagt, für 20.000 Dollar angeboten.

Offener Krieg, schwindender Handel

In Kabul sind es vor allem Anschläge, die Menschen wie Khalid in Angst versetzen. In mehreren Provinzen tobt ein offener Krieg zwischen Taliban und den Sicherheitskräften. Den Extremisten gelang es, allein in diesem Jahr mehr als 20 Distrikt-Hauptorte einzunehmen. Durch die Kämpfe wurden seit Januar fast 200-tausend Menschen aus ihren Städten und Dörfern vertrieben.

Durch den Krieg, eine schwache Regierung, die überbordende Korruption und den Rückzug der internationalen Kampftruppen leiden aber auch Regionen, die als etwas sicherer gelten. Zum Beispiel das Städtchen Hairatan, im Norden an der Grenze zu Usbekistan gelegen. Vor wenigen Jahren noch blühte Hairatan auf. Jetzt laufen die Geschäfte für Händler wie den 31-jährigen Ghaudin schlecht.
"Die Sicherheitslage hier ist gut. Aber der Handel ist eingebrochen. Das ist das Problem."

Ghaudin verkauft Ersatzteile, Lebensmittel, und er behauptet sogar, Wein und Bier aus Usbekistan nach Hairatan schmuggeln zu können. Aber weil die Verbindungsrouten nach Kabul häufig unterbrochen sind, geht es bergab, der Bürgermeister der Stadt spricht von 30 Prozent weniger Handel. Das passt zur Gesamtlage. Die ausländischen Investitionen in Afghanistan betrugen schon 2014 nur noch 53 Millionen Dollar, das ist ein Viertel des Wertes von 2010. Das Wachstum, das vor drei Jahren noch zwölf Prozent betrug, liegt nur noch bei zwei Prozent, und selbst das halten Viele für optimistisch.

Perspektivlosigkeit

Und so fehlt es in Afghanistan meist nicht nur an Sicherheit, sondern auch an einer Perspektive – vor allem für junge Menschen wie Khalid, der in Kabul auf seinen Pass wartet.

"Aber wenn ich gehe, dann nur mit meiner Familie. Ich bin der letzte Mann in der Familie, seit die Brüder weg sind. Ich bin alleine hier."

Sollte er das Geld für die Flucht haben, will Khalid mit der Familie nach Europa. Aber nicht nach Deutschland. Denn dort, sagt er, würden Afghanen nicht mehr anerkannt. Das habe er aus den Medien erfahren.

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