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StartseiteEine WeltÜberreste deutscher Entwicklungshilfe05.03.2016

AfghanistanÜberreste deutscher Entwicklungshilfe

Nachdem die Taliban vergangenes Jahr Kundus überrannten und erst nach tagelangen Kämpfen wieder vertrieben werden konnten, sind 13.000 Familien Flüchtlinge im eigenen Land. Offizielle deutsche Entwicklungshilfe gibt es hier derzeit nicht - immer mehr machen sich deshalb auf den Weg nach Europa.

Von Marc Thörner

Afghanische Armee in Kundus (3.10.2015). (picture alliance / dpa / Jawed Kargar)
Afghanische Armee in Kundus (3.10.2015). (picture alliance / dpa / Jawed Kargar)
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Ein kleiner Junge ruft zum Gebet, lässt seine Stimme über die Dächer von Kundus schallen, ein Junge als Muezzin. Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs? Oder lediglich Zeichen dafür, dass auch Kinder überall mithelfen müssen, damit die Dinge wieder funktionieren?

Vor wenigen Monaten erst, im Oktober 2015, überrannten Taliban die Stadt und hielten sie tagelang besetzt. Nur durch US-geführte Luftangriffe und Verstärkungen aus Kabul konnten die Angreifer wieder vertrieben werden.

Im Zentrum ist davon zunächst nichts zu erkennen. Beigefarbene Häuserzeilen, im Erdgeschoss winzige Friseurläden oder Kebab-Bratereien, die Straßen überfüllt von Autos und Händlern, die ihre Karren zu einem der vielen kleinen Märkte schieben. Alles scheint wie vor dem Angriff – auf den ersten Blick. Doch der Schein trügt, sagt ein Beamter vom städtischen Flüchtlingsbüro: Wer mit eigenen Augen sehen wolle, welche Spuren die schweren Gefechte vom Oktober 2015 hier zurückgelassen haben, der müsse im wahrsten Sinn des Wortes hinter die Fassaden schauen.

Untergebracht bei Verwandten oder Stammesangehörigen

Etwa 13.000 Familien, erklärt er, sind durch die Kämpfe vertrieben worden aus unterschiedlichen Distrikten der Provinz Kundus. Untergebracht sind sie aber nicht, für die Öffentlichkeit sichtbar, in Zeltstädten oder in Wohncontainern, sondern bei Verwandten oder Stammesangehörigen. Der Mann vom Flüchtlingsamt führt uns zu einer solchen Unterkunft.

Wie viele der hier üblichen Wohnhäuser, besteht auch dieses aus drei einstöckigen Lehmbauten, die sich hufeisenförmig um einen kleinen Wirtschaftshof gruppieren.

Der Gästeflügel ist eigentlich dazu gedacht, dass die Freunde des Hausherrn sich gegenüber sitzen, Tee trinken und miteinander sprechen. Jetzt aber drängen sich in dem schlauchartigen Raum Dutzende Vertriebener, mehrköpfige Familien samt Großeltern und Kindern. Eine etwa 30-jährige Frau hat ihr Baby mit einer Wolldecke umwickelt und versucht, es so gegen die Winterkälte zu schützen.

Ein ausgebrannter Polizeiwagen in Kundus. (AFP / Stringer)Ein ausgebrannter Polizeiwagen in Kundus. (AFP / Stringer)

"Viele Menschen aus unserem Dorf sind durch die Kämpfe umgekommen, unsere Nutztiere wurden getötet. Es ist, als ob wir zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben werden, den Regierungskräften und den Taliban. Zu Hause haben wir keine Sicherheit und nichts zu essen."

In den Raumecken dienen Gaskocher als behelfsmäßige Herde. Der etwa 50-jährige Abderrahman bereitet sich Tee und wärmt zugleich seine Hände an der kleinen Flamme. Auf absehbare Zeit wird er wohl nicht die Ernte einbringen können, sagt er – nicht mal als Arbeitskraft bei anderen.

"Ich wurde von einem Artillerieschrapnell getroffen, wahrscheinlich abgeschossen von den Regierungskräften. Als die Granate einschlug, war ich gerade auf meinem Feld. Die Splitter stecken mir immer noch im Rücken."

Ein junger Mann bittet um Telefonnummern und Adressen in Deutschland.

"Ich will lieber früher als später von hier weg und nach Deutschland gehen. Ich will dort einfach nur in Frieden leben. Leute aus unserem Dorf sind bereits nach Deutschland gereist, illegal durch den Iran und die Türkei. Einige sind unterwegs gestorben, einige haben überlebt. Die haben uns angerufen und von Deutschland nur das Beste erzählt. "

Doch auch, wenn er das gerne möchte, wie alle anderen hier, leisten kann er sich den Trip nicht. 10.000 Dollar, sagt er, das sei das gängige Startkapital. Soviel brauche man, um sich überhaupt erst auf den Weg machen zu können.

Vorwürfe gegen deutsche Entwicklungshilfe

Die deutlichsten Spuren haben die Kämpfe vom Oktober 2015 im Distrikt von Schahardarah hinterlassen. Die Mauern der Polizeiwache stehen zwar noch, aber die meisten Räume sind ausgebrannt und unbenutzbar. Abu Sairas, der Distriktchef, geht durch die Trümmerwüste voran.

Der Boden ist mit Schrapnells und anderen Kampfrückständen übersät. Nur in der ehemaligen Küche, wie vom Wechsel der Zeiten unbeschadet, prangt noch, an einer Schublade die säuberliche Aufschrift "KARTOFFELN", irgendwann mal angebracht von einem Koch der Bundeswehr. Apropos Deutschland. Auf der Stirn des Distriktchefs zeigt sich eine Zornesfalte. In seinem Büro zeigt er auf eine Karte der Provinz.

"Deutschland hat die lange geplante Verbindungsstraße zwischen Kundus und Mazar-e Sharif nicht gebaut. Wäre die fertig gewesen, hätte das unsere Sicherheit wesentlich verbessert. Dann hätten Verstärkungen unsere bedrängten Armee- und Polizeieinheiten in Kundus wesentlich schneller erreicht. Der Grund, weshalb die Taliban hier so stark sind, ist ganz einfach. Unsere Jugendlichen haben keine Arbeit, sie brauchen Geld und die Taliban geben es ihnen. Wenn wir Fabriken hätten, Betriebe, Unternehmen, wäre ein großer Teil des Problems gelöst. Wir haben zum Beispiel Fabrikanlagen, wir könnten sie entwickeln und dort viele Arbeitsplätze schaffen, alles was wir brauchen ist eine Anschubfinanzierung. Deutschland hat das alles versprochen, aber nun kommt nichts."

GIZ hat Mitarbeiter aus Kundus abgezogen

Hat die Bundesregierung Kundus wirklich im Stich gelassen? Das Büro der GIZ, der staatlichen deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, liegt in einem ruhigen Villenviertel am Stadtrand von Kundus. Nach langem Klopfen öffnet sich schließlich eine Luke. Der Wächter ist kurz angebunden. Alle Deutschen seien weg, die afghanischen Mitarbeiter nicht zu sprechen.

Auf Nachfrage bestätigt die GIZ in der Nachbarprovinz Baghlan, dass ihre deutschen Mitarbeiter auf unbestimmte Zeit aus Kundus abgezogen wurden. Was noch ausstehende Projekte angehe, so gelte die Devise: Erst müsse die Regierung Sicherheit garantieren. Sicherheit sei die Voraussetzung für plangemäßen Aufbau. Mohammed Safi sieht das ganz anders.

"Es gibt seit Langem eine gewaltige Lücke zwischen dem, was Deutschland uns versprochen hatte und was es wirklich eingehalten hat."

Der Mittfünfziger mit dem tiefschwarzen Schnurrbart war bis zum Überfall der Taliban im Oktober 2015 Gouverneur von Kundus. Dann setzte Präsident Ashraf Ghani ihn ab. Offiziell deshalb, weil Safi dem Angriff der Taliban nicht vorgebeugt habe. Dabei, so betont der Ex-Gouverneur, habe gerade er immer wieder vor genau so einem Angriff gewarnt. Gewarnt habe er auch die Deutschen. Aber statt durch kontinuierliche Hilfe Kundus stabil zu machen, hätten die seit dem Bundeswehrabzug 2013 ein Vorhaben nach dem anderen auf Eis gelegt.

"Die Deutschen haben mir offen mitgeteilt: Wir setzen die meisten unserer Projekte deshalb aus, weil die Sicherheit so schlecht ist. Mein Gegenargument war: Je weniger Deutschland Hilfe leistet, desto unsicherer wird es, desto mehr Flüchtlinge werden wir im eigenen Land bekommen und desto mehr Afghanen werden sich auf den Weg nach Europa machen."

Ein Gegenargument, das sich aus heutiger Sicht schwer widerlegen lässt.

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