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StartseiteEssay und DiskursDie Kunst des Palavers08.03.2015

Afrikanisches DenkenDie Kunst des Palavers

Wie können sich das westliche und afrikanische Denken gegenseitig befruchten? Im Gespräch mit dem DLF zeigt der französische Philosoph Vincent Cespedes eine Antwort auf. Eine der vielen spannenden afrikanischen Kulturtechniken sei das Palaver, das auch euro-afrikanisch funktionieren könne.

Vincent Cespedes im Gespräch mit Michael Magercord

Der Philosoph Vincent Cespedes steht vor einem Fenster. (AFP / Jacques Demarthon)
Der Philosoph Vincent Cespedes (AFP / Jacques Demarthon)

Michael Magercord: Ein Dialog der Kulturen - wie oft wird er eingefordert! Doch wie soll man ihn führen? Zumal, wenn die Dialogpartner zwei so unterschiedliche Kulturen sind wie die schwarzafrikanische und die westlich-europäische?

Der Blick auf Afrika ist geprägt von der Sorge vor Flüchtlingsströmen oder der Ausbreitung von Seuchen. Andererseits werden auf dem schwarzen Kontinent große Zukunftspotenziale verortet. Nicht mehr nur der Rohstofflieferant Afrika findet Beachtung, sondern auch seine junge und dynamische Bevölkerung.

Bislang dominieren wirtschaftliche Interessen den Austausch zwischen Afrika und Europa, doch gibt es darüber hinaus auch kulturelle Anknüpfungspunkte in den beiden benachbarten Kontinenten?

Der französische Denker und Autor Vincent Cespedes ist davon überzeugt. Als angewandte Philosophie bezeichnet der 41-Jährige seine zahlreichen Bücher, Fernsehauftritte und Vorträge, in denen auch immer wieder vom schwarzen Kontinent die Rede ist. Denn erst im Dialog mit Afrika könne die westliche Moderne die vornehmliche Aufgabe der Philosophie bewältigen, nämlich sich selbst zu erkennen.

Vincent Cespedes fordert ein großes Palaver zwischen den beiden Kulturen und bietet eine erste Anleitung dazu - mit ganz praktischen Folgen für den Alltag. Palaver. Afrikanisches Denken. Der französische Philosoph Vincent Cespesdes im Gespräch mit Michael Magercorf.

"Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt: Nicht mehr wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten, sondern technische Mittel und Berechnung leisten das." Max Weber, 1919

Vincent Cespedes: Wir befinden uns in einer Sinnkrise, die Max Weber die Entzauberung der Welt nannte. Wir sind immer noch entzaubert, doch wollen wir uns wieder verzaubern lassen, wissen aber nicht mehr, wie das vor sich gehen könnte. Was wir stattdessen erleben, ist ein Rückzug der Religionen, der Ideologien, der großen, uns einigenden Erzählungen. Afrika aber könnte uns zeigen, wie man nach wie vor in den großen Erzählungen leben kann.

Für Europa ist das eigentlich andere, das wahre, ergänzende nicht Asien, das weit entfernt ist. Auch nicht Mexiko oder Südamerika, die sind ebenfalls weit weg. Es ist Afrika, das wir verhöhnt und ausgebeutet haben und das wir nun wieder entdecken müssen im Sinne einer Philosophie der Eintracht und Brüderlichkeit. Und natürlich sollten wir Afrika auch um Hilfe bitten, um Lösungen und einen Dialog, denn ein euro-afrikanisches Palaver wäre nötig, damit unsere technische Zivilisation aus ihrer derzeitigen Sackgasse herausfindet.

Magercord: Der Wilde und der entzauberte Mensch - Max Webers Gegenüberstellung ist so alt wie die Entdeckung der Unterschiede zwischen Menschen und ihren Kulturen. Genutzt wurde die Konfrontation mit dem Anderen, um Missstände in der eigenen Kultur und Gesellschaft am Bild eines reinen Urzustandes zu spiegeln.

Hilfe bei der Sinnkrisenbewältigung also, und dazu bedarf es eines idealen, auch gerne einmal idealisierten Gegenübers. Afrika wurde dafür bisher selten bemüht. Die dort vermutete magische Geisterwelt gilt wohl doch als allzu fern und rückständig. Aber stimmt das? Könnte Afrika uns moderne, aufgeklärte Menschen aus dem Westen doch etwas lehren?

Spielen wir es einmal durch und stellen uns eine Situation vor, wie sie Vincent Cespedes in seinem bisher einzigen Roman mit dem Titel Maraboutés heraufbeschworen hat. Lassen wir uns entführen von einem Marabut, einem afrikanischen Geisterbezwinger. Was würde der uns zu sagen haben?

Zu viel Ich, zu wenig Wir im Westen

Cespedes: Wenn ein Marabut uns kidnappen würde, dann wird er uns, den Menschen aus dem Westen, als Erstes unseren Egoismus vorwerfen: den Drang, die ganze Welt erobern zu wollen; unsere Verbissenheit, wenn es darum geht, unsere Interessen durchzusetzen; sowie unsere mangelnde Großzügigkeit. Der Marabut würde uns ebenso vorhalten, dass wir unser Ich immer in den Vordergrund stellen und unsere Beziehung zum anderen nur als Rivalität und Konkurrenzkampf wahrnehmen. Wir kranken an unserem aufgeplusterten Ich und am Fehlen des Wir, des Kollektivs.

In Afrika hingegen leidet man an einem übergroßen Wir: Der Clan, der Stamm, das Unter-Uns ist dort sehr stark ausgeprägt und steht im Gegensatz zu einem Ich, das erblühen will, aber nicht gedeihen kann. Afrika bedürfte des Kartesianismus. Descartes war der Philosoph, der sagte: Ich denke, also bin ich. Die erste Wahrheit ist der Mensch, der über sich selbst bewusst wird. Und vielleicht würde der Marabut in der Diskussion mit einem Menschen aus dem Westen schließlich erkennen, dass unser Individualismus durchaus auch Vorteile hat. Aber er ist eben auch unsere Schwäche. Und unsere größte Schwäche ist die Unfähigkeit, Kollektive zu schaffen, was aber eben auch ein Vorteil sein kann - alles ist relativ.

Magercord: Alles ist relativ und Afrika ist die Bezugsgröße. Zumindest für Vincent Cespedes. Der Philosoph bezeichnet die Kultur Schwarzafrikas als wichtigste Quelle seines Denkens und führt dafür sogar geopolitische Gründe an.

Cespedes: Mit dem Blick auf das Jahr 2050 rechnen wir mit geopolitischen Kräften, die mehrere Milliarden Einwohner umfassen werden. Und wenn wir die Oberfläche des Globus wie die Schalen einer geschälten Orange betrachten, können wir Nord- und Südamerika als einen Schnitz betrachten, einen weiteren bilden China, Russland und der asiatische Block - und wir Europäer befinden uns gemeinsam mit Afrika auf dem letzten Schnitz. Notwendigerweise werden wir also eine Partnerschaft mit Afrika vollziehen müssen. Doch bevor diese Partnerschaft politisch vollzogen werden kann, muss sie menschlich aufgebaut werden. Denn alles, was der Westen verloren hat, kann er in Afrika wieder entdecken: Er kann lernen was es heißt, Kollektive aufzubauen. Er findet das Rezept des Zaubertranks, mit dem er ein Wir erlangen kann.

Umgekehrt könnte es für Afrikaner eine Therapie sein, nach Europa zu schauen und die Kraft eines starken Ich zu erkennen, das die angewandte Vernunft hervorgebracht hat und damit all die großen Erfindungen der Schulmedizin, der Chirurgie und der Spitzenforschung im Umgang mit der Materie, der Energie, dem Atom.

Magercord: Vincent Cespedes lebt im 10. Arrondissement, im Pariser Norden, der stark durch Zuwanderer aus Westafrika geprägt wird. Frankreich unterhält ein enges, beinahe inniges Verhältnis zu seinen ehemaligen Kolonien. Allerdings ist es nicht immer von gegenseitigen Interessen geleitet. Der Blick auf die inzwischen nicht mehr ganz so jungen Staaten ist nach wie vor postkolonialistisch und auch immer paternalistisch: Afrika als Objekt der Hilfe, politischer, wirtschaftlicher und sozialer. Und der Nachhilfe durch offene Einmischung in seine inneren Verhältnisse. Die bisherige und klassische Entwicklungspolitik mit der einseitigen Festlegung der Notwendigkeiten durch die Helfenden ist zwangsläufig auch immer eine kulturelle Hegemonialpolitik. Welchen Ansatzpunkt für einen echten Dialog, der beide Seiten gleichermaßen betrifft und berührt, könnte es stattdessen geben? Der Philosoph Vincent Cespedes:

Unterschiedliche Auffassungen zum Glück

Cespedes: Den größten Unterschied zwischen der Philosophie Afrikas und der des Westens bildet nichts Abstraktes, sondern etwas ganz Konkretes: Es ist das Glück. Die größte Vorhaltung, die alle Afrikaner, ob Philosoph oder einfacher Mensch, uns machen, ist, dass wir nicht glücklich seien. In Afrika ist das Glück ein Mannschaftssport, eine kollektive Sportart und kein individueller Konsum.

Für Afrikaner ist das Glücklichsein der Ausgangspunkt des Menschseins. Ein Kind ist zu allererst glücklich.

Mit der Betrachtung über das Glück als Ausgangspunkt des Lebens stellt sich eine wichtige ethisch-moralische Frage: Was mache ich aus dieser Grundausstattung Glück? Wo hinein stecke ich all meine Energie? Was stelle ich damit an? Das ist für mich die wahre ethische Frage. Sie entspringt einem ganz anderen Ansatz als dem westlichen, der lautet: Was muss ich erst anstellen, um überhaupt glücklich zu werden? Dahinter steht die Idee des Glücks als Belohnung. Das Streben nach Glück ist sogar in der Verfassung der USA festgeschrieben. Man soll dem Glück nachjagen, es verfolgen, es liegt immer vor uns, ist uns immer einen Schritt voran, ist nicht einfach da. Wir sehen also einen großen Optimismus selbst dort, wo Elend herrscht, und andererseits einen Pessimismus, oder zumindest eine Vision vom Leben als einer Zeit schwerer Anstrengungen, das in der Hoffnung ertragen wird, schließlich dafür belohnt zu werden.

Magercord: Das Glück und die Suche danach sollen also als Ansatzpunkt eines Dialoges über gemeinsame Interessen zwischen so unterschiedlichen Kulturen wie der westlichen und der schwarzafrikanischen dienen. Doch was hat Afrika uns individualisierten Menschen im Westen zu seiner konkreten Ausgestaltung zu bieten? Zur Übernahme in den Kanon der Techniken zur persönlichen Lebensbewältigung stehen uns ja bereits die philosophischen und praktischen Errungenschaften eines anderen Kontinents zur Verfügung.

Wir bedienen uns gern aus asiatischen Kulturen. Ohne allzu große Schwierigkeiten integrieren wir etwa Yoga oder Meditation reibungslos in unser Leben, um Ziele im Beruf oder Privatleben besser verfolgen zu können. Gibt es auch Praktiken aus Afrika, die wir mit dieser Leichtigkeit in unser alltägliches Leben einbauen und anwenden können?

Das Lachen als soziale Funktion

Cespedes: Wir können etliche Dinge anwenden. Da wäre zuallererst das Lachen. In Afrika hat das Lachen eine sehr interessante soziale Funktion. Es entspannt die Beziehungen, und Afrikaner lachen tatsächlich wesentlich mehr als wir. Das ist keine dieser kolonialen Karikaturen. Gelacht wird überall, selbst bei politischen Verhandlungen. Und sogar bei der Arbeit ist Lachen möglich. Bei uns liegt die Sache komplizierter. Lachen ist so etwas wie eine Selbstverhöhnung gegenüber den Dringlichkeiten und Erfordernissen des Realen. Vergiss nicht, dass du nur wenig auf Erden besitzt, und wir sollten diese Art des Lachens wieder pflegen.

Dann gibt es etwas ganz Großartiges in Afrika: Es ist das Palaver. Das Palaver ist die Kunst, mit einer bestimmten Rhetorik zu diskutieren, es ist eine orale Kunst, also mit dem Körper verbunden. Sie basiert nicht auf Reflexion, auf Schriftlichkeit und Institutionen, kurz: dem Hirn, sondern auf Mündlichkeit. Und am Schluss einer Diskussion müssen alle einverstanden sein, alle. Nicht 51 Prozent, sondern 100 Prozent. Ein Palaver kann Wochen oder Monate dauern, und am Ende muss jeder sagen: Wir alle haben den Entschluss mit 100-prozentiger Einstimmigkeit gefasst. Das wäre etwas, was wir entdecken könnten: Das Palaver, das die Grundlage der Philosophie ist, denn nach meinem Verständnis ist die Philosophie vom Wesen her afrikanisch.

Wenn Afrikaner ein Thema mündlich ausdiskutieren, dann sind da natürlich auch Emotionen im Spiel. Das entspricht nicht der westlichen Vorstellung von Philosophie, das heißt einer Philosophie ohne Körper. Kant ist das große Modell für diese Art des Philosophierens. In Afrika herrscht hingegen eine Philosophie der Lebenskraft. Zwischen mir und dir zirkuliert eine Energie, ein Lachen kann sie übertragen oder eine schöne Idee entspringt diesem Energiestrom. Und wenn ich eine neue Idee habe, löst das wiederum in mir Freude aus, denn eine Idee zu haben, macht mich glücklich. Auch Kant hatte in diesem Sinne viele Emotionen, aber er hatte sie versteckt.

Magercord: Lachen und Palaver - beide Kulturtechniken stehen also zur Verfügung und könnten in den westlichen Kanon der Lebensbewältigungsstrategien aufgenommen werden. Und Übernahmelisten solcher Praktiken müssten am Beginn eines Dialoges zwischen den Kulturen stehen. Doch wenn zwei so unterschiedliche Lebensauffassungen wie die afrikanische und die westliche aufeinandertreffen, werden zunächst vor allem die Unterschiede hervorgehoben.

Und schaut man schließlich auf die gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Realität in weiten Teilen Afrikas, sind praktische Konsequenzen der Ethik des Wir nicht gerade augenfällig. Bei allen Bedenken über Afrikas Wirklichkeit, die er - ohne Illusionen - durchaus hegt: Vincent Cespedes schließt sich diesen Zweiflern nicht an, vielleicht auch, weil er die praktischen Konsequenzen dieser Ethik in seinem Alltag erleben kann.

Palaver über die Regeln

Cespedes: Ich habe ein Kind mit einer Frau aus Mali, die bereits fünf Kinder mit einem Afrikaner hat. Die Kinder sind Franzosen, aber kulturell sehr afrikanisch aufgewachsen. Das Essen ist gut, traditionelles Essen, und es gibt feste Regeln in der Familie. Diese Regeln werden alle ausdiskutiert. Ja, auch mit einem Fünfjährigen kann man über Regeln diskutieren. Aber wenn man sich einmal geeinigt hat, stehen diese Regeln nicht mehr zur Diskussion. Bei uns hingegen versuchen Kinder all ihre Nervpotenziale oder ihren Charme einzusetzen, um die einmal gesetzten Regeln doch wieder zu durchbrechen. Aber dort gibt es zuerst ein Palaver, alles wird ausdiskutiert, alle müssen sich dabei dem Ansinnen der Anderen gegenüber öffnen, aber wenn einmal die Regeln festgelegt worden sind, muss es weitergehen, Veränderungen, Nachverhandlungen sind danach nicht mehr erlaubt. Einmal darauf verständigt, respektieren wir diese Regeln, denn sie sind keine Dogmen, im Gegenteil, sie entstammen einer kollektiven Kreation, deshalb respektieren wir sie.

Magercord: Was ergibt sich aus der Erstellung einer Liste von kulturellen Übernahmeangeboten, eigener Erfahrung und einer soliden philosophischen Ausbildung? Akademischen Kategorien nach wird das Denken von Vincent Cespedes bezeichnet als eine Spielart des Vitalismus, dem ein Neo vorangestellt wird: Neo-Vitalismus.

In seinen Vorträgen, die er in Unternehmen oder auf Konferenzen hält, betont Vincent Cespedes die Vorteile der afrikanischen Konzepte, auch für unsere alltäglichen Abläufe und Strukturen.

Obwohl wir das Palaver wohl doch eher als Zeitverschwendung empfinden. Hat die Zeit also eine besondere afrikanische Dimension, über die wir so erst mal nicht verfügen?

Zeit als spielerische Kraft

Cespedes: Der Mensch im Westen hat eine Uhr, Afrikaner haben Zeit. Das ist ein afrikanisches Sprichwort. Die Beziehung zur Zeit hat dort eine spielerische Kraft, es ist beinahe eine künstlerische Beziehung, fast ohne den Gedanken an die Vergänglichkeit. Das ist deshalb so, weil der Körper nicht tabuisiert wird. Er ist Teil unserer Ausstattung, Teil des Lebens, also muss die Zeitlichkeit sich seinem Einfluss beugen. Es ist also umgekehrt: Nicht der Körper ist vergänglich, sondern die Zeit ist etwas Körperliches. So lässt es sich ganz unbekümmert mit der Vergänglichkeit umgehen. Das könnten wir gut gebrauchen.

Die Unternehmen, die wirklich innovativ sind, erreichen das nicht durch Stress, sondern durch eine afrikanische Beziehung zur Welt, worin die Zeit zum Werkzeug wird und als notwendige Periode der Reife gilt. Diese Zeiten sind wichtig, und es ist notwendig, dass Unternehmen erkennen, dass es ein Kapital von Zeit gibt. Zeit lässt sich sehr unterschiedlich nutzen und dann lassen sich verschiedene Formen der Zeitlichkeit erzeugen, und man kann sich der etwas einseitigen Vorstellung einer linearen Zeitlichkeit entziehen.

In Afrika herrscht die Vorstellung, dass alles der fortwährenden Kreation unterliegt. Somit formt alles, was gerade unternommen wird, auch die Zeit, in der es unternommen wird. Und die Form der Zeit ist abhängig von dem, was gerade in einer Gemeinschaft als Unternehmung ansteht. Das ist eine eher poetische Zeitauffassung im Sinne der griechischen Poetik als Akt der Herstellung von Realität: Wir erschaffen die Zeit. Afrikaner sind damit viel eher in der Relativität zu Hause als wir. Die Zeit ist nicht nur relativ, sondern auch eine Schöpfung. Das ist keine zyklische Zeit, kein Kreislauf der ewigen Rückkehr des immer Gleichen. Es ist die Zeit, die dem Korn erlaubt zu wachsen. Man kann rein zeitlich betrachtet also auch nie etwas wirklich verpassen. Es gibt keine verpasste oder verschwendete Zeit. Ich denke, in dieser Hinsicht kann uns Afrika wunderbare Dinge lehren.

Magercord: Der Wilde und der moderne Mensch - der französische Anthropologe Claude Levy-Strauss hatte schon vor 60 Jahren in seiner Reisestudie "Traurige Tropen" gefordert, Jean-Jacques Rousseau und dessen Konfrontation der vorrevolutionären Gesellschaft des ancien régime mit dem Gegenbild vom edlen Wilden neu zu lesen: Eine modernisierte Gesellschaft muss sich an einem idealisierten Urzustand messen, will sie ihren gegenwärtigen Zustand verstehen. Die Kenntnis eines Ur-Leitbildes ist demnach selbst dann eine Notwendigkeit, wenn der darin angenommene Zustand so nie existiert hat und niemals existieren könnte.

Dass Afrika nicht uneingeschränkt als eine derartige ideale Gegenwelt dienen kann, weiß auch Vincent Cespedes. Afrika hat eine lebendige Kultur, worin etliche Überzeugungen gelebt werden, die sicher nicht auf der Übernahmeliste kultureller Praktiken erscheinen werden. Zu den Dingen, die sich ohnedies gegen eine kulturelle Aneignung sperren würden, gehört der Animismus, also der Glaube - oder besser: Das Wissen -, dass die Natur belebt ist und ihre Kräfte mit uns, den Menschen, stetig interagieren.

Denn das bedeutet, dass alles, was geschieht, einen Sinn haben muss, eine Bedeutung, und nichts aus Zufall passiert. Einem modernen, westlichen Menschen, der durchaus akzeptieren kann, dass ihm etwas aus purem Zufall widerfährt, würde das Leben doch sehr erschwert werden, wenn er jede noch so kleine alltägliche Begebenheit auf ihren Sinn hin interpretieren und verstehen müsste.

Starke Ahnenverehrung

Cespedes: Es gibt etwas, das sehr interessant ist, und etwas, das noch viel komplexer ist als das animistische Denken. Dieses Denken ist durch die Religion, durch die Islamisierung vor allem in Westafrika, ohnehin stark zurückgegangen. Was aber nach wie vor uneingeschränkt das Denken beherrscht, ist die Ahnenverehrung, der Manismus, der Geisterkult um die Verstorbenen. Er sorgt dafür, dass wir mit der Vergangenheit durch alle, die uns vorausgegangen sind, verbunden bleiben. Das findet sich in dieser intensiven Ausprägung nur in Afrika. Es ist kein herkömmlicher Ahnenkult, in dem ich meinen Respekt gegenüber den Ahnen mit rituellen Handlungen ausdrücke, nein: Ich stehe mit einem Leben, das mir vorausgegangen ist, in direktem Kontakt, so als hätten diese Ahnen eine Energiemenge an mich weitergegeben. Und es entspricht auch ein wenig der hegelianischen Vorstellung einer fortschreitenden Geschichte. Nur sucht man in Afrika nicht nach einem abstrakten Weltgeist, sondern stellt über die Annahme der Weitergabe von Energien eine unmittelbare Verbindung zu den Ahnen her.

Doch nun wird es komplex, denn da spielt eine extrem abergläubische Seele mit hinein. Und in dieser Hinsicht wäre es gut, die Afrikaner schauten auf uns ungläubig gewordene Menschen aus dem Westen. Es ist aber einfach so: In der afrikanischen Bevölkerung herrscht ein starker Aberglaube. Immer wenn etwas Negatives geschieht, also Krankheit, Unfall oder andere Probleme, wird eine Ursache gesucht und dann meist erfunden. Ursachen, die nicht mehr - wie im Animismus – auf Kräften der Natur beruhen, sondern im Hexenwesen. Wir Westler bekommen das kaum zu sehen, denn die Afrikaner schämen sich ein wenig dafür und verstecken diese Dinge vor uns, auch, weil sie uns für unfähig halten, es überhaupt begreifen zu können. Es bleibt eine Sache unter ihnen, und man sieht sich einem Volk gegenüber, das völlig in seinem Aberglauben gefangen ist.

Magercord: Unbegreifliches Afrika - bleibt es schließlich doch dabei, dass sich beide Kulturen, die afrikanische und die westliche, nicht verstehen können? Es scheint tatsächlich vieles im afrikanischen Denken zu geben, das sich mit der westlichen Auffassung von Vernunft nicht erschließen lässt, was nun umgekehrt in Afrika zu der Ansicht führt, dass Afrikaner nach den Maßstäben von Europäern ohnedies niemals als rational gelten werden.

Afrikanisches Denken, heißt es dann, bewegt sich außerhalb der westlichen Rationalität. Aber es gibt eben auch eine eigens afrikanische Vernunft, die sich wiederum ein westlicher Verstand nicht erschließen kann. Wenn das so ist, wo lägen dann die Grenzen des gegenseitigen Verstehens?

Cespedes: Nein, ich glaube nicht, dass es eine eigenständige schwarze, negroide Vernunft und auf der anderen Seite eine weiße Vernunft gibt. Vernunft ist menschlich und universell.

Es gibt unterschiedliche Kulturen und Traditionen und sicher auch Weltanschauungen, ja, aber wenn wir uns alle Ausgangsbedingungen dieser Weltanschauungen zu eigen machen, sind wir in der Lage, jede davon auch zu begreifen. Ich denke nicht, dass es eine afrikanische Vernunft gibt, die ein Europäer nicht begreifen könnte, nur, weil er keine schwarze Haut oder keine afrikanische Mutter oder Vater hat. Wenn man die Basis kennt, begreifen wir, warum dieser oder jener Geist sich in diese oder jene Richtung bewegt. Kein Problem.

Magercord: Ein Gang durch den Pariser Norden ist schon fast eine Reise nach Afrika. Und Vincent Cespedes, der als Philosoph immer auch praktisch denkt, fordert für europäische Schüler eine obligatorische Klassenfahrt nach Afrika. Um zu erkennen, wie es anderswo zugeht, um zu lernen, die eigenen Probleme zu relativieren und den Mut fassen, sie zu lösen, aber auch, um das Andere zu entdecken und in diesem Anderen sich selbst zu erkennen.

Das Heil ist der Andere, das ist der Sinn meiner Philosophie, sagt Vincent Cespedes schließlich, was auch dann gilt, wenn dieser andere nur ein fiktiver Marabut ist, der zum Zwecke des Erkenntnisgewinns den einzigen Geist beschwören soll, dessen Existenz der moderne Mensch uneingeschränkt gelten lässt: sich selbst.

Cespedes: In der Philosophie geht es immer darum, dass du dich selbst erkennst: "Gnotis seauton" auf Griechisch, und dich selbst zu erkennen heißt auch immer, den Punkt auszumachen, bis zu dem man sich fragmentieren kann und dann zwischen den abgeteilten Elementen das Fließende und Bewegende wahrzunehmen.

Was also bedeutet "Maraboutieren"? Es zeigt, dass das Bild, das wir uns von uns selbst machen, immer dem Bild entspricht, von welchem wir glauben, dass es jenem nahe kommt, von dem unser Gegenüber annimmt, es sei das Bild, das wir von uns selbst im Kopf tragen. Kurz: Die Vorstellungskraft ist in Bezug auf die Vorstellung über uns selbst nicht frei, sie wird von außen bestimmt. Und sich bewusst zu machen, dass sich die Fremdbestimmung bis in unsere eigene Vorstellung fortsetzt, ist der erste Schritt zur Freiheit und zur Brüderlichkeit.

//Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.!!

Vincent Cespedes ist ein französischer Philosoph, Komponist und Pianist, Autor zahlreicher Essays zu verschiedenen Themen und eines Romans über rassistische Vorurteile und Panafrikanismus. Cespedes hält weltweit Vorträge. Seit 2008 ist er verantwortlicher Direktor der Buchreihe "Philosopher" der Éditions Larousse.

 

Michael Magercord schreibt für Radio und Zeitungen, lebte in Prag und Paris, berichtete lange Jahre aus Asien und lebt heute in Göttingen und Strasbourg.

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