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StartseiteInterview"Sie verhalten sich wie Kolonialherren, nur noch schlimmer"12.11.2015

Afrikas Politiker"Sie verhalten sich wie Kolonialherren, nur noch schlimmer"

Kann mehr Geld, wie es die EU Afrika auf dem gemeinsamen Gipfel auf Malta zugesagt hat, die Probleme vor Ort und damit die Flüchtlingskrise lösen? Nur bedingt, meint François Koutouan vom Verein Deutsch-Afrikanische Kooperation. Im DLF sagte er, sein Heimatkontinent habe ein tiefer gehendes Problem.

François Koutouan im Gespräch mit Doris Simon

Francois Koutouan, deutsch-afrikanische Kooperation e.V. (Deutschlandradio - Jörg Stroisch)
Francois Koutouan von der deutsch-afrikanischen Kooperation sieht ein Grundsatzproblem bei den politischen Führern Afrikas. (Deutschlandradio - Jörg Stroisch)
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Eine bessere Finanzierung von Schulen, Ausbildung und privaten Unternehmern - würden die von der EU versprochenen Milliarden so eingesetzt, könnte die Arbeitslosigkeit in Afrikas Staaten sinken und somit eine Hauptursache dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen, beseitigt werden, so Koutouan. Doch dies sei nur ein Teil der Lösung.

"Man kann nicht eine Wunde mit einem Pflaster heilen, sondern muss den Eiter rausholen und Medikamente geben, damit die Wunde endgültig beseitigt wird", sagte Koutouan im Deutschlandfunk. Afrika habe grundsätzlich ein Problem mit seinen politischen Führern. Seit der Unabhängigkeit hätten die afrikanischen Staaten die Politik der Kolonialmächte übernommen, "aber nicht mit deren Seriosität verfolgt". Sie verhielten sich wie Kolonialherren, "nur noch schlimmer".

Am zweiten Tag des EU-Afrika-Gipfels zur Flüchtlingskrise in der maltesischen Hauptstadt Valletta wollen beide Seiten einen milliardenschweren Treuhandfonds zur Unterstützung afrikanischer Länder aus der Taufe heben. Er ist Teil eines umfassenden Aktionsplans, der die Bekämpfung von Fluchtursachen wie Armut und Arbeitslosigkeit vorsieht und auch auf einen wirksameren Kampf gegen Schlepper in Afrika und die Rücknahme von in Europa abgelehnten Asylbewerbern zielt.  


Das Interview in voller Länge:

Doris Simon: Heute der zweite Tag des EU-Afrika-Gipfels auf Malta. Die europäischen Länder wollen, dass die Afrikaner dafür sorgen, dass ihre Jugend zuhause bleibt und dass die afrikanischen Staaten abgelehnte Asylbewerber aus ihren Ländern zurücknehmen. Das haben sie den Afrikanern in Malta auch recht unverblümt gesagt. Aber die Afrikaner wissen ihrerseits genau, dass die EU jetzt ihre Unterstützung mehr denn je braucht, und sie stellen ihre Forderungen: mehr Geld, mehr legale Einwanderung nach Europa, mehr Jobs. - Bei mir im Studio ist jetzt François Koutouan, der Geschäftsführer der deutsch-afrikanischen Kooperation in Köln, die nicht nur die Situation von Afrikanern in Deutschland im Blick hat, sondern auch die in ihren Heimatländern. Guten Morgen!

Francois Koutouan: Guten Morgen!

Simon: Herr Koutouan, sind das denn die richtigen Forderungen, mehr Geld, mehr Jobs, mehr legale Wege nach Europa?

Koutouan: Ja! Für eine Seite ja schon und das könnte auch helfen, dass den Jugendlichen eine Perspektive in ihren Heimatländern gegeben wird. Aber man kann nicht auf eine Wunde einfach einem Pflaster draufmachen, mit der Hoffnung, dass diese Wunde geheilt wird, sondern man muss den Eiter herausnehmen, sauber machen und Medikamente geben, damit endgültig diese Wunde beseitigt wird.

Simon: Was ist denn der Eiter in der Wunde?

Koutouan: Das sind diese politischen Reformen in afrikanischen Ländern seit der Unabhängigkeit. Die meisten afrikanischen Länder haben diese Politik, diese Administration von den Kolonialherren übernommen, aber man hat es nicht mit Seriosität umgesetzt. Wobei ich muss auch unterscheiden: Die Eliten, die das Lesen und Schreiben gelernt haben, haben dieses Vakuum, das die Kolonialherren gelassen haben, übernommen. Sie verhalten sich in ihren Heimatländern wie die Kolonialherren, noch schlimmer.

"Es bildet sich ein Neufeudalismus der Eliten"

Simon: Das heißt also, sie übernehmen keine Verantwortung für die Mehrheit der Bevölkerung. Wie aber kann man das - Sie beschreiben die Kolonialzeit; die liegt in vielen Ländern 50 Jahre und teilweise länger zurück -, wie kann man das jetzt ändern? Werden da die Forderungen der Europäer und die Hilfsangebote etwas ändern können?

Koutouan: Auf Dauer nicht, weil nur durch die Bildung - die Menschen müssen sich entwickeln. Die Menschen entwickeln ihr Land. Man kann nicht erwarten, dass da jemand von außen kommt und dort ein Land für sich entwickelt. Das geht nicht. Es ist die Bevölkerung, wenn die diese Probleme erkennen, und das können sie nur erkennen, wenn sie das Lesen und Schreiben lernen. Weil die Politik in diesen meisten afrikanischen Ländern wird in einer Fremdsprache gehalten, Französisch, Englisch, auch Portugiesisch oder Spanisch, eine Sprache, die nicht viele Menschen beherrschen, und dadurch bildet sich automatisch ein Neufeudalismus von den Eliten, die die Gesetze beherrschen, und die machen das unter sich.

Simon: Aber wird denn dann mehr Geld, wie es jetzt die Europäer versprechen, wird denn das dafür sorgen? Es sollen ja in vielen afrikanischen Ländern, auch in solchen ohne Diktaturen, ohne Bürgerkrieg, 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen auf gepackten Koffern sitzen. Wird denn mehr Geld das verhindern können?

Koutouan: Wenn das Geld richtig umgesetzt ist, mehr Schulen, mehr Ausbildungsstätten, eine private Unternehmerschaft zu ermöglichen, um Reichtum zu kreieren, damit kann man die Arbeitslosigkeit beseitigen zum Beispiel. Das ist nur ein Teil der Lösung.

"Man muss unterscheiden zwischen Flucht und Migration"

Simon: Aber Sie sagen auch, die Menschen würden da bleiben, wenn sie eine Chance hätten, da bleiben zu können und zu leben?

Koutouan: Ja.

Simon: Das gilt für alle Länder in Afrika?

Koutouan: Es gilt fast für alle Länder in Afrika, wobei ich muss noch mal betonen: Man muss unterscheiden zwischen Flucht und Migration. Migration ist eine freiwillige Entscheidung, sich auf den Weg zu machen zu einem anderen Land, um was zu erwerben, ein Wissen zu erwerben oder sich ausbilden zu lassen. Flucht ist ja durch Gewalt, Bürgerkrieg oder Naturkatastrophen, die die Menschen zwingen, ihre Länder zu verlassen.

Simon: Da ist klar, da kann man allein mit Geld nicht helfen. - Vielen Dank! - Das war Francois Koutouan, der Geschäftsführer der deutsch-afrikanischen Kooperation in Köln.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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