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StartseiteInterviewAi Weiwei: China will mich und meinen Ruf zerstören16.12.2011

Ai Weiwei: China will mich und meinen Ruf zerstören

Der Künstler und Dissident bricht seine Auflage, nicht mit der Presse zu sprechen

"Jeden Schritt, den ich tue, muss ich den Behörden melden", berichtet Ai Weiwei: nur eine von neun Auflagen, die dem chinesischen Künstler nach seiner 81-tägigen Inhaftierung vorgegeben wurden. Man habe ihm zu verstehen gegeben, dass man ihn bestrafe und Rache an ihm nehme.

Das Gespräch führte Silke Ballweg

Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei vor seinem Haus in Peking (picture alliance / dpa - Kyodo)
Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei vor seinem Haus in Peking (picture alliance / dpa - Kyodo)

Tobias Armbrüster: Er ist möglicherweise das Gesicht des modernen China, auch wenn der chinesischen Führung das nicht unbedingt passt: der Künstler Ai Weiwei. Weltweit ist er in diesem Jahr bekannt geworden, als chinesische Sicherheitskräfte ihn im April plötzlich festgenommen und wochenlang festgehalten haben. Er wurde wegen Steuerhinterziehung zu einer Millionenstrafe verurteilt, aber Unterstützer aus China und aus aller Welt spendeten ihm daraufhin ein kleines Vermögen. Meine Kollegin Silke Ballweg hatte in dieser Woche Gelegenheit, ausführlich mit ihm über diesen Protest und über seine Arbeit zu sprechen.

Silke Ballweg: Ai Weiwei, ich konnte eben ohne Schwierigkeiten, ohne kontrolliert zu werden, zu Ihnen hier in Ihr Atelier kommen. Unter welchen Auflagen stehen Sie derzeit dennoch?

Ai Weiwei: Ich habe neun verschiedene Auflagen, aber ich kann mich gar nicht mehr an alle erinnern. Ich soll mich nicht wieder aktiv im Internet engagieren. Ich soll nicht mit der ausländischen Presse reden. Ich soll nicht darüber reden, was während der 81 Tage, in denen ich festgehalten wurde, passiert ist. Ich soll die Regierung nicht kritisieren und mich nicht in gesellschaftliche oder politische Diskussionen einmischen. Dann darf ich natürlich Peking nicht verlassen. Jeden Schritt, den ich tue, muss ich den Behörden melden. Wenn ich im Park spazieren gehen will, wenn ich meinen Sohn sehen will oder wenn ich zum Mittagessen gehe - das alles muss ich melden.

Ballweg: Sie brechen diese Auflagen ständig, sie sprechen ja jetzt mit der ausländischen Presse. Bringt das Sie nicht in Gefahr?

Weiwei: Ich betrachte diese Verletzungen als Teil meiner Rechte. Ich habe gerade wieder einmal in der chinesischen Verfassung gelesen. Worüber ich zum Beispiel mit ausländischen Journalisten rede, diese Anschuldigungen gegen mich, das sind keine politischen Themen, sondern da geht es um mich. Das ist meine Angelegenheit. Wissen Sie, die Regierung wirft mir vor, Steuern hinterzogen zu haben. Damit muss ich irgendwie umgehen. Also habe ich beschlossen, mich auf meine Rechte zu berufen und diese zu nutzen. Sonst würde es ja so aussehen, als würde ich dieses Verbrechen der Steuerhinterziehung eingestehen, das ich aber nie begangen habe.

Ballweg: Wo stehen Sie derzeit in dem Steuerstreit? Sie haben Geld eingezahlt in ein Bankkonto. Macht das jetzt die chinesische Seite zufrieden?

Weiwei: Die chinesische Rechtslage sieht so aus, dass man zuerst das Geld bezahlen muss und erst dann Einspruch erheben kann. Wenn man nicht zahlt, verletzt man ein weiteres Gesetz und dann bekommt man eine weitere Strafanzeige. Wir haben also eine erste Kaution bezahlt und können jetzt Widerspruch einlegen. Dafür haben wir noch gut 20 Tage Zeit. Wenn der Einspruch abgelehnt wird, können wir vor Gericht gehen.

Ballweg: Sie mittlerweile irgendwelche Beweise einsehen können?

Weiwei: Die Vorwürfe richten sich nicht direkt gegen mich - sie sind trotzdem ohne Beweise. Und überhaupt hat man nicht die richtige Vorgehensweise eingehalten. Bei Steuerangelegenheiten ist es eigentlich nicht nötig, dass die Polizei kommt und Leute mitnimmt. Man nimmt auch keine Originalunterlagen mit – die wir bis heute nicht wieder gesehen haben. Und man sperrt auch nicht den Buchhalter ein und verbietet ihm, mit mir zu sprechen. Ich kann ja nur herausfinden, was an der ganzen Sache dran ist, wenn ich mit ihm reden kann. Aber so weiß ich das nicht.

Ballweg: Was sind die wirklichen Absichten der Regierung?

Weiwei: Sie haben mir während meiner Haft ganz deutlich gesagt: es geht um deine Kritik an der Regierung - du sprichst mit den ausländischen Medien. Du versuchst, die Staatsgewalt zu untergraben. Dann haben sie noch andere Themen angeführt, Pornografie und Steuerhinterziehung ... aber in ihren eigenen Worten haben sie mir ganz deutlich zu Verstehen gegeben: Das ist eine Strafe, eine Rache, wir wollen Dich und Deinen Ruf zerstören und wir wollen, dass die Leute Dich für einen Lügner halten. Sie waren damit sehr offen. Ich war fassungslos ...
Ich glaube, es besteht eine gewisse Frustration. Da ist dieser Künstler, der ganz offen kritisiert und immer wieder Lärm macht, und sie wissen nicht, was sie dagegen machen sollen. Also greifen sie zu den Maßnahmen, mit denen sie normalerweise die Leute zerstören: Du verprügelst sie, du zerstörst ihr Haus, du sperrst sie klammheimlich unter harschen Bedingungen ein und Du gibst ihnen eine kräftige Steuernachzahlung. Normale Leute können das nie aushalten, sie brechen darunter zusammen.

Ballweg: Ungefähr 30.000 Chinesen haben Sie während der letzten Wochen in der Auseinandersetzung mit den Behörden unterstützt und Ihnen Geld geliehen, insgesamt sind fast eine Million Euro zusammengekommen. Wie bewerten Sie dieses Engagement? Sind das Zeichen einer wachsenden chinesischen Zivilgesellschaft?

Der chinesische Künstler Ai Weiwei im Interview mit Silke Ballweg (Silke Ballweg)Der chinesische Künstler Ai Weiwei im Interview mit Silke Ballweg (Silke Ballweg)Weiwei: Ich finde schon. Die Leute haben innerhalb einer Woche reagiert – das ist ein Fest, wie wir es noch nie hatten. Die Leute haben sich humorvolle Ideen ausgedacht und haben sich auf ihre ganz eigene Art ausgedrückt und ihre Meinung kundgetan. Für einen sogenannten Kriminellen war das also eine unglaublich starke Unterstützung. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe oft das Gefühl, ganz alleine meinen Weg zu gehen, obwohl es potenzielle Unterstützer gibt, aber die kenne ich ja nicht. Aber diese Leute, die jetzt Geld geliehen haben, die haben kleine Nachrichten für mich dagelassen. Sie sagten: Das Geld ist für Sie, wir kennen Sie und wir wissen, was sie tun. Wir wollen den Behörden zeigen, dass sie in diesem Fall scheitern werden.

Ballweg: Sie wurden im April in Gewahrsam genommen und dann fast drei Monate lang rund um die Uhr von Polizisten bewacht. Die blieben Ihnen permanent an der Seite, selbst beim Gang zur Toilette. Wie gehen Sie jetzt mit dieser Erfahrung um?

Weiwei: Es war eine sehr einzigartige Erfahrung, die viel über extreme Umstände lehrt. Es ist eine Situation, in der Dich kein Gesetz beschützt, in der niemand irgendwas über Dich weiß – und auch Du bist von allem außerhalb abgeschnitten. Du kannst nicht mal zu den Soldaten sprechen. Alles, was Du zu tun hast, ist, jedem ihrer Befehle zu folgen. Unter solchen Bedingungen wird jeder in kurzer Zeit äußerst verletzlich. Es ist nicht rational, es gibt keinerlei Menschlichkeit, keine Kommunikation. Zeit und Ort werden zu einer seltsamen, extremen Erfahrung des Überlebens.

Ballweg: Was hat Ihnen Kraft und Hoffnung gegeben?

Weiwei: Ich weiß es selbst nicht so genau. Viele Leute fragen mich, warum tun Sie das, wenn Sie das Gefühl haben, dass keine Chance besteht. Aber ich glaube, wenn ich meine Stimme nicht hörbar mache, wenn ich mich nicht so verhalte, wie ich es für richtig erachte, dann bin ich tot, auch wenn ich mich in einem menschlichen Körper befinde. Ich würde mich als tot empfinden. Das gilt nicht nur für mich als Künstler - jeder Mensch sollte sich so verhalten und zeigen, dass er lebendig ist. Ich habe jetzt die Chance, dies zu vermitteln. Und ich habe die Verantwortung, mich weiterhin öffentlich zu äußern.

Armbrüster: Der chinesische Künstler Ai Weiwei war das im Gespräch mit meiner Kollegin Silke Ballweg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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