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StartseiteBüchermarktAi Weiwei spricht09.09.2011

Ai Weiwei spricht

Der chinesische Künstler Ai Weiwei im Gespräch mit dem Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist. Carl Hanser Verlag.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat über einen Zeitraum von zehn Jahren viele Gespräche mit dem Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist geführt. Sie geben Einblick in sein Leben und seine Kunst - die in China nach wie vor politisch ungewollt ist.

Von Joachim Hildebrandt

Der chinesische Künstler Ai Weiwei  (AP)
Der chinesische Künstler Ai Weiwei (AP)
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Ai Weiwei ist frei

Wer ist Ai Weiwei? Ein Maler, ein Künstler, ein Dichter? Auf jeden Fall ein Architekt und Kurator. Und ein Blogger. Also vieles zugleich. Genau aus diesem Grund ist er Hans Ulrich Obrist bereits in den 90er-Jahren aufgefallen. Obrist gehört zu den besonders experimentierfreudigen Kuratoren in Bezug auf ein "Künstlerisches Kollektiv", auf die
Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Künsten und Künstlern. Außerdem hat er viele Interviews mit namhaften Filmemachern, Wissenschaftlern und Musikern geführt. Seine Interviews versteht er als eine Grundlage für seine Arbeit als Kurator. In einem der nun nachzulesenden Gespräche mit Ai Weiwei sagt der chinesische Künstler:

"Tatsächlich sind wir ein Teil der Wirklichkeit, und wenn wir das nicht erkennen, sind wir völlig verantwortungslos. Wir sind produktive Wirklichkeit. Wir sind die Wirklichkeit, aber dieser Teil bedeutet, dass wir eine andere Wirklichkeit erzeugen müssen."

Ai Weiwei wird 1957 geboren. Seine Kindheit verbrachte er in der Wüste Gobi im Nordwesten Chinas, weil sein Vater, der Dichter Ai Quing, dorthin verbannt worden war.

Im Alter von 24 Jahren geht Ai Weiwei nach New York. Dort freundet er sich mit dem Beatpoeten Alan Ginsberg an und hält enge Kontakte zu chinesischen Künstlern, die damals im amerikanischen Exil lebten. Fotografien von seinen Landsleuten sind zurzeit in Winterthur in der Schweiz ausgestellt. Im Alter von 36 Jahren, also 1993, kehrt Ai Weiwei nach China zurück, weil sein Vater schwer erkrankt ist.
Ai Weiwei hat neben den langjährigen Traditionen seines Heimatlandes inzwischen auch die neuesten Kunstströmungen der westlichen Welt kennengelernt und entwickelt sich allmählich zu einem chinesischen Avantgardekünstler. Darüber berichtet er ausführlich in seinem Internetblog, in dem er täglich Notizen machte, seine Ideen skizzierte und seine Fotos zeigte. Der Blog wurde eine Schnittstelle zur Poesie und Literatur, bis ihn die Regierung im Mai 2009 sperrte.

"Dabei geht es um die Rechte von Künstlern, sich auszudrücken, und um die Frage, wie sich persönliche Rechte zum Ausdruck bringen lassen. In einer Gesellschaft wie der chinesischen wird jede Frage, welche die Rechte und die Möglichkeit des Ausdrucks und der freien Meinungsäußerung betrifft, automatisch zu einer politischen Frage. Insofern wurde ich zwangsläufig zu einer politischen Figur."

Die Texte sind in diesem Jahr im Galiani Verlag Berlin unter dem Titel "Macht euch keine Illusionen über mich – der verbotene Blog" herausgekommen. Ai Weiwei schreibt in seinem Blog offen über das Leben und die Politik, über die Kultur und die Kunst in China. So wie es bisher niemand getan hat. Er denkt dabei, sagt er, über kein Davor und Danach, über keine Gefahr nach, sondern agiert nur im Augenblick. In der Gegenwart.

Als Künstler und Architekt interessiert er sich in seinen Projekten vor allem für kollektive Experimente bei der Umsetzung von kreativen Ideen und möchte dabei nicht allzu vielen Beschränkungen unterworfen sein. Das ist ihm gelungen im Jinhua Architecture Park und beim Bau des Olympiastadions von Peking von 2005 bis 2008, das auch als das "Vogelnest" bekannt geworden ist. Ai Weiweis Absicht war, eine neue Stadt zu schaffen, in der die künftigen Funktionen wichtiger sein werden als die Spiele selbst. In der das sogenannte "Vogelnest" zu einem Ort werden kann, an dem sich die Zivilgesellschaft entfalten wird.

Er hält sich gern an den Ausspruch von Whistler, der im 19. Jahrhundert gesagt hat: Art happens, Kunst geschieht einfach. Als Ai Weiwei 1999 sein eigenes Atelier baute, hatte er zuvor keinen Masterplan entworfen. Ai Weiwei:

"Nein, nichts war geplant. Das Wundervollste in meinem Leben ist immer durch Zufall und nicht mit einem Plan passiert. Es passiert oft, weil man nicht plant. Wenn man keine Pläne hat, geht das Ganze oft gut, weil man sich an der Situation orientiert hat. Darum habe ich mich immer in unvorbereitete Situationen begeben, das sind die aufregendsten Bedingungen."

Architektur des Abenteuers könnte man das nennen. In diesem Wirkungsfeld werden auch einem selbst noch nicht bewusste Räume, Brücken und Fenster aufgespürt. Ai Weiwei betont immer wieder, wie wichtig es ihm ist, neue Formen in seiner Kunst ausprobieren zu können. Zugleich gehört er einer Generation an, die ein starkes Gefühl für Vergangenheit hat.

"Für die Zeit des Eisernen Vorhangs und des kommunistischen Kampfes. Das war ein harter politischer Kampf – er wurde gegen den Humanismus und gegen den Individualismus geführt. Bei allem, was nicht aus China kam, gab es eine strenge Zensur."

Gegenwärtig befasst sich Ai Weiwei mit einem neuen gigantischen Projekt in der Mongolei. Diesmal als Kurator. Ungefähr 100, vor allem jüngere Architekten, die bisher noch nicht viel Gelegenheit hatten, etwas zu bauen, sollen ein Modellhaus für das 21. Jahrhundert erstellen.
Eine Art Gruppenausstellung wird entstehen, die permanent zu sehen sein wird. Ai Weiwei:

"Ich glaube, dass alle Aktivitäten oder Kunstwerke sozial sein sollten. Insbesondere heute scheint es mir unabdingbar, sozial und politisch zu sein."

Im April diesen Jahres ist Ai Weiwei von der Universität der Künste in Berlin als Gastprofessor berufen worden. Doch nach wie vor hängt in der Luft, ob er tatsächlich zum Semesterbeginn nach Deutschland reisen darf. Denn wieder einmal hat er erkennen lassen, dass er sich keiner Selbstzensur unterwirft. Ai Weiwei ist auch für uns in Europa von großer Bedeutung durch seine Verbindung von traditioneller und moderner Kultur, aber offenbar stellt er eine Bedrohung dar für engstirnige Behördenvertreter in China, die eine Gefahr wittern für das kommunistische Machtgefüge. In China hat er derzeit kaum Gelegenheit, sich öffentlich zu äußern. Desto erfreulicher ist es, dass wir in dem jetzt erschienenen Buch, in seinen Interviews mit Hans Ulrich Obrist, viel Neues über das Leben und Werk des bedeutenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei erfahren können.

Hans Ulrich Obrist: "Ai Weiwei spricht". Interviews mit Hans Ulrich Obrist, Carl Hanser Verlag, München. 144 Seiten mit Abbildungen, Euro 14,90

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