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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer gefräßige Kranich19.08.2017

Air-Berlin-Pleite und die LufthansaDer gefräßige Kranich

Es sei zu hoffen, dass die unabhängigen Wettbewerbsbehörden in den nächsten Wochen besonders kritisch auf die Neuaufteilung des deutschen Luftfahrtmarktes schauen, wenn es um die Air-Berlin-Aufteilung gehe, kommentiert Brigitte Scholtes im Dlf. Die Nähe zwischen Lufthansa und Bundesregierung gebe durchaus zu denken.

Von Brigitte Scholtes, "Business Report"

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Eine Maschine der Luftfahrtlinie "Air Berlin" rollt am 16.08.2017 in Berlin zu einem Haltepunkt auf dem Flughafen Tegel. (pa/dpa/Zinken)
Bundesregierung und Lufthansa zögen bei der Neuordnung Air Berlins an einem Strang, Bedenken der Wettbewerbshüter würden einfach beiseite gewischt, kommentiert Brigitte Scholtes im Dlf. (pa/dpa/Zinken)
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Man reibt sich in diesen Tagen verwundert die Augen. Nicht über die Tatsache, dass Air Berlin Insolvenz anmeldet. Das war nicht überraschend, allenfalls der Zeitpunkt. Doch wie eng die Politik in die Aktivitäten eingebunden ist, stimmt doch bedenklich. Denn nur wenige Minuten nach der Bekanntgabe der Insolvenz meldeten Lufthansa und das Bundeswirtschaftsministerium schon, man stehe bereit – die einen, um Teile der Air Berlin zu übernehmen, die anderen, um mit einem Überbrückungskredit Air Berlin zunächst weiterfliegen zu lassen.

Bedenkliche Nähe zwischen Lufthansa und Bundesregierung

Die Hilfe des Bundes ist angesichts der Tausenden Urlauber, die noch aus den Feriengebieten nach Hause zurückkehren wollen, nachvollziehbar. Auch die Tatsache, dass man so den Mitarbeitern des Unternehmens hilft und ihnen noch einige Wochen ihr Auskommen gibt. Das ist streng genommen ein ordnungspolitischer Sündenfall, der aber noch verzeihlich ist. Doch die in dieser Woche so deutlich zutage getretene Nähe zwischen Lufthansa und der Bundesregierung gibt doch zu denken. Denn da wird eine Fluggesellschaft fast aufgeteilt zwischen einigen wenigen Interessenten, Lufthansa will sich dem Vernehmen nach etwa zwei Drittel des Kuchens sichern, ohne dass die Bundesregierung da zur Zurückhaltung mahnt. Im Gegenteil: Politiker, allen voran Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, setzen sich für die Lufthansa ein, plädieren dafür, dass diese den größten Teil der Air Berlin übernimmt, und das mit dem Argument, Deutschland brauche in der Luftfahrt einen nationalen Champion – Bedenken der Wettbewerbshüter werden da einfach beiseite gewischt.

Unkluge Positionierung

Man darf nicht vergessen: Es ist Wahlkampf. Und da stünde es der Bundesregierung natürlich schlecht zu Gesicht, Urlauber stranden oder Mitarbeiter ins Ungewisse laufen zu lassen. Sich aber so eindeutig zu positionieren, ist unklug. Denn das letzte Wort werden in diesem Zusammenhang die Kartellbehörden haben, und die haben offenbar nach ersten Einschätzungen durchaus Bedenken. Eine dominante Stellung der Lufthansa würden sie nicht dulden. Und wäre es auch aus operativen Erwägungen so klug, wenn sich die Kranichlinie ein zu großes Stück einverleibt? Sie möchte natürlich ihre Billigflugtochter Eurowings stärken und damit ihre Position gegenüber Ryanair.

Der irische Billigflieger expandiert immer stärker in Deutschland, ihm könnte die Kranichlinie mit einer starken Eurowings etwas entgegensetzen. Doch bis die Eurowings stark genug dazu ist, muss sie noch viel wettbewerbsfähiger werden: Sie fliegt – im Vergleich zu Ryanair - noch mit zu hohen Kosten, deshalb ist die Unruhe unter den Mitarbeitern jetzt schon groß, dass der gerade erreichte Arbeitsfrieden im Konzern wieder gestört werden könnte.

Ob die große Eile, die die Beteiligten an den Tag legen, also wirklich sinnvoll ist, darf man bezweifeln. Im Interesse eines fairen Wettbewerbs kann es nicht sein, dass Lufthansa ihre Konkurrenten einfach ausstechen kann. Mit ihrer jetzt schon starken Stellung kann sie so hohe Gebote für die von ihr gewünschten Teile von Air Berlin abgeben, dass die anderen Interessenten- dem Vernehmen nach sollen das Easyjet und TUI sein - wahrscheinlich kaum mithalten können und sich mit den weniger attraktiven Teilen zufriedengeben müssen.

Eine wettbewerblich fragwürdige Entscheidung

Die irische Ryanair ist wohl außen vor bei der Aufteilung von Air Berlin. Ein Grund dürften die Arbeitsbedingungen bei dem Billigflieger sein, der seine Piloten nur freiberuflich einstellt – und damit hohe Einsparungen erzielt. Doch eines ist den Iren zugute zu halten: Sie haben mit ihrer Klage gegen den Überbrückungskredit ein Schlaglicht auf die wettbewerblich fragwürdige Entscheidung geworfen. Allerdings sind die Iren auch scheinheilig: Denn sie lassen sich schließlich auch über Flughafengebühren vom deutschen Staat alimentieren. Trotzdem: Ihre Konkurrenz belebt das Geschäft –und hilft auch dabei, die Ticketpreise auf einem vernünftigen Level zu halten. Man kann nur hoffen, dass die unabhängigen Wettbewerbsbehörden in den nächsten Wochen besonders kritisch auf die Neuaufteilung des deutschen Luftfahrtmarktes schauen. Es wäre langfristig zum Wohle aller.

Brigitte Scholtes (Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes (Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat. 

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