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StartseiteCampus & KarriereAkademische Auswanderer11.06.2004

Akademische Auswanderer

CDU/CDU-Bundestagsfraktion warnt vor Braindrain auf dem deutschen Wissenschaftlermarkt

<strong> Patrick Honecker: </strong> Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion schlägt Alarm: Keine Entwarnung beim Braindrain, der Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte aus der Wissenschaft ins Ausland. In einer Anfrage an die Bundesregierung hatte man genaue Daten verlangt und zeigt sich jetzt besorgt. Katherina Reich, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, was ist denn Ihres Erachtens nach Besorgnis erregend?

Moderation: Patrick Honecker

Colleges und Unis  in den USA ziehen Wissenschaftler aus aller Welt an. (AP)
Colleges und Unis in den USA ziehen Wissenschaftler aus aller Welt an. (AP)

Katherina Reiche: Besorgnis erregend ist unser Erachtens nach, dass sich der Trend der Abwanderung von qualifizierten Kräften verstärkt hat. Laut Statistischem Bundesamt haben im Jahr 2002 111.000 und im Jahr 2003 117.000 qualifizierte Menschen das Land verlassen. Eine DFG-Statistik zeigt zu dem, dass von den geförderten Jahrgängen Mitte der 80er und 90er Jahre noch zwölf bis vierzehn Prozent im Ausland verblieben sind, jetzt sind es 22 Prozent. Wenn diese Zahlen dem einen oder anderen nicht dramatisch erscheinen mögen, zeigt dies doch, dass insbesondere die Besten, die Leistungsfähigsten, die Kreativsten in den USA oder in anderen Länder bleiben. Die USA ist für die allermeisten jungen Menschen immer noch der attraktivste Ort, um Forschung und Entwicklung zu betreiben, insbesondere in Natur- und Ingenieurwissenschaften. Das kann uns in Deutschland angesichts einer Wachstumskrise nicht kalt lassen.

Honecker: Nun ist das ja so eine Sache mit den Statistiken, uns liegt eine Pressemitteilung der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Anfang Mai vor, betitelt: Der Braindrain ist geringer als häufig dargestellt. Von den DFG-Stipendiaten arbeiten nach einer Studie 85 Prozent heute in Deutschland, 79 Prozent sagen, die hier ausgeübte Tätigkeit entspricht ihren Erwartungen. Das klingt doch ein bisschen anders, oder?

Reiche: Ich glaube, wenn wir Zahlen sehen, dass sich von 50.000 deutschen Studierenden 20,3 Prozent in den USA, 20,3 Prozent in Großbritannien, der Rest auf Österreich, Frankreich und die Schweiz verteilt, wenn wir wissen, dass die Promotion angestrebt wird außerhalb der Grenzen, und wenn wir außerdem aus Gesprächen mit jungen Wissenschaftlern wissen, dass sie große Unsicherheit darüber verspüren, wie eine wissenschaftliche Karriere hier in Deutschland aussehen kann, Unsicherheit durchaus auch über die Juniorprofessur, dann zeigt mir das, dass wir nicht die attraktivsten Bedingungen in Deutschland bieten. Hinzu kommt, dass sie quasi am Ende des Lebens eines Wissenschaftlers, nämlich wenn sie mit 65 Jahren hier in Deutschland nicht mehr tätig sein können, in den USA in der Tat noch attraktive Arbeitsgebiete finden können. Mehrere Menschen habe ich in den USA getroffen, die gesagt haben, wir werden in Deutschland nicht mehr gebraucht, wir haben noch Kraft, wir wollen noch forschen, und das tun sie jetzt in den USA und bilden dort unter anderem auch Deutsche aus. Mich zumindest lässt dies nicht kalt, und ich glaube, wir müssen diesen Trend umkehren.

Honecker: Aber gerade, was die Doktoren angeht, die USA nutzen ja die deutsche Wissenschaft als Reservoir, um zum Beispiel gute Postdocs zu bekommen. So schlecht kann diese Ausbildung ja schon mal nicht sein.

Reiche: Nein. In der Tat nicht. Dass an den deutschen Hochschulen gut ausgebildet wird, in den Diplomstudiengängen, vielleicht noch bis zum Doktorgrad, ist unbestritten. Nur dann beginnt für die jungen Menschen die Entscheidung, welchen Karriereweg wollen Sie einschlagen? Wollen Sie in die Industrie? Wollen Sie in der Wissenschaft bleiben? Da ist es für die aller meisten in Deutschland wenig attraktiv, zu wenig Freiheiten, zu wenig Geld, zu viele Reglements. Ein BAT, der wirklich aus dem, im wahrsten Sinne des Wortes, vergangenen Jahrhundert ist. Das sind unattraktive Bedingungen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die weiter kommen wollen. Ich glaube, hier müssen wir mehr Freiheitsgrade in Deutschland zusetzen. Wissenschaft und Forschung in die grundgesetzlich verbriefte Freiheit zu entlassen. Dann haben wir tatsächlich wieder eine Chance, ganz vorne mitzuspielen.

Honecker: Abschließend gefragt: Wenn die CDU/CSU in der Bundesregierung wäre, was würde sie denn machen. Hochschulrahmengesetz abschaffen?

Reiche: Wir müssen dringend über das Hochschulrahmengesetz sprechen. In der Tat benötigen wir mindestens eine Entschlackung, wenn nicht auch eine Abschaffung des Hochschulrahmenrechtes. Darüber hinaus muss der BAT reformiert werden. Wir müssen Kooperationen zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft in höheren Maßen zulassen. Wir müssen die Hochschulen in die viel versprochene Autonomie entlassen. Es bedarf natürlich auch mehr Geld und da haben wir als Union vorgeschlagen, aus der Steinkohleförderung fünf Milliarden Euro über die nächsten Jahre zu nehmen, um sie in Hochschulen, Forschung und Entwicklung zu investieren.

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