Dienstag, 21.11.2017
StartseiteCampus & KarriereKonkurrenzkampf und Kinderlosigkeit14.11.2017

Akademisches PrekariatKonkurrenzkampf und Kinderlosigkeit

Nach der hart erarbeiteten Promotion: der hart umkämpfte Zeitvertrag. Für über 90 Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiter ist dies die Realität, die sie davon abhält, intensiver zu forschen oder gar Familien zu gründen. Die Forderungen nach Veränderung sind groß.

Von Anja Nehls

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Leerer Hörsaal und ein Professor an der Tafel  (Uwe Zucchi /dpa)
Über 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag (Uwe Zucchi /dpa)
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Knapp zwei Dutzend wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrbeauftragte und Privatdozenten mit Megafon und Transparenten vor der Universität Potsdam. Hier tagt heute die Hochschulrektorenkonferenz mit knapp 150 Rektoren von Universitäten und Hochschulen aus ganz Deutschland – und die sollen sich stärker um die Probleme des sogenannten Mittelbaus kümmern, so die Forderung.

Über 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter haben nur Zeitverträge, mehr als die Hälfte davon mit einer Laufzeit von unter einem Jahr. Andere arbeiten als Lehrbeauftragte für 25 Euro pro Lehrveranstaltungsstunde, einige sogar unentgeltlich. Peter Ullrich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin. Er ist 41, seit zehn Jahren promoviert und hatte seitdem zehn Arbeitsverträge mit einer Laufzeit zwischen drei Jahren und wenigen Monaten mit unterschiedlichen Umfängen zwischen 40 und 100 Prozent:

"Das ist hochgradig belastend, also für viele heißt das Armut, Es gibt viele Leute, die hochgradig qualifiziert, habilitiert, da gibt's einige, die Überbrückungsphasen mit Arbeitslosengeld, Hartz IV und so weiter überbrücken, das ist ein immenser Stress, das ist psychisch belastend und das verhindert natürlich Familiengründung."

Unbefristeten Stellen sind rar

Die Kinderlosigkeit beim wissenschaftlichen Personal ist doppelt so hoch wie sonst unter Akademikern, so die GEW. Dazu käme ein belastender Konkurrenzkampf, denn die begehrten unbefristeten Professorenstellen sind rar. Es gibt 40.000 Professuren an deutschen Hochschulen, aber 180.000 wissenschaftliche Mitarbeiter plus 100.000 Lehrbeauftragte.

Im Schnitt bekommt nur jeder 20., der sich habilitiert auch eine Professorenstelle. Ulrike Stamm hat keine bekommen. Die promovierte und habilitierte Germanistin schlägt sich seitdem als Privatdozentin durch, zur Zeit hat sie einen befristeten Vertrag an einer tschechischen Universität:

"Irgendwann denkt man, Du warst eben nicht gut genug und das ist was einem gespiegelt wird, es geht um die Bestenauslese, die Besten haben es geschafft, die anderen haben es nicht geschaftt und für die gibt es dann keine Verwendung, das ist eine unglaubliche Verschwendung, an Wissen, an Erfahrung."

Die Qualität der Lehre leidet

Und das, wo die Zahl der Studierenden in Deutschland steigt. Darüber hinaus leide an der Situation die Qualität der Lehre, so Andreas Keller von der GEW:

"Wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach dem Hire und Fire Prinzip semesterweise ausgewechselt werden, dann leidet darunter die Kontinuität der Forschung, auch die Innovationskraft der Forschung. Wer riskiert denn was unter diesen Bedingungen, wenn er immer um seinen Nachfolgevertrag zittert."

Mitverantwortlich für das Dilemma ist das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, nach dem man zwischen Abschluss und Promotion und zwischen Promotion und Habilitation nur 6 Jahre befristet angestellt werden darf. Wer dann keine feste Stelle hat, hat quasi keine Chance mehr. Horst Hippler, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz hätte gerne eine gute Balance zwischen befristeten Stellen und Dauerstellen. Aber: Die meisten Mitarbeiter im Mittelbau würden aus Drittmitteln finanziert, also Geldern, die aus der privaten Wirtschaft oder von Bund und Ländern z.B über die Exzellenzstrategie eingeworben werden müssen:

"Das Problem ist, dass viele Gelder, die in Hochschulen kommen, befristet kommen und daraus kann man unglücklicherweise nicht wirklich Dauerstellen bezahlen."

Forderung nach besserer Grundfinanzierung

Und selbst wenn man das könnte, wäre es mit Blick auf den Nachwuchs nicht sinnvoll, so Hippler:

"Das Problem mit den Dauerstellen ist, dass man dann auf Dauer dasitzt. Und dann ist in drei Jahren eine Hochschule zu und es gibt für die nächste Generation keine Chance und die Verantwortung haben wir allemal."

Die GEW fordert jetzt vom Bund eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulen, damit Dauerstellen, wenn schon nicht für Projekte, so doch wenigstens für Daueraufgaben finanziert werden können. Außerdem hätten die Hochschulen auch selber die Möglichkeit, die Situation für ihre Mitarbeiter zu verbessern, meint Andreas Keller:

Selbstverpflichtung und Personalentwicklung

"Das heißt, sie können selbst entscheiden, was mit ihren Haushalten passiert und die Hochschulen könnten sich verpflichten auch mehr Dauerstellen für daueraufgaben zu schaffen, dazu haben sie die Möglichkeit. Voraussetzung wäre, dass sie eine vernünftige Personalentwicklung betreiben und das machen die meisten Hochschulen nicht."

Im Rahmen der Hochschulrektorenkonferenz hat man den Vertretern des Mittelbaus fünf Minuten Redezeit für ihr Anliegen eingeräumt. Thema wird es aber bei den 150 Hochschulrektoren in Potsdam nicht sein. Es geht u.a. um die Vorbereitung der Wahl eines neuen Vorsitzenden im kommenden Jahr und Forderungen an eine neue Bundesregierung.

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