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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAktuelle Geschichtsforschung mit neuen Medien21.09.2006

Aktuelle Geschichtsforschung mit neuen Medien

Der 46. Historikertag in Konstanz

Wenn Geschichtsthemen nach Unterhaltungsaspekten aufgearbeitet werden wie eine Daily Soap - ohne Analyse, ohne den Hinweis auf strukturelle Ursachen des Geschehenen - welche Lehren lassen sich aus solchen Geschichtsbildern noch ziehen? Angesichts des Erfolgs von "Histotainment" à la Guido Knopp suchen Historiker nach neuen Vermittlungswegen für die Geschichtswissenschaft.

Von Thomas Wagner

Fernseh-Historiker Guido Knopp (AP Archiv)
Fernseh-Historiker Guido Knopp (AP Archiv)

Trotz vorlesungsfreier Zeit: Dicht gedrängt stehen hunderte von Menschen im Eingangsbereich der Uni Konstanz um die vielen Büchertische herum. Ob es nun um Stalin, die Staufer oder um die Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien geht - in Konstanz gehen dieser Tage geschichtswissenschaftliche Bücher weg wie Bestseller - kein Wunder: Knapp 2500 Teilnehmer haben sich zum 46. Deutschen Historikertag mit dem Schwerpunktthema "Geschichtsbilder" angemeldet.

"Ich bin Mike Boiker von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Geschichtsbilder hat jeder, denke ich. Ich beschäftige mich speziell mit Stadtgeschichte. Und Stadtgeschichte ist ja ein Bereich,, der alle von uns betrifft. Jeder ist mal in einer Stadt oder wohnt sogar da. Man nimmt seine historisch gewordene Umwelt in spezieller Weise wahr. Insofern hat man auch ein Geschichtsbild davon."

"Mein Name ist Peter Walter. Ich bin selbst auch Wissenschaftler, Vor- und Frühgeschichtler beim Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.. Und Geschichtsbilder interessieren uns dort natürlich insbesondere, weil wir selbst welche entwerfen. Und wir wollen ganz gerne hier, bei dieser Fachtagung, verfolgen, wie es von den Profis gesehen wird. Die Wirk-Mächtigkeit solcher Bilder. Wir wirken solche Bilder."

Film-Atmo: "Kraft, Gewandtheit auf dem Pferd, Schnelligkeit mit Colt und Gewehr bestimmen das Überleben und die Hierarchie in dieser Gesellschaftt."

Wie es um die Wirkung historischer Bilder bestellt ist, erfahren die Besucher gleich nebenan, im Audimax der Uni Konstanz. Dort läuft gerade ein Film des Basler Historikers und Filmemachers Achatz von Müller aus dem Jahr 1983 über den Wandel der amerikanischen Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg . Zu sehen ist eine Abfolge historischer Fotos; der Kommentar ist sachlich. Heute, das weiß auch Achatz von Müller, sind zwar Filmbeiträge mit historischen Inhalten häufig im Fernsehen zu sehen. Doch mit seiner Produktion hätte er kaum eine Chance auf hohe Quoten. Gefragt ist nämlich das so genannte "Histotainment" . Dabei werden historische Inhaltsfragmente auf unterhaltsame Art miteinander verbunden und präsentiert, nach Möglichkeit noch unterlegt mit einem dramatisierenden Musikteppich. Ausdrücklich zählt Achatz von Müller die Sendungen des Fernsehhistorikers Guido Knopps zu dieser Kategorie. Nur: Auf diese Art von "Histotainment" könnte Achatz von Müller liebend gerne verzichten:

"Für mich ist das Hauptproblem von diesem Typus Knopp, er ist ja gar nicht einmal alleine, dass ganz und gar auf eine Emotionalisierung der Geschichte gesetzt wird, dass in intensiver Weise Suggestionsmittel verwandt werden, dass Dokumente eingesetzt werden, die in Wirklichkeit gar keine Dokumente sind, sondern Inszenierungen. Etwa Wochenschauen aus den 30er Jahren sind Inszenierungen durch den Machtapparat. Und dieses wird gleichsam mitgeliefert. Zum dritten werden dann Zeitzeugen aufgerufen, die auch eher über ihre emotionale Partizipation und nicht auf ihre Distinktion oder Analyse hin befragt werden. Ich bezeichne das Ganze als eine Art von Yellow-Press-Veranstaltung der Geschichte, weil es immer nur um Macht, Sex, Geld geht. Wir erkennen uns immer ein bisschen selbst in der Geschichte. Mal ist sie ein bisschen schrecklich, mal kommt etwas Verbrechen dazu, und mal ist sie auch irgendwie schön. Selbst in der Verbrechenszeit gibt es schöne Momente, wenn schöne Frauen auftauchen und so weiter. Das ganze ist Geschichtsklitterung, die aber versucht, ganz deutlich versucht, ein Geschichtsbild zu sein."

Letztlich, so Achatz von Müller, würden durch solche Sendungen Geschichtsbilder erzeugt, die mit dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte nur sehr bedingt etwas zu tun haben. Es fehle an der Einordnung in den historischen Zusammenhang und an der Analyse des Gezeigten - ein Trend, der sich auch in Doku-Dramen oder in Spielfilmen mit historischen oder pseudo-historischen Inhalten wieder finde. "Der Untergang", "Napola", "Speer und Er" und in naher Zukunft vielleicht "Der Untergang der Wilhelm Gustloff" - bebilderte, inszenierte Geschichte im Fernsehen ist "sexy" geworden . Doch warum ist das so? Rainer Wirtz, Historiker an der Uni Konstanz:

"Ich denke, dass das ein ganz lang anhaltender Trend ist, seit den 80er Jahren, also seit 20 Jahren etwa, und dass hier Themen des Dritten Reiches bearbeitet werden mit Mitteln der Emotionalisierung und der Dramatisierung und der Personalisierung. Und das Dritte Reich bietet als Schlüsselthema all diese Elemente wie Sex, Crime and Love, wie Lutz Hachmeister sagte. Und ich denke, beide Strömungen zusammen - das deutsche Trauma des Dritten Reiches und des Holocaustes, die Aufarbeitung dieses Traumas und die marktgerechte Neugestaltung in dieser Dramatisierung machen das. Also dieser Hype ist ein starker Hype. Und das Dritte-Reichs-Thema ist wunderbar marktförmig."

Eine Beobachtung, die aber bei vielen der in Konstanz tagenden Historikern Anlass zur Sorge gibt: Wenn Geschichtsthemen, speziell solche aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, nach Unterhaltungsaspekten aufgearbeitet werden wie eine Daily Soap, ohne Analyse, ohne den Hinweis auf strukturelle Ursachen des Bösen, welche Lehren lassen sich aus solchen Geschichtsbildern noch ziehen? Das Dritte Reich inszeniert als mehrteilige TV-Serie mit Sex, Crime and Love - damit wollen sich die Geschichtswissenschaftler keinesfalls abfinden. Doch was tun? Hier ist, so Wolfgang Hagen, Hauptabteilungsleiter beim DeutschlandRadio Kultur und Referent beim Deutschen Historikertag, als allererstes die Geschichtsforschung selbst gefragt,

"weil Guido Knopp selber ein historisches Phänomen ist. Nur wir müssen es als solches erkennen. Das ist die Aufgabe der Medien- und Geschichtswissenschaft. Auch ein Vergessen von Geschichte in der Gegenwart ist selber noch einmal ein historisches Phänomen, das man mit historischen Mitteln, mit Genauigkeit, mit Dokumentationen und Dekonstruktionen, eine Tugend, die Geschichtswissenschaft immer schon aus meiner Sicht beherrscht hat, aufdecken kann. Also wenn Knopp so mit Geschichte umgeht, ist es für mich erstens Medienwissenschaft und zweitens auch historisch ein Befund, den es zu analysieren gibt."

Die Erforschung von "Histotainment" ist das eine, die konkrete Reaktion der Historiker darauf das andere. Für den Konstanzer Historiker Rainer Wirtz ist die Diskussion über "Histotainment" immerhin Anlass genug, gründlich nachzudenken. Warum nicht auch seriöse historische Inhalte in den Medien so präsentieren, dass sie auf das Interesse vieler stoßen ?

"Historiker müssen sich eine Medienkompetenz zulegen. Die Historiker müssen sich fragen, ob die künftigen Geschichtsbilder von Steven Spielberg gemacht werden oder von Hans Mommsen? Und sie haben ein Vermittlungsproblem, ein Problem mit der massenwirksamen Mediatisierung von Geschichte."

Wie diese "massenwirksame Mediatisierung von Geschichte" konkret aussehen soll, darüber werden die Historiker weit über den Konstanzer Kongress hinaus nachzudenken haben. So sieht das auch Professor Peter Funke, Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Vor allem dann, wenn Geschichtsbilder an Jugendliche vermittelt werden sollen, komme man ums Fernsehen nicht herum.

"Ich habe kürzlich gelesen, dass bei der Premiere des Napola-Films Schüler befragt wurden, was sie denn bevorzugten, warum sie gerne in solche Filme hineingingen. Und die Antwort war: Dass man lieber einen Spielfilm mit historischer Thematik sich anschaut als eine Dokumentation, und zwar aus dem Grund, weil eine Dokumentation unecht wirke. Und das macht sehr deutlich, wie heute der Umgang mit solchen Medien ist. Und da haben wir eine große, ich möchte das Wort jetzt benutzen, aufklärerische Aufgabe."

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