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StartseiteForschung aktuellMusik für die Hörprothese18.03.2015

AkustikMusik für die Hörprothese

Wer zum Hören auf ein Cochlea-Implantat angewiesen ist, kann damit zwar Sprache wieder verstehen - der Genuss von Musik bleibt aber getrübt. Das will die interdisziplinäre Arbeitsgruppe musIC 2.0 am Hörzentrum Hannover ändern, unter anderem mit eigens für Implantatträger komponierter Musik.

Von Friederike Maier

Dieter Schmitz steht am 07.11.2013 in Trier mit einem Hörimplantat am Ohr in seinem Garten. Der ehemalige Banker hat sich eine elektronische Hörprothese, ein sogenanntes Cochlea-Implantat (CI), einsetzen lassen. Dabei wird hinter der Ohrmuschel ein Elektrodenträger in das Innenohr eingesetzt. Über ein kleines Mikrofon am Ohr werden die Töne und Laute über ein Kabel von außen zum Elektrodenträger geleitet - und der Hörnerv elektrisch stimuliert. Das Gehirn erkennt dann den Schall. (picture alliance / dpa / Birgit Reichert)
Cochlea-Implantate stimulieren die Hörnerven direkt. (picture alliance / dpa / Birgit Reichert)

Neue Musik speziell für das Hören mit Cochlea-Implantat. Zum Abschlusskonzert des Projektes musIC 2.0 lud das Hörzentrum der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Mitarbeiter dort arbeiten daran, die Musikwahrnehmung mit Cochlea-Implantaten, kurz CIs zu verbessern.

Bei CI-Trägern ist die Hörbiografie und die Motivation, sich überhaupt mit Musik zu befassen, entscheidend für das Musikerlebnis, meinte Susanne Herms in der Pause des Konzerts. Sie trägt selbst zwei Cochlea-Implantate und hat an dem Projekt teilgenommen:

"Ich lass mir so ein CI machen, weil ich Sprache wieder verstehen lernen möchte, weil ich wieder kommunizieren will. Musik ist aber nicht zwingend notwendig für die Kommunikation. Man hat ein Hörgedächtnis der Musik. Wenn sich das mit dem Sprachprozessor beim ersten Mal nicht gleich so anhört wie die Musik, die ich im Gedächtnis habe, dann sind viele ziemlich schnell mutlos und lassen die Musik beiseite."

Musik für Implantatträger

Die Idee von musIC 2.0 war es, neue Musik zu komponieren, die auf Normalhörende und Träger von CIs dieselbe Wirkung hat. Mehrere Monate haben sich Wissenschaftler, Künstler und Träger von Cochlea-Implantaten regelmäßig getroffen und darüber ausgetauscht, wie die akustische Wahrnehmung von CI-Trägern beschaffen ist. Welche Tonunterschiede gut und welche weniger gut wahrgenommen werden können. Welche Klänge als angenehm und welche als unangenehm empfunden werden.

Circa 250 Personen, etwa ein Drittel von ihnen mit Cochlea-Implantat, haben sich das Abschlusskonzert angehört.

Der Klangkünstler Sergio Naddei spielte beispielsweise einen Reactable. Dieser besteht aus einem interaktiven Tisch und verschiedenen würfelförmigen Objekten. Je nach Position und Drehwinkel der Objekte werden verschieden Töne und Effekte erzeugt. Zusätzlich zu den Klängen gibt es dadurch ein visuelles Feedback.

Die monatelange Zusammenarbeit bei musIC 2.0 wurde von allen Beteiligten als äußerst anregend empfunden. Außerdem haben die Teilnehmer auch eine Menge über Wahrnehmung und Hören gelernt so Waldo Nogueira, der Initiator des Projekts.

"Jeder Kontakt als Forscher mit CI-Trägern hilft zu verstehen, wie ein Cochlea-Implantat funktioniert. Hier gab es viel Interaktion zwischen Ingenieuren, Komponisten und CI-Trägern. Dadurch haben wir mehr Kenntnisse gewonnen, wie Musik wahrgenommen wird mit einem CI."

Musikhören als Testfall für Wahrnehmung

Waldo Nogueira ist Professor für Auditorische Prothetik und arbeitet am Hörzentrum daran, das Musikerlebnis mit Cochlea-Implantaten zu verbessern. Die Erfahrungen aus dem Musikprojekt fließen auch zurück in seine Arbeit an der Signalverarbeitung von Cochlea-Implantaten. Die stellt nämlich eine besondere Herausforderung dar: Feine Elektroden geben die Impulse des Audiosignals an die Sinneszellen in der Hörschnecke weiter. Wegen der Leitfähigkeit des Innenohres überlagern sich dabei die Signale benachbarter Nervenbahnen - etwa so, als ob man mit der Faust auf einem Klavier spielt. Hinzu kommt die Überlagerung der Signale von benachbarten Elektroden. Üblicherweise versuchen die Experten, dieses Phänomen durch eine geschickte Steuerung einzugrenzen. Waldo Nogueira und seine Arbeitsgruppe arbeiten daran wie diese Überlagerungen so gesteuert werden können, dass damit ein bestimmter Ton genauer getroffen wird. Nogueira:

"Dann kann man mit gleichzeitiger Stimulation versuchen, dass das elektrische Feld in der Cochlea schmaler wird. So kann man die Nervenfaser gezielter stimulieren. Wir hoffen, dass man dadurch eine bessere Frequenzwahrnehmung erzielen kann."

Und das hilft wiederum bei der Musikwahrnehmung.

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