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StartseiteDLF-MagazinAKW Biblis und die Folgen der Abschaltung22.12.2011

AKW Biblis und die Folgen der Abschaltung

Schwieriger Umgang mit stillgelegtem AKW

Möglichst schnell soll der abgestellte Meiler von Biblis abgebaut werden - so wünschen es sich zumindest die Menschen vor Ort. Doch es könnte auch auf eine jahrzehntelange "Einschließung" hinauslaufen.

Von Anke Petermann

Atomkraftwerk Biblis (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Atomkraftwerk Biblis (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Auf dem Werksparkplatz stehen wie immer Autos, das Kraftwerk mit den grauen Kuppeln summt wie immer - auf dem ersten Blick sieht und hört man nicht, dass Biblis außer Betrieb ist. Aber ob das AKW, das nur fünf Flugminuten vom Rhein-Main-Airport entfernt ist, Strom liefert oder nicht - es birgt Gefahren, das ist den Menschen in der Region zwischen Frankfurt und Mannheim bewusst.

"Das weiß man schon die ganze Zeit, dass das gegen Flugzeugabstürze nicht sicher ist. Wir behaupten ja sowieso, dass wir hier nicht raus dürfen. Wenn das Ding in die Luft fliegt, sind wir so verstrahlt, dass sie uns sowieso nirgendwo nehmen."

Deshalb muss der Meiler schleunigst abgebaut werden - da sind sich die anliegenden Kommunen im Rhein-Neckar-Ballungsraum parteiübergreifend einig, die Anti-Atomkraft-Initiativen waren ohnehin immer dafür. Ingo Hoppe, Sprecher der Bürgerinitiative AK.W.Ende Bergstraße, und Matthias Wilkes, Landrat von der CDU:

"Wir wollen eigentlich die grüne Wiese, das ist das Ziel. Wir wollen nicht ne strahlende, versiegelte Atomruine hier am Rhein stehen haben, mit den ganzen Gefahren, die davon ausgehen, denn nach wie vor ist das Erdbebengebiet.
Die Entscheidung gegen den Atomkraftstandort Biblis muss für uns in der Konsequenz auch heißen, uns von jeglicher Radioaktivität zu verabschieden. Und das einzuhausen und das hier zu behalten bedingt auf die Millionen Jahre Zerfallszeit unabsehbare Risiken. Und deshalb gibt es für uns nur die Alternative des kompletten Rückbaus und der Beseitigung aller Radioaktivität am Standort."

Ursprünglich wollte der Stromriese RWE bis Ende Dezember kundtun, ob der Reaktor nach einer Übergangszeit von etwa fünf Jahren abgerissen oder "sicher eingeschlossen" wird, wie die Experten sagen, und der Rückbau erst in zwei, drei Jahrzehnten folgt. Doch nun vertagt der Konzern die Entscheidung auf unbestimmte Zeit. "Sorgfalt vor Schnelligkeit", begründet ein Kraftwerkssprecher in Biblis. Standort-Chef Hartmut Lauer erklärt:

"Das aktuell gültige Atomgesetz ist im August in Kraft getreten, und seitdem sind wir intensiv dabei, die verschiedenen Optionen zu planen. Normalerweise macht man das ja weit im Voraus. Wir sind hier überraschend getroffen worden und müssen jetzt diese Planungen hier durchführen. Und die sind natürlich komplex, insofern dauert das seine Zeit."

Die Bürgerinitiative AK.W.Ende hält die angeblich anhaltende Überraschung über den Atomausstieg nach Fukushima für vorgeschoben. RWE schinde Zeit, wolle den teuren Abriss hinauszögern. Anderthalb Milliarden Euro müsste der Konzern für Stilllegung und Rückbau lockermachen, hatte der scheidende RWE-Vorstand Gerd Jäger im Herbst vorgerechnet. Im stillen Kämmerlein habe sich die Chefetage längst für den sogenannten sicheren Einschluss hinter Betonwänden entschieden, glaubt der Sprecher der Bürgerinitiative, Ingo Hoppe. Damit würde der Reaktor für Jahrzehnte sozusagen als sein eigenes Zwischenlager genutzt. So könnten die Unternehmenslenker die steuerfreien Rücklagen, die RWE wie alle Stromkonzerne für die zukünftige Beseitigung seiner Meiler aufbauen musste, erstmal anderweitig verwenden, mutmaßt Hoppe:

"Und da wollen sie halt Off-Shore-Anlagen sich hinstellen für das Geld, um dann auch in diesem Bereich als Monopol den Markt zu beherrschen."

RWE verweist dagegen auf die ungeklärte Frage der Endlagerung. Die hochradioaktiven Brennstäbe werden derzeit in Castoren in einer Lagerhalle auf dem Kraftwerksgelände geparkt. Und der schwach- und mittelradioaktive Schrott und Schutt aus einer späteren Demontage könnte frühestens ab 2019 im Schacht Konrad bei Salzgitter gelagert werden. Hartmut Lauer:

"Sollte sich das sogar noch verzögern, dann muss man über Optionen nachdenken, hier am Standort die Abfälle zwischenzulagern, bis sie abtransportiert werden können."

Und bei dieser Frage hört die schöne überregionale Einigkeit zwischen Kommunen und AKW-Gegnern auf. Der christdemokratische Landrat des Kreises Bergstraße würde das bis 2046 genehmigte Brennelement-Zwischenlager auf dem Kraftwerks-Gelände lieber heute als morgen loswerden und die Castoren ins westfälische Ahaus schicken. Auch den anfallenden radioaktiven Bauschutt will er nicht vor Ort haben. Die Bürgerinitiative AK.W.Ende dagegen ist strikt gegen Atommüll- und Castor-Transporte. Ingo Hoppe plädiert dafür, alles was strahlt, erstmal am AKW zu parken, auch nach der Stilllegung.

"So lange es kein klares, akzeptables Entsorgungskonzept Endlagerung gibt, so lange hat es dazubleiben, wo es entstanden ist."

Hoppes Blick fällt auf einen mit Stroh gefüllten Plastiksack unten in seiner Schrankwand. "Atomkraft, nein danke" klebt darauf und die Aufschrift "Seniorensitzsack". Ein Geburtstagsgeschenk seiner Mitkämpfer von der Bürgerinitiative AK.W.Ende, in Erinnerung an die Anti-Castor-Demonstrationen im Wendland. Sollten Castor-Transporte aus Biblis vorbereitet werden, könne er den Sitzsack auch in seiner Heimat gut gebrauchen, unkt der 63jährige Aktivist - um sich zur Blockade vorm AKW niederzulassen.

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