• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteInterview"Al Arabiya"-Journalist: NATO soll Rebellen unterstützen25.08.2011

"Al Arabiya"-Journalist: NATO soll Rebellen unterstützen

Der NATO-Eingriff kann in Libyen auch negativ aufgefasst werden

Anis Abul-Ella vom arabischen Fernsehsender "Al Arabiya" sieht den NATO-Eingriff in Libyen auf der einen Seite positiv, weil die Rebellen unterstützt werden. Auf der anderen Seite negativ, weil die Unterstützung als "importierte Rebellion" von außen betrachtet werden könnte.

Anis Abul-Ella im Gespräch mit Friedbert Meurer

Rebellen in Tripolis (picture alliance / dpa)
Rebellen in Tripolis (picture alliance / dpa)

Friedbert Meurer: Wenn die Rebellen in Libyen den Bürgerkrieg endgültig für sich entschieden haben werden - noch wird an der einen oder anderen Stelle gekämpft -, dann liegt das maßgeblich auch am Einschreiten der NATO. Das Bündnis hat Tausende von Lufteinsätzen geflogen, Ziele des Gaddafi-Regimes bombardiert. Aber war das alles wirklich vom Mandat der Vereinten Nationen gedeckt? Wurde das Mandat überschritten, um die Ziele zu erreichen?
Ich bin jetzt verbunden mit Anis Abul-Ella, er ist Deutschland-Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Arabiya. Guten Morgen, Herr Abul-Ella.

Anis Abul-Ella: Guten Morgen!

Meurer: Die NATO hat vielleicht das Mandat überdehnt, vielleicht einzelne Staaten. Geht eigentlich Ihr Fernsehsender Al Arabiya auch solchen Fragen nach?

Abul-Ella: Ja, natürlich. Man muss zuerst betonen, meiner Meinung nach, dass die NATO-Einmischung in Libyen zwei Seiten hat: Eine positive Seite und eine Seite behaftet mit Fragezeichen. Die positive Seite ist natürlich die Unterstützung der Rebellen beziehungsweise Unterstützung dieser Aufbruchphase in der arabischen Welt, was wir nennen den Arabischen Frühling. Und die negative Seite ist natürlich, dass jede Unterstützung von außen stellt, eine Art von Gefahr dar, dass man diese Umwandlung, diese Aufbruchphase in den arabischen Ländern als importierte Rebellion oder Änderung von außen sieht, und das ist natürlich nicht so gut.

Meurer: Andererseits: Das sind ja zwei Seiten ein und derselben Medaille, Herr Abul-Ella. Was soll die NATO jetzt tun?

Abul-Ella: Die NATO sollte meiner Meinung beziehungsweise unserer Meinung nach so schnell wie möglich die Sache der Aufständischen unterstützen, also die Unterstützung für die Aufständischen in Libyen beziehungsweise in Tripolis und in den anderen Städten Libyens. Das sollte sie wie gesagt unterstützen, aber die Leute müssen die Entscheidung treffen - und ich glaube, es gibt jetzt mehrere Konferenzen in den kommenden Tagen -, damit diese Aufständischen ihre Macht befestigen können in Libyen, nicht nur in Tripolis und Bengasi, sondern auch in anderen Städten und Regionen in Libyen.

Meurer: Die NATO hat den Weg für die Rebellen freigeschossen bis zur Residenz Gaddafis nach Tripolis. Hat das das Mandat der Vereinten Nationen verletzt?

Abul-Ella: Das kommt darauf an, wie man die Sache sieht. Also es ist nicht 100 Prozent verletzt, aber andererseits auch: Das Mandat der NATO war eigentlich eindeutig Schutz der Zivilbevölkerung und was dazugehört. Ich meine, man kann nicht den Schutz der Zivilbevölkerung trennen von der Situation in Tripolis vor Ort. Also wenn es sein muss, um die Zivilbevölkerung zu schützen, dass die NATO Gaddafis Residenz bombardiert, dann ist das in Ordnung, weil die Gefahr ist, sehr groß, dass Gaddafi und sein Clan die Lage ausnutzen, um bestimmte Macht zu erhalten, und das wäre gefährlich für die Entwicklung in Libyen und auch gegen die Zivilbevölkerung. Von dieser Sicht ist die Einmischung der NATO beziehungsweise Bombardierung der NATO dieser Residenz Bab al-Asisija ist eigentlich in Ordnung.

Meurer: Als die Rebellen in Tripolis einmarschiert sind, haben wir das kurz darauf fast zeitgleich im Fernsehen sehen können. Hat Al Arabiya auch sofort eigene Leute in Tripolis gehabt?

Abul-Ella: Ja! Wir haben unsere Leute in Tripolis und in Bengasi, überall in Libyen, wo man arbeiten kann. Ich meine, es gibt natürlich Ecken, wo die Arbeit ziemlich schwer aus Sicherheitsgründen ist, aber wir haben unsere Korrespondenten beziehungsweise unsere Leute und Büros überall ja in Libyen.

Meurer: Früher gab es mal einen Wettlauf zwischen CNN und Al Jazeera. Al Jazeera gilt als Ihr großer Konkurrent. Ist das auch jetzt in Tripolis so, jeder will der Schnellste sein, Al Arabiya, Al Jazeera?

Abul-Ella: Das stimmt! Al Jazeera ist unser Intimfeind (lacht), Konkurrent, wie man das sagt. Aber ich glaube, dass Al Jazeera, wie Sie wissen, unterstützt wird von Katar. Das Emirat Katar unterstützt die Rebellen mit Waffen, mit Geld, mit Infrastruktur et cetera, und das gibt ihnen natürlich Vorteile. Al Arabiya aber hat diese Vorteile nicht, aber wir haben unsere Korrespondenten, wir haben unsere Arbeit bis jetzt zumindest gut gemacht, und ich hoffe, dass es so weitergeht.

Meurer: Ihren Fernsehsender gibt es seit 2003, so lange ist das ja noch nicht, und in den acht Jahren, Herr Abul-Ella - jetzt vertraue ich mal Zahlen auf der Wikipediaseite -, sind vier Ihrer Reporter ums Leben gekommen. Ist das viel für acht Jahre?

Abul-Ella: Das stimmt! Es gibt eine Menge von unseren Kolleginnen und Kollegen, die für ihre Sache gestorben sind, im Irak insbesondere, und Sie können sich erinnern: Viele Kollegen von uns sind umgebracht worden während der Ereignisse im Irak. Es ist ein Preis, wissen Sie, ein Preis, die Presse bezahlt diesen Preis überall in der Welt und nicht nur in den arabischen Ländern in diesen schwierigen heiklen Zeiten.

Meurer: In Tripolis saßen die Journalisten tagelang im Hotel fest, waren sozusagen Luxusgefangene der Gaddafi-Truppen und konnten eigentlich nichts machen, außer im Hotel zu bleiben. Lohnt das das ganze Risiko?

Abul-Ella: Wie gesagt, das ist der Preis der freiheitlichen Demokratie. Wir sind ja der Meinung, die Pressefreiheit muss garantiert werden, koste es, was es wolle. Das haben wir von dem Westen gelernt, wissen Sie. Die demokratischen Freiheiten müssen verteidigt werden und ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Demokratie. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man auch riskieren soll, um diese Freiheit zu garantieren. Dadurch muss ein Korrespondent in Tripolis auch in einem Luxushotel gefangen werden, so wie Sie das ausgedrückt haben, um diese Meinungsfreiheit klar zu machen als Verteidiger der Demokratie.

Meurer: Wenn Sie so über die Meinungsfreiheit reden, kritische Frage: Hauptfinanzier von Al Arabiya ist Saudi-Arabien, ein Land, das absolut überhaupt keine Demokratie kennt. Schränkt das Ihre Berichterstattung ein?

Abul-Ella: Das ist eine sehr heikle Frage, da gebe ich Ihnen recht, sehr kritische Frage, weil man darf, nicht vergessen, dass Al Arabiya genauso wie Al Jazeera in Katar, solange Sie auch Al Jazeera erwähnt haben, die sind auch hier in Katar, und das Emirat Katar ist so ähnlich wie Saudi-Arabien, natürlich nicht so problematisch wie in Saudi-Arabien, aber andererseits ist dort auch eine so ähnliche Situation, Katar, Bahrain, die Golfstaaten im Allgemeinen.

Zurück zum Thema Finanzierung. Ich gebe Ihnen recht, dass die Hauptfinanzierung von Al Arabiya von Saudi-Arabien ist. Aber es gibt andere Stellen, andere Quellen, und Al Arabiya berichtet, so weit ich weiß, von hier, von meiner Sicht in Deutschland, ziemlich objektiv, ruhig, ohne Krach, ohne - wie kann man das ausdrücken? -, ohne sensationelle Berichterstattung.

Meurer: Anis Abul-Ella, Deutschland-Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Arabiya, unter anderem zur Berichterstattung über die aktuellen Geschehnisse in Libyen. Herr Abul-Ella, Herzlichen Dank und auf Wiederhören.

Abul-Ella: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk