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StartseiteGesichter EuropasFreiwillige nehmen Notrufe von Flüchtlingen in Seenot an05.09.2015

AlarmphoneFreiwillige nehmen Notrufe von Flüchtlingen in Seenot an

Immer wieder geraten Flüchtlingsboote in Seenot, obwohl das Mittelmeer viel befahren wird und jedes Schiff, das von einem Notfall erfährt, zur Seenotrettung verpflichtet ist. Die freiwilligen der Initiative Alarmphone wollen dem etwas entgegensetzen: Sie nehmen Notrufe von Flüchtlingen an und alarmieren die zuständige Küstenwache - rund um die Uhr.

Von Stefanie Müller-Frank

Blick auf den Ozean (dpa/pa/Bundeswehr)
Hier treibt ein Schlauchboot mit Schiffbrüchigen im Mittelmeer, bevor die Flüchtlinge von der Fregate Hessen gerettet werden. (dpa/pa/Bundeswehr)
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Noch ist alles ruhig an diesem Montagnachmittag. Nur ein paar Minuten ist es her, dass Katharina Morawek und Simon Sontowski das Alarmphone-Schichtteam aus Bremen abgelöst haben. Die Laptops vor sich aufgeklappt, das Handy daneben - die Notrufe aus dem Mittelmeer werden jetzt also direkt zu ihnen, in das Wohnzimmer einer Zürcher WG weitergeleitet. Soweit die Routine. Die einzige Ausnahme ein neuer Freiwilliger, der beim Alarmphone mithelfen will.

"Also wie funktioniert es jetzt genau, wenn ein Anruf reinkommt? Was passiert dann genau? Dann geht's darum, möglichst schnell verschiedene Dinge zu klären: Einerseits die Nummer zu verifizieren, von der angerufen wird, weil das Telefonsystem nicht immer die korrekte Nummer anzeigt. Zweitens ist es wichtig, dass die Position des Schiffes identifiziert werden kann. Es geht auch darum, herauszufinden: Was ist die Situation auf dem Schiff? Wie viele Leute sind auf dem Schiff? Gibt es irgendwelche speziellen Dinge, zum Beispiel schwangere Frauen. Oder es kommt auch immer wieder vor, dass sich Tote auf diesen Schiffen befinden."

Ehrenamtliche achtstündige Telefonschichten

Auch deshalb hatte Simon Sontowski zu Beginn großen Respekt vor den achtstündigen Telefonschichten. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Zürich und seit Anfang des Jahres ehrenamtlich beim Alarmphone dabei.

"Man muss sich schon vorstellen, dass jederzeit passieren kann, dass man direkt mit Leuten in Kontakt tritt, die sich direkt in Lebensgefahr befinden. Dass man erzählt bekommt, dass auf dem Boot schon mehrere Leute gestorben sind. Es kommt überraschend häufig vor, dass auf den Booten Kinder zur Welt gebracht werden."

Katharina Morawek greift zum Handy. Am anderen Ende der Leitung ist kein Flüchtling, sondern ein Aktivist vom französischen Alarmphone-Team. Bei ihm war am frühen Morgen ein Notruf aus Nordafrika eingegangen.

"Er wollte wissen, wie es mit dem Fall ausgegangen ist, wo er den ersten Anruf bekommen hat. Also die spanische Küstenwache wusste nichts über diesen speziellen Fall, weil wir konnten ihnen keine Nummer geben. Wir hatten ja nur die Informationen aus dritter Hand. Und sie haben eine Gruppe von sieben Leuten, die vom Hotel Tarifa in Marokko losgefahren sind, gerettet. Wir wussten auch von einem Boot mit sieben Leuten – aber du kannst ja nie endgültig wissen, ob es das Gleiche ist. Soll ich mal die Spanier anrufen?"

Über das Internet wird der Schiffsverkehr verfolgt

Katharina Morawek macht einen Vermerk im internen Logbuch. Hier wird alles genau dokumentiert, was während einer Schicht passiert. Dann ruft sie eine Internetseite auf, die den Schiffsverkehr im Mittelmeer anzeigt.

"Es gibt verschiedene Websites, auf denen der Traffic im Mittelmeer einsehbar ist, öffentlich. Also da kann jede Person nachsehen, was sich da tut. Das ist eigentlich so wie der Verkehrsfunk. Also man sieht dann, welche Schiffe unterwegs sind, man kann sie auch dem Namen nach suchen. Und wenn man dann die Koordinaten des Schiffes in Seenot hat, dann kann man auch nachschauen, welche Schiffe dort in der Nähe sind."

Geht beim Alarmphone ein Anruf ein, fragen die Aktivisten als erstes nach den Koordinaten des Bootes. So können sie dessen Standort ermitteln - und im Internet verfolgen, welche Schiffe dort gerade in der Nähe sind. Dann alarmieren sie die zuständige Küstenwache. Denn eigentlich ist jedes Schiff, das auf dem Meer unterwegs ist, in einem Notfall zur Rettung verpflichtet.

"Das ist eigentlich wie im Straßenverkehr: Wenn du einen Unfall beobachtest, musst du helfen. Sonst machst du dich strafbar wegen unterlassener Hilfeleistung. Und das ist eigentlich auf See das gleiche Prinzip."

Ebenso ist völkerrechtlich vereinbart, dass jedes Land mit eigener Küste in seinen Hoheitsgewässern die Seenotrettung übernimmt. Trotzdem kentern regelmäßig Flüchtlingsboote, ohne dass ihnen jemand zur Hilfe kommt. Offenbar werden die Notrufe ignoriert - oder die Hilfe verschleppt.

"Es gibt eben die Search- und Rescue-Zones, die die Zuständigkeit bestimmen. Und die überschneiden sich eben teilweise. Was dazu führt, dass dann über die Zuständigkeit noch mal verhandelt werden muss bzw. gestritten wird."

Bei einem Seenotfall wird die Küstenwache informiert

Das war auch am 8. Oktober 2013 der Fall: Nur eine Woche nach dem großen Bootsunglück vor Lampedusa ertranken 260 weitere Flüchtlinge im Mittelmeer. Italienische und maltesische Küstenwache hatten sich tagelang gegenseitig die Verantwortung zugeschoben. Damit das nicht mehr passiert, haben Aktivisten aus Europa und Nordafrika das Alarmphone gegründet. Erfahren sie von einem Seenotfall, machen sie Druck bei der zuständigen Küstenwache und verfolgen in Echtzeit die Schiffsbewegungen übers Internet mit. Falls niemand eingreift oder die Flüchtlingsboote illegal zurückgedrängt werden, alarmieren sie Politik und Medien.

"Ist die ganze Sache eigentlich rechtlich problematisch? Oder ist das alles legal, was wir hier machen? Wir operieren genau in der Grauzone eigentlich zwischen Migrationsrecht und Seerecht - dieses Spannungsfeld ist genau das, wo das Projekt auch ansetzt: Man könnte natürlich einen Fall von Unterstützung illegaler Einreise konstruieren, aber die Gegenseite wäre immer: Wir machen uns unterlassener Hilfeleistung schuldig, wenn wir die Informationen, die wir bekommen, nicht weitergeben."

Rechtliche Grauzone

Diese rechtliche Grauzone würde den neuen Freiwilligen Dominik Gross jetzt aber nicht davon abhalten, beim Alarmphone mitzuarbeiten. Im Gegenteil findet er: Auch während des Nationalsozialismus seien ja Schweizer vor Gericht verurteilt worden, weil sie Juden zur Flucht verhalfen.

"Wenn man grundsätzlich in einem kritischen Verhältnis zur herrschenden Politik steht - in welchem Bereich auch immer - dann geht es ja eigentlich immer darum, dass man Konflikte produziert, um sie sichtbar zu machen. Egal, ob man jetzt griechischer Finanzminister oder Flüchtlingshelfer ist. Von dem her gehört es dann wohl einfach dazu, dass man hier ein gewisses Risiko eingeht. Auch, weil man vielleicht davon ausgeht, dass Recht auch nicht unpolitisch ist. Da ist ja Migrationsrecht das beste Beispiel dafür."

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