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Alarmstufe Rot

DHV-Präsident: Der Bachelor ist keine Garantie für ein Masters-Studium

Bernhard Kempen im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Zwei Absolventinnen des dritten Jahrgangs der Internationalen Universität Bremen
Zwei Absolventinnen des dritten Jahrgangs der Internationalen Universität Bremen (AP)

Erst war er gepriesen als eine europäische Bildungslösung und Teil einer kontinentalen Hochschulreform, nun setzt Ernüchterung ein angesichts der wachsenden Inakzeptanz des Bachelor-Studiengangs. Viele Studierende befürchten, trotz Bachelor nicht weiter studieren zu können. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen fordert daher Konzentration auf den Master und eine verstärkte Mobilität der Studierenden.

Ulrike Burgwinkel: Alarmstufe rot. So bewertet der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen die Situation beim Bologna-Prozess. Die Ergebnisse des zehnten Studierenden-Surveys des Bundesministeriums für Bildung und Forschung haben ihn zu diesem Warnsignal veranlasst. Herr Professor Kempen, guten Tag.

Bernhard Kempen: Guten Tag, Frau Burgwinkel.

Burgwinkel: Herr Kempen, Hauptsache glücklich im Hörsaal, so zumindest las sich die wesentliche Erkenntnis aus dem Bericht, wie unter anderem in der "Zeit" dargestellt. Wie passt denn das zur Alarmstufe rot, die Sie jetzt ausrufen?

Kempen: Frau Burgwinkel, ich hatte manchmal den Eindruck, dass wir über unterschiedliche Studien sprechen. Wenn ich mir so anschaue, was in der letzten Zeit über diesen zehnten Studierenden-Survey gesagt und geschrieben wurde, ich habe mir die Mühe gemacht, diese Studie sehr eingehend zu lesen und da steht deutlich und klipp und klar drin, dass wir es mit einer zunehmenden Inakzeptanz der Bachelor-Studiengänge zu tun haben. Nichts anderes steht da drin. Und da müssen mir diejenigen, die das anders interpretieren, mal erklären, wie sie eigentlich zu dieser Interpretation kommen.

Burgwinkel: Ich war auch etwas konsterniert aufgrund dieser eindeutig gegenteiligen Aussagen, die man aus diesem Survey rausholen kann. Unter Punkt fünf zum Beispiel sind in erster Linie Schwierigkeiten aufgezählt. Ich denke, da haben Sie sich in erster Linie drauf bezogen.

Kempen: So ist es. Unter Punkt fünf, aber auch hinten unter Punkt neun finden Sie da Ähnliches. Also, es ist, wie soll man sagen, es ist in der Tat alarmierend, was uns hier entgegenschlägt. Die Studierenden, und das ist eine höchst repräsentative Umfrage, die Studierenden sind offenbar stark verunsichert, das ist das eine, was man feststellen muss, aber auch doch überwiegend der Ansicht, dass sie mit den neuen Studienstrukturen schlechter fahren als mit den alten.

Burgwinkel: Ist es nicht auch in erster Linie ein Imageverlust dieses Studiengangs?

Kempen: Das hat auch mit Imageverlusten zu tun, aber es hat vor allen Dingen mit den Zukunftsängsten der jungen Generation zu tun. Und die werden durch die Bologna-Sachwalter jetzt geradezu befördert, denn jungen Leuten wird klargemacht: "Ihr studiert hier, wir wissen aber gar nicht genau, wo die Reise euch hinführen wird. Werdet ihr die Möglichkeit haben, nach einem Bachelor-Studium noch Master zu studieren an eurer eigenen Universität, an einer anderen deutschen Universität oder gar an einer ausländischen Universität?" Das kann heute niemand verlässlich einem Studenten mitgeben oder versprechen. Und das Zweite ist, es kann auch niemand einem Studenten versprechen: "Mit dem Bachelor-Abschluss wirst du in einen Beruf übernommen werden." Auch das kann nicht versprochen werden. Und das finde ich schon grausam. Ich muss ganz offen sagen, wenn jetzt nicht gehandelt wird und wenn nach diesen neusten Erkenntnissen nun nicht wirklich ein Umdenken einsetzt und wir mal daran gehen, die Probleme zu lösen, anstatt sie schönzureden, dann muss ich schon sagen, dann werden wir auch noch im Hochschulverband ganz andere Töne anschlagen müssen, um endlich mal die politische Szene wachzurütteln.

Burgwinkel: Sie wollten ja auch in Kürze, so hieß es zumindest gestern in der Pressemitteilung, mit eigenen Vorschlägen an die Öffentlichkeit gehen. Welche Lösungsvorschläge oder -möglichkeiten können Sie denn heute vielleicht schon in "Campus & Karriere" vorschlagen?

Kempen: Frau Burgwinkel, bitte haben Sie Verständnis, dass ich da nicht schon ein Papier hier vortragen kann, das bei uns im Verband noch sozusagen der letzten Entscheidungen offen steht. Also, ich kann da noch nicht ganz die Katze aus dem Sack lassen. Aber wenigstens so ein ganz klein bisschen kann ich schon mal andeuten, was wir uns vorstellen: Erstens, wir würden gerne haben, dass allen Studierenden klargemacht wird: "Der Master ist eigentlich das, was ihr anpeilen dürft und was ihr anpeilen könnt". Wir müssen das Verhältnis umdrehen, das wir jetzt haben. Denn jetzt ist es so, dass nur 20 bis 30 Prozent der Studierenden überhaupt nach dem Bachelor-Abschluss noch Master studieren können, das ist schon kapazitätsmäßig gar nicht anders möglich. Und genau das müssen wir umdrehen. Wir müssen klarmachen, Nein, es werden 70 bis 80 Prozent werden mit dem Master-Abschluss die Universität verlassen, mit nichts anderem. Und damit haben sie eine Ausbildung, die dann auch marktfähig ist und die auch international wettbewerbsfähig ist. Das ist ein Punkt. Das wird unsere allererste Forderung sein. Aber wir müssen auch noch etwas anderes lösen. Nämlich das Problem, wie wir die nachlassende Mobilität der Studierenden wieder in Schwung bringen. Wie können wir denn erreichen, dass Studierende heute im Studium einen Auslandsaufenthalt reinschieben? Und zwar nicht irgendwann, sondern schon in einer frühen Studienphase, also etwa im dritten oder vierten Semester. Da müssen wir regelrechte Mobilitätsverbünde herstellen, um klarzumachen, dass zwischen mehreren Universitäten und Fachbereichen ein Agreement besteht. "Wir nehmen eure Studierende auf, wenn sie die und die Studienabschnitte absolviert haben und umgekehrt nehmt ihr dann bitte auch unsere auf". Solche Verbünde müssen wir herstellen und da muss auch politischerseits muss dann also auch etwas getan werden, damit diese Verbünde dann auch wirklich entstehen. Das lässt sich mit den bisherigen Akkreditierungsmechanismen und mit dem, was wir bisher haben, überhaupt nicht bewerkstelligen, da muss was ganz anderes her.

Burgwinkel: Nun war der DHV eigentlich nie wirklich Feuer und Flamme für Bachelor und Master. Fühlen Sie sich jetzt bestätigt?

Kempen: Das wäre uns nicht genug, Frau Burgwinkel. Uns ist nicht daran gelegen, irgendeine Bestätigung zu erfahren, wobei ich schon darauf hinweisen will, dass wir in der Tat schon sehr früh auf die Probleme, die wir jetzt sozusagen schwarz auf weiß vor uns haben, hingewiesen haben. Aber das ist ja nicht unser Anliegen, sondern unser Anliegen ist, im Interesse der Studierenden die Verhältnisse zu verbessern. Das ist unser Ziel. Also, uns geht es da nicht um fahle Genugtuung, die wir darin finden, dass wir es schon immer besser gewusst haben, sondern uns muss es darum gehen, dass sich die Verhältnisse an den Universitäten und überhaupt an den Hochschulen verbessern. Und da, an diesem Ziel, werden wir weiter beharrlich und auch mit der uns eigenen Hartnäckigkeit arbeiten.

Burgwinkel: Vielen Dank für das Gespräch.

Kempen: Gerne.

Burgwinkel: Professor Bernhard Kempen, Präsident des DHV über den Bachelor im, ja, sagen wir, Abwind, nicht mehr nur im Gegenwind.

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