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Albtraum der Plattenindustrie

Das noch immer verkannte Erbe von Talk Talk

Von Thomas Elbern

Irgendwann stöpselten Talk Talk die Synthesizer einfach aus.
Irgendwann stöpselten Talk Talk die Synthesizer einfach aus. (Jan-Martin Altgeld)

Talk Talk stehen mit Hits wie "It's My Life" oder "Such a Shame" für den Sound der 80er. Dabei vollzog die britische Band einen musikalischen Wandel, der weit über diese Dekade herausstrahlt. Mit der Wiederveröffentlichung des kompletten Bandkataloges wird nun an die Pioniere des Post Rock erinnert.

Schräge Grimassen im Musikvideo, die Nickelbrille von Sänger Marc Hollis, Talk Talk waren alles andere als eine Band mit Föhnfrisuren und New Romantic Gehabe, obwohl ihre Musik durchaus an Zeitgenossen wie Duran Duran und Spandau Ballet erinnerte. Anfangs jedenfalls. Hitverdächtige Melodien, massiven Synthesizereinsatz, das hatten die andern auch. Aber Talk-Talk-Sänger Marc Hollis klang wesentlich eindringlicher, unverwechselbarer. Außerdem sah er nicht schräg aus, er war es tatsächlich. Ein durchgeistigter Typ, fast schon ein Anti-Star. Manfred Rolef, Talk-Talk-Fan der ersten Stunde und Mitarbeiter der Firma EMI, bei der die Band seinerzeit unter Vertrag war, kennt einige Episoden von Kollegen, die damals direkt mit Hollis zu tun hatten.

"Da gab es so legendäre Geschichten, wo man sich getroffen hat und er sagte, er würde sich gerade wie ein Schmetterling fühlen, also in einer völlig anderen Welt unterwegs sein. Für einen Mitarbeiter in einer Plattenfirma war alleine die Zusammenarbeit mit so einem schrägen Typen eine Herausforderung."

Während die ersten Alben "The Party's Over" und "It's My Life" noch klar von synthetischen Sounds geprägt waren und sehr eingängige Songstrukturen hatten, klang "The Colour of Spring" 1986 schon ganz anders: Viel verspielter als seine Vorgänger, mit epischen Songlängen und komplexen Arrangements. Dennoch schafften es Talk Talk ausgerechnet mit diesem Album in die britischen Top Ten, während sie schon längst im restlichen Europa erfolgreich waren. Manfred Rolef:

"Bei der Plattenfirma damals hat es sicher etwas Unverständnis hervorgerufen weil die eben auf dem Album davor drei große Singlehits hatten. Das Album hat für mich als Fan im ersten Moment auch sehr sperrig gewirkt. Wenn man sich das im heutigen Kontext mit den späteren Alben anhört, dann war "The Colour of Spring" definitiv die Übergangsphase, wo sie den Absprung von der Synthie Pop Band geschafft haben und den Boden bereitet haben, was dann mit "Spirit of Eden" danach passiert ist. Das ist für mich das Schlüsselwerk in ihrer Karriere."

Noch extremer kam es 1988: Da erschien das Talk-Talk-Album "Spirit of Eden", bei dem die Band die Synthesizer komplett ausgestöpselte. Es brach endgültig mit allem, was Talk Talk bisher gemacht hatten und gilt als Beginn des sogenannten Post Rock. Spätestens jetzt war klar: Talk Talk wollten Kunst machen.

Im komplett abgedunkelten Studio entstand eine Art moderne Kammermusik mit Rock und Blues-Anteilen. Das dauerte unzählige Sessions, bei denen auch ein damals recht unbekannter Nigel Kennedy Geige spielte. Extreme Dynamikschwankungen in ein und demselben Song, eine Gitarre kracht wie aus dem Nichts, dann herrscht wieder Stille, meditativ. Die musikalischen Themen wirken wie hingeworfen und sind doch untrennbar miteinander verwoben. Für eine Gruppe, die mit gut produziertem Synthiepop angefangen hat und damit erfolgreich war, war das ein unglaublicher Schritt in Richtung Avantgarde. Wenn das erste Stück gleich 20 Minuten lang ist, kann man auch getrost sagen: kommerzieller Selbstmord.

"Das Album muss ein Albtraum für die damaligen EMI Mitarbeiter gewesen sein. Es gab keine offensichtliche Hitsingle, es gab immerhin eine Single und ein Video, es gab keine Liveperformances von der Band, also die gängigen Promotion-Möglichkeiten wurden komplett abgeblockt und es war ein Album was die bisherige Fanbase komplett vor den Kopf gestossen hat.Mit diesem Album hat man sich neue Fans erschlossen, zwar viel weniger als vorher, aber eine wesentlich erwachsenere Hörerschaft."

Dass Talk Talk ihrer Zeit voraus waren, zeigte sich dann endgültig mit dem Nachfolger "Laughing Stock", der 1991 herauskam. Die meditativen, ambientartigen Klangtexturen wurden darauf noch verfeinert. Viele Gruppen der 8oer sind, meist völlig zurecht, in Vergessenheit geraten. Dieses Schicksal verhinderten Talk Talk mit ihren beiden Spätwerken, glaubt nicht nur Manfred Rolef:

"Einfach die völlige Exotenrolle, auch wie es eine Band geschafft hat, innerhalb von vier Alben so einen Quantensprung in musikalischer Entwicklung hinzulegen. Es ist nicht nachvollziehbar wenn man jemand "The Party is Over" vorspielt und danach "Laughing stock" oder "Spirit of Eden", das kann nicht dieselbe Band sein. Ich glaube, das ist dieses Mysterium, was dieser Band diesen Kultstatus eingebracht hat. Diese Wahnsinnsentwicklung, aber zu jeder Schaffensphase waren sie unglaublich spannend und am Anfang auch kommerziell zugleich."

Im Laufe dieses Jahres erscheint das Buch "The Spirit of Talk Talk", für das Mitglieder von Pink Floyd, the Verve oder Depeche Mode Essays geschrieben haben. Viele Weggefährten der Gruppe kommen hier zu Wort und bestätigen nochmal, wie außergewöhnlich eigentlich diese Gruppe wirklich gewesen ist. An Wiedervereinigung ist übrigens nicht zu denken. Sänger Marc Hollis hat sich komplett aus dem Musikgeschäft zurückgezogen.



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