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StartseiteBüchermarktKein zeitgemäßer Roman03.10.2016

Alexander Ilitschewski: "Der Perser"Kein zeitgemäßer Roman

Alexander Ilitschewski, der für seinen Roman "Der Perser" in Russland diverse Preise einheimste, beweist, dass das Genre des philosophischen Roman-Essays in der Nachfolge von Tolstoi oder Dostojewski funktioniert. In jedem Fall markiert die Übersetzung seines neuen Romans "Der Perser" die Ankunft eines großen russischen Schriftstellers in Deutschland.

Von Uli Hufen

Blick auf aserbaidschanische Ölfelder in Shikhof nahe der Hauptstadt Baku - aufgenommen im Oktober 1998. (picture alliance / dpa / epa / Nemenov)
Der Protagonist Haşem floh kurz vor der iranischen Revolution mit seiner Mutter in die Sowjetunion, genauer in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer. (picture alliance / dpa / epa / Nemenov)
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Alexander Ilitschewski: "Der Perser" Wortmächtiges Epos zum Staunen

Das Russische verfügt über einige sogenannte Zischlaute, deren Aussprache Ausländern seit jeher ebenso viel Kopfzerbrechen macht, wie ihre Übertragung in westliche Sprachen. Einer davon sieht aus wie ein X, wird aber ausgesprochen wie das "ch" in "noch". Mit diesem Buchstaben beginnen zumindest im Russischen die Namen von drei der vier Hauptfiguren in Alexander Ilitschewski monumentalem Roman "Der Perser".

Alle drei sind Propheten und Messiasgestalten: Christus, Chlebnikow und Haşem. Den ersten muss man nicht vorstellen. Der zweite, Welimir Chlebnikow, gab sich selbst den Titel "Vorsitzender des Erdballs", gilt vielen als mystisches Zentrum der russischen Avantgarde, ist aber im Ausland nur Spezialisten ein Begriff. Der dritte ist der titelgebende Perser, dessen Name auf Deutsch nicht mit "Ch" sondern nur mit "H" beginnt. Haşem floh kurz vor der iranischen Revolution mit seiner Mutter in die Sowjetunion, genauer in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer. Inzwischen führt er im Nationalpark Şirvan kurz vor der iranischen Grenze mit seinen Jüngern eine futuristische Öko-Sekte nach biblischem Vorbild.

"Schaut auf eine gute, übersichtliche Karte, dann wird euch die Symmetrie sofort klart. Wenn man das Wolgadelta mitsamt dem Şirvan um einen bestimmten Punkt dreht, landen sie deckungsgleich auf dem Nildelta und dem Gelobten Land. Nehmt einen Zirkel und prüft es nach. Die Deckung vollzieht sich geografisch ebenso wie dem Gehalt nach. Der Drehpunkt dürfte übrigens irgendwo in Kleinasien nahe Kappadokien liegen."

Die vierte Hauptfigur in "Der Perser" ist der Ich-Erzähler Ilja Dubnow. Ilja und Haşem sind Kindheitsfreunde, gemeinsam durchstreiften sie die Halbinsel Apşeron, auf der Baku liegt, gemeinsam entdeckten sie den Dichter Chlebnikow, der 1921 dabei war, als die Rote Armee versuchte, von Baku aus Persien zu erobern, gemeinsam spielten sie Theater, träumten von fernen Ländern, Kunst und Liebe.

Propheten und Messiasgestalten

Doch als Ilja 1990 vom Wehrdienst nach Baku zurückkehrte, saß seine Familie auf gepackten Koffern. Was sich in seiner Abwesenheit in Baku abgespielt hat weißer nur schemenhaft, aus den verdrucksten Halbwahrheiten des sowjetischen Fernsehens: Die Pogrome, der Exodus der Armenier, der Krieg um Berg-Karabach. Dubnows Familie ist nicht armenisch, aber auch die meisten Russen und Juden fühlen sich 1990 in Baku nicht mehr zu Hause.

Und so kommt Ilja über Japan nach Kalifornien, studiert Geologie und wird zu einem weltweit gefragten Experten in der Erdölindustrie. 17 Jahre und eine gescheiterte Ehe später kehrt er dahin zurück, wo nicht nur sein Leben begann, sondern auch die Geschichte der modernen Erdölindustrie: nach Baku.

"Der Geruch von Erdöl ist das Aroma meiner Kindheit. Mein Vater gehörte zu denen, die es aus der Erde holten. Der Schulweg führte vorbei an einem Wald aus Bohrtürmen, Tiefpumpen, Rohrleitungen und schwarzen Tankzylindern inmitten einer wüsten Insel, und dahinter lag das Meer."

Geografie der Kindheit. Verlorene Stadt, isoliert durch die Schutzscheibe Zeit und warm gehalten - auf einmal treibe ich wieder mittendrin, betrachte die in der Dämmerung des Vergessens abgesoffenen Gassen, die Brachen dazwischen, wo ist das alles hin? "Wo ist das alles hin?" - die Frage steckt mir in der ausgedörrten Kehle. Ich schaue nach links und nach rechts, so schaut die Seele auf Orte, die der Körper verlassen hat; ich staune über die Wärme, die die Finger spüren, und wie kalt sie mich lässt. Eine Seele kann ohne Körper gar nichts ausrichten.

Der heimkehrende russische Odysseus Ilja und sein persischer Freund Haşem sind beide auf unterschiedliche Weise Alter-Ego-Figuren ihres Erfinders Alexander Ilitschewski. Auch Ilitschewski verbrachte seine Kindheit in Baku. Später studierte er theoretische Physik am berühmten Physikalisch-Technischen Institut in Moskau, forschte in den USA und Israel und wurde doch Schriftsteller. 1998 kehrte er nach Moskau zurück, seit einigen Jahren lebt er nun wieder in Israel.

Erdöl als magische Materie

Schon in seinem Roman "Matisse", der vor wenigen Monaten auf Deutsch erschien, hatte Ilitschewski einen Naturwissenschaftler mit engen Parallelen zur eigenen Biografie und mit starkem Interesse an mystischen Erfahrungen zur Hauptfigur gemacht. Ilja Dubnow ist eine ähnliche Gestalt. Viele Jahre lang ist er kreuz und quer durch die Welt gereist, von Erdölfördergebiet zu Erdölfördergebiet. Er ist Geologe, aber auch manischer Fotograf und einer jener leidenschaftlichen, feinnervigen Hobbyphilosophen, wie sie die russische Literatur seit jeher liebt. Im Erdöl, dessen Duft seine kindliche Fantasie prägte, sieht er weder schwarzes Gold noch einen Energielieferanten. Das Erdöl ist eine magische Materie, in der Dubnow nach dem sogenannten LUCA sucht - dem gemeinsamen Vorfahren allen Lebens auf der Erde.

Doch hinter dieser Suche steckt genau wie hinter allem was Iljas Freund Haşem und das gemeinsame Vorbild Welimir Chlebnikow tun und taten kein nach westlichen Maßstäben reines Interesse, egal ob wissenschaftlicher, künstlerischer oder religiöser Art. Für sie alle sind die Übergänge zwischen Religion, Kunst, Wissenschaft und Mystik fließend. Chlebnikow hatte Mathematik studiert, beschäftigte sich mit Zahlentheorie und Ornithologie, war aber gleichzeitig ein knietief in Mystizismus und östlichen Philosophien versunkener futuristischer Dichter. Haşem ist Ökologe und züchtet Falken. Mit Hilfe von Chlebnikows Werken bringt er seinen Jüngern Russisch bei, lässt sie die Arche Noah nachbauen, ist Derwisch, Dichter und Heiler.

"Wie zu erfahren war hatte Haşem so ziemlich alle Weltreligionen an sich ausprobiert, viel über Gott nachgedacht all die Jahre. Inzwischen aber ging es nicht mehr darum, an welche metaphysische "Steckdose" sich anzuschließen am redlichsten, nützlichsten oder ungefährlichsten war - er kritisierte die Religion an sich, jedweder Art. Seine kritischen Einlassungen schienen beherrscht und ausgewogen, soweit ich das als Laie beurteilen kann. Einstein und Spinoza, diese Streiter wider den Obskurantismus, waren seine Gewährsleute. Haşem suchte Gott in den Menschen, in den Strukturen seines Denkens, das zu reflektieren uns zu einem höheren Wesen macht."

Parallelen zur eigenen Biografie

Die verlorene Kindheit, die dramatische südliche Peripherie des russischen Imperiums, die Heimkehr eines modernen Odysseus, die elektrischen Spannungen zwischen Osten und Westen, Islam und Christentum, Wissenschaft und Poesie, Religion und Rationalismus: All das sind Themen, die in Ilitschewskis Roman wichtig sind. Doch so konventionell oder zeitgemäß zumindest einige dieser Themen erscheinen mögen - Ilitschewskis Roman ist es in keiner Weise. Eine Verfilmung zum Beispiel dürfte unmöglich sein.

Die Handlung ist in ein paar Sätzen nacherzählt, weil sie Ilitschewski nur den Vorwand liefert für eine grandios mäandernde, prinzipiell herrlich ziel- und ergebnislose, je nach Toleranzschwelle des Lesers aber auch enervierend bildungshuberische und pedantische Reise durch die Geschichte seines Landes, der Religionen und von vielem mehr. Ob Falkenjagd, ob Ochsenschlachten, ob Ölförderung - der aufmerksame Leser weiß am Ende, wie es geht. Essayistische Abschweifungen und notdürftig in die Romanhandlung eingebaute philosophische Dialoge sind nicht Ausnahme, sondern Regel. Ilitschewskis Ambitionen - das zeigt "Der Perser" eindrucksvoll - sind so uferlos wie seine Interessen.

Andreas Tretner hat diese fremden Welten samt ihrem zuweilen hochesoterischem Vokabular fabelhaft ins Deutsche übertragen und einen Anmerkungsapparat erstellt, der wohl selten in einem Roman nötiger war als hier. Doch kann das nicht verhindern, dass man sich als Leser von "Der Perser" zuweilen fühlt wie jemand, der gezwungen wird, einem Besessenen mit abseitigen Interessen bei einer endlosen Reise durch die Wikipedia zu folgen.

Für Leser, die Ilitschewskis Obsessionen nicht teilen, dürfte das schnell zu weit führen. Wer sich Ilitschewski aber hingibt, wer ein waches Interesse an seinen Themen, wer genug Geduld und Neugier mitbringt, für den oder die dürfte "Der Perser" schlicht ein Paradies sein.

Ganz nebenbei beweist Ilitschewski, der für seinen Roman in Russland diverse Preise einheimste, dass das Genre des philosophischen Roman-Essays in der Nachfolge von Tolstoi oder Dostojewski offenbar gesund und munter ist. Ob "Der Perser" nach 25 Jahren postmoderner Zauberkunst von Autoren wie Wiktor Jerofejew, Wiktor Pelewin und Wladimir Sorokin ein neues Kapitel in der russischen Literatur aufschlägt, wird sich zeigen. In jedem Fall markiert die Übersetzung von gleich zwei Ilitschewski-Romanen in den letzten Monaten die Ankunft eines großen russischen Schriftstellers in Deutschland.

Alexander Ilitschewski: Der Perser, aus dem Russischen von Andreas Tretner
Suhrkamp Verlag, 752 Seiten, 36 Euro.

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