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StartseiteForschung aktuellNützliche Lebewesen an der Fassade18.07.2016

AlgenNützliche Lebewesen an der Fassade

Seit Jahrzehnten wird an Algen-Bioreaktoren geforscht, bislang fehlte der große Durchbruch. In Berlin unternehmen Forscher seit heute einen neuen Versuch. Sie erhitzen Algen in den Rohren von Außenfassaden. So gewinnen sie Algenpaste und -pulver, die als gesundheitsförderlich gelten. Man kann mit ihnen zum Beispiel Fruchtshakes zubereiten.

Von Volkart Wildermuth

Eine Hausfassade mit Rohren, in denen die Chlorella Algen leben (Wolfram Kastl / dpa)
In Berlin erwärmen Forscher Chlorella-Algen an einer Außenfassade des EUREF-Campus. (Wolfram Kastl / dpa)

Das Gebäude 4 auf dem EUREF-Campus ist ein Zweckbau. Sechs Stockwerke, glatte Fassade, weiß gestrichen. Aus der architektonischen Langeweile sticht ein farbiger Akzent hervor. Im zweiten Stock hängen links und rechts Rohre an der Wand, durch die sich etwas Grünes schiebt. Von der Terrasse aus kann man genauer hinsehen. Die durchsichtigen Kunststoffrohre sind gut sechs Zentimeter dick und schlängeln sich dicht gepackt als breite Spirale die Wand hoch.

"Hier sehen wir jetzt unseren Fassadenreaktor, und hier sieht man auch ganz deutlich das Funktionsprinzip. Hier wird das Luft-CO2-Gemisch eingepumpt in das System. Und durch den Reaktor bewegt sich die Gasblase langsam vorwärts und treibt dieses Medium quasi vor sich her."

Chlorella-Algen in 700 Meter langen Fassaden-Rohren

Das Medium besteht aus Wasser, in dem Chlorella-Algen leben. Für sie geht es den ganzen Tag lang im Kreis durch die 700 Meter lange Rohrschlange immer schön von den Gasblasen umhergewirbelt, so dass jede Zelle die Chance hat, Sonnenlicht zu tanken. Anfangs ist die Mischung fast klar, heute wirkt sie grasgrün und am Ende des zweiwöchigen Zyklus' wird sie ein dunkles Tannengrün angenommen haben und reif für die Ernte sein. Gunnar Mühlstädt Geschäftsführer von "MINT": "Da können wir uns mal einen Eimer füllen am System, quasi live die Biomasse mal entlassen aus dem Produktivsystem."

Mit dem Eimer geht Gunnar Mühlstädt ins Gebäude. Die Abkürzung "MINT" steht hier für "Mikroalgen Integration". Der Ingenieur nutzt seine technische Expertise erst einmal, um eine alte Milchzentrifuge zusammenzubauen. Die soll die dünnflüssige grüne Brühe in eine feste Paste verwandeln:

"Jetzt kommt der Topf drauf und dann können wir die Ernte auch schon einschütten. So, jetzt würde ich die Zentrifuge einschalten, jetzt wird es gleich laut."

Das wird einen Moment dauern, Zeit sich ein wenig über die Algen zu unterhalten. Dafür ist bei "MINT" die Biologin Dr. Marcella Langer zuständig:

"In dem Fall ist das Chlorella vulgaris, eine kleine, runde Alge, die sieht schön aus, auch unter dem Mikroskop."

Als Pulver auch im Bioladen zu haben

Chlorella Algen sind als Pulver oder Paste auch in vielen Bioläden zu erhalten, sie gelten als Powerpaket für die Gesundheit.

"Da steckt einiges Gutes drin, da sind Proteine drin, viele Proteine, die in anderen Pflanzen nicht vorhanden sind, es sind hochwertige Fette drin und auch Kohlehydrate. Also es macht satt, Ballaststoffe und auch gesunde sekundäre Pflanzenstoffe."

Das ist bekannt und wird geschätzt, es gibt in Deutschland mehrere Firmen, die Algen mit Sonnenlicht produzieren, in langen Glasröhren oder in Kunststoffsäcken. Der neue Ansatz von "MINT": die Algenzucht direkt auf bislang ungenutzte Flächen in der Stadt zu bringen. Die Anlage draußen an der Wand ist quasi das Vorführmodell, mit dem Gunnar Mühlstädt Investoren überzeugen will. Sie enthält etwa 1.000 Liter Algenlösung. Heute ist es bedeckt, da wachsen die Mikroorganismen nicht so schnell, aber wenn die Sonne scheint, entsteht jeden Tag ungefähr ein Kilo Algentrockenmasse. Wert: um die 100 Euro.

Blick durch ein Mikroskop zeigt Algen der Art "Chlorella Vulgaris" am EUREF-Campus in Berlin (Wolfram Kastl / dpa)Algen der Art "Clorella Vulgaris" am EUREF-Campus in Berlin gesehen durch ein Mikroskop (Wolfram Kastl / dpa)

"Also jetzt mit dieser nachträglichen Installation wird eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung etwas grenzwertig sein, integriert man das in Neubau Konzepte, wo man dann bestimmte Fassadenelemente, die ohnehin notwendig sind, ersetzen kann durch so eine Rektor. Dann glaube ich kommt man auch in wirtschaftlich sinnvolle Bereiche für eine Fassadeninstallation."

Verwendung als Gebäudeheizung

Besonders wenn es gelingt, die Algenflüssigkeit parallel als Wärmekollektor zu verwenden und damit das Gebäude zu heizen. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Es gibt schon mehrere Interessenten, endgültig verkauft hat Gunnar Mühlstädt den Fassadenschmuck mit grünem Mehrwert allerdings noch nicht. Die Produktion aus dem Bioreaktor an Haus 4 des EUREF-Campus wandert ein Haus weiter, zu Sternekoch Thomas Kammeier. Im Restaurant "Werkstatt" kreiert er neue Gerichte und verwendet dabei auch die Algen von nebenan, sagt er:

"Einmal haben wir schon einen Garnelen-Burger gemacht, wo wir quasi eine Majonäse mit den Algen gemacht haben, und der lief eigentlich ganz gut."

Die Aromen der Algen hat er auch in einem grünen Cocktail und in Suppen eingesetzt:

"Vordergründig ist sicherlich Jod im Spiel, ich sage mal ein grüner Geschmack, Salz spielt eine Rolle mit, ich sage mal, es erinnert ein klein wenig an den Nordseespaziergang bei rauer See."

Inzwischen ist die Zentrifuge bei "MINT" mit der Arbeit fertig und Gunnar Mühlstädt schraubt sie auseinander:

"Das ist die eigentliche Zentrifugalkammer, wenn ich die öffne, dann sehen wir hier innen ganz wunderbar diese Paste, und das ist quasi das Ernteergebnis, was wir heute erzielt haben aus diesem Zentrifugalprozess."

Im Mixer mit Äpfeln, Kiwi, Bananen, Ingwer

Leuchtend grün ist sie. Normalerweise würde sie getrocknet und so zu handelsüblichem Chlorella-Pulver. Heute kommen die Algen aber zusammen mit Äpfeln, Kiwi, Bananen und Ingwer in den Mixer. 

"Und jetzt dürfen Sie gerne mal probieren." - "Schmeckt jedenfalls grün." - "Grün und ist gesund, und ich bin mir eigentlich sicher, dass es Ihnen morgen nicht schlechter geht als heute." 

Wahrscheinlich sogar ein kleines bisschen besser.

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