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StartseiteBüchermarktAlle Familien sind verkorkst25.10.2002

Alle Familien sind verkorkst

Aus dem Amerikanischen von Tina Hohl

Familie: Dieser Mikrokosmos, diese Keimzelle der Gesellschaft ist oft genug als krankheitserregend beschrieben worden. Der viel beschworene Tod der Familie allerdings lässt auf sich warten, oder, anders gesagt, das Prinzip Familie ist ihre Unsterblichkeit. Der Kanadier Douglas Coupland, Jahrgang 1961, der seit dem Erscheinen seines Romans "Generation X" als Kulturreporter des Computerzeitalters gilt, hat sich jetzt der unsterblichen Familie zugewandt; sein soeben auch bei uns erschienenes Buch trägt im Original den Titel "All families are psychotic", in der deutschen Übersetzung heißt es abgeschwächt, "alle Familien sind verkorkst" - wobei diese Verharmlosung genau auf das Problem des Romans verweist.

Sabine Peters

Wer Couplands Roman Microsklaven von 1996 kennt, muß sich nicht unbedingt darüber wundern, dass dieser Autor, der ja auch als Sprecher der "Single-Generation" bezeichnet wurde, sich jetzt mit der Familie beschäftigt. Denn schon die jungen Computertüftler, die in "Microsklaven" zu Wort kamen, fanden in die Arme der Familie: Aus vereinzelten vereinsamten Workoholics wurde ein großer, intakter Zusammenhalt, in dem selbst einem arbeitslosen Dinosaurier wie Dad geholfen wurde. Coupland vermanschte in "Microsklaven" die Hippness der neuen Technologien, sprich, das Erfolgsmodell New Economy in bewährter Manier mit guten, alten Werten: Vergiß Mom und Dad nicht, bete und arbeite, be a brave boy.

Und so geht es weiter, auch, wenn im Jahr 2001, dh in der Zeit, in der Couplands neuer Roman spielt, zunächst scheinbar alles anders ist. Das Modell New Economy befindet sich in der Krise, und auch die hier dargestellte Familie ist durch und durch krisengeschüttelt. Janet und ihr Ex-Ehemann Ted haben drei erwachsene Kinder: Wade, der gelegentlich im Knast landet und sich mit dubiosen Jobs durchschlägt, Bryan, ein depressiver Selbstmordkandidat, und das Contergankind Sarah; sie ist der Stolz ihres Vaters, denn sie wird demnächst beim Start einer Space-Shuttle mit an Bord sein.

Ein Familientreffen steht bevor, und alles, was an Schwierigkeiten ohnehin schon da war, kommt jetzt so richtig ins Rollen. "Vorher", das wird in Rückblenden erzählt, hat Ted seine damalige Frau Janet betrogen und ihr Geld durchgebracht, vorher hat er seine Söhne zu den Versagern gemacht, die sie sind; vorher ist bei mehreren Familienmitgliedern Aids ausgebrochen, und so weiter. "Jetzt" geraten sie allesamt in einen Strudel von Ereignissen, der das Bisherige übertreffen will. Bryans Freundin ist schwanger und will das Kind verkaufen, leider stellt sich heraus, dass die zukünftigen Eltern Sado-Freaks sind.

Als Wade seine Geldnöte durch Weitergabe eines mysteriösen Briefs endlich beheben will, gerät er ins kriminelle Milieu; sämtliche Familienmitglieder kommen knapp an ihrer Ermordung vorbei, ob es nun die Sado-Freaks oder ein Amokläufer in einem Schnellimbiß ist oder der Sohn, der mit dem Vater abrechnen und ihn mit Aids anstecken will. Aber wo Gefahr besteht, wächst Rettendes. Auf dem Horrortrip kommt man sich näher, spricht sich aus, und es ergibt sich ein glückliches Ende: Die aidskranke Mom wird von einer Prostituierten wundersam geheilt und heilt ihrerseits ihren Sohn Wade, Mom und ihr Ex-Mann versöhnen sich, und Sarah wird mit ihrem Geliebten ein Kind am Himmel zwischen den Sternen zeugen, ein Weltraum- Kind, das, so heißt es, ein Gott wäre.

Wer gern beim Zappen durch die diversen Fernsehkanäle zwischendurch einen Blick in ein Buch wirft, ist mit Couplands Roman gut bedient, geht es hier doch um die Fortsetzung des Zappens mit anderen Mitteln. Alles, alles, was Realität und Phantasmen des weißen Mittelstands ausmacht, wird im neuen Roman verwurstet. Hier ein Blick in den Kerker, da rasende Autojagden, dort die feuchtfröhliche Party, die in einer Schlägerei gipfelt. Damit sich schließlich alles glücklich fügt, ist der Roman derartig konstruiert, dass sich die Balken biegen - aber vielleicht sollen wir das als postmodernes ironisches Spiel verstehen.

Zur Schreibweise schweigt man besser; markige Sprüche, Dialoge zum Mitlachen - um einen Eindruck zu gewinnen, reicht es, einen der laufenden Actionfilme lauter zu stellen, dann hat man den Tonfall; die Kursivschreibung im Text zeigt zusätzlich an, wo eine Stimme sich erhebt oder wo eine Wahrheit errungen wird. Die Lebensweisheiten, die Coupland seinen Lesern verkauft, sind seichte Plattitüden; die message des Buchs ist ein Weichspüler, wie schon gehabt: Familien sind liebenswert "verkorkst", das "Außerhalb von ihr", das "Draußen" verbreitet immer noch mehr Schrecken als sie selbst, und wenn die Familie schließlich den Anschluss ans Höhere, an eine hingetuschte Spiritualität aus Stern und Himmel und göttlichem Kind findet, wird sie gerettet. Das durch und durch konservative Leitbild von der Familie als dem Ort, der alle Wunden heilt, wird hier einmal mehr etabliert; die neue Moral ist uralt. Kurz, Douglas Coupland, dessen minutiöse Beschreibungen des amerikanischen Mittelstand-Alltags sicherlich immer noch einen gewissen Erkenntniswert haben, belästigt die Leser, wenn er sich, wie hier, als sinnstiftender Guru aufführt, der seine abgestandene Heilsbotschaft mit ebenso abgestandenen action-Elementen verrührt.

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