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StartseiteDLF-Magazin Alle gegen eine03.06.2010

Alle gegen eine

Angela Merkel und der Andenpakt

Lange Zeit wusste fast niemand, dass er existiert: der "Andenpakt" zwischen Mitgliedern der Jungen Union. Dessen Mitglieder trafen sich regelmäßig und versuchten, die Politik der CDU zu bestimmen. Mit einigem Erfolg. Aber welchen Einfluss hat der Andenpakt heute?

Von André Bochow

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU)  (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) (AP)

Es sollte nur ein Jux sein – der Andina Segundo. Ein Spaß junger, ein wenig frustrierter Nachwuchspolitiker . Die Gründer Volker Bouffier, genannt "Buffi", Franz Josef Jung und Matthias Wissmann und später auch Günther Oettinger, Friedrich Merz, Peter Müller und nicht zuletzt Roland Koch und Christian Wulff.

"Den Andenpakt gibt`s noch. Der hat sich sogar gerade getroffen. Über Pfingsten. Das ist auch der Kreis, in dem Roland Koch zuerst verkündet hat, dass er zurücktreten wird von seinem Amt."

So erzählt es Ralf Neukirch, gewissermaßen der Andenpaktexperte beim Spiegel. Das muss man sich einmal vorstellen! Nicht seiner Parteivorsitzenden, nicht der Kanzlerin Angela Merkel gibt Roland Koch den Vorzug, als er sich für den Tag seines Rücktritts entschied, sondern einem Männerbündnis, das ausdrücklich zum gegenseitigen Vorteil seiner Mitglieder geschaffen wurde.
Man wollte sich bei den Karrieren helfen und Grundzüge der Politik mitbestimmen. Wichtig dabei: Man steht sich auf keinem Fall im Weg und man tritt nicht gegeneinander an.
Und wenn gar die Presse auf die Idee kommt, die Alphatiere aufeinander zu hetzen, dann sagte eben Roland Koch, über die angebliche Konkurrenz zum Paktbruder Wulff:

"Kann ich überhaupt nicht erkennen. Es gibt keine Rivalität zwischen Koch und Wulff."

Und getreu dem Schwur ließ wiederum der niedersächsische Landesvater wissen.

"Wir konkurrieren um nichts. Roland Koch möchte Hessen weiter regieren, ich möchte Niedersachsen weiter regieren."

So war das – vor nicht so langer Zeit - und so hätte es weiter gehen können. Und eigentlich wäre man gern auch noch ein bisschen weiter gekommen. Lange sah es auch so aus, als ob das möglich sei.
Im Jahr 2002 wähnte sich der Andenpakt auf dem Weg nach ganz oben. Heute wissen wir: Er hat damals den Gipfel erreicht.
Angela Merkel hatte als CDU-Vorsitzende eigentlich das natürliche Recht auf die Kanzlerkandidatur. Aber die Vorstellung, diese evangelische Ostdeutsche sollte an den CDU-Granden vorbeiziehen, erschütterte den Männerbund so sehr, dass er, wenn man schon nicht selbst ein Paktmitglied gegen Kohls Mädchen antreten lassen konnte, dann eben Edmund Stoiber unterstützte. Der hatte sich denn der männlichen Unterstützung auch versichert. In einem sehr lauten Telefongespräch machte Roland Koch Angela Merkel klar, dass sie nach Canossa, respektive nach Wolfratshausen zu gehen habe.
Und am Ende legte Merkel Stoiber tatsächlich die Kandidatur zu Füßen.
Welch ein Sieg für den Andenpakt! Und was für eine Niederlage wurde daraus!
Stoiber verlor gegen den begnadeten Wahlkämpfer Schröder.
Aber der eigentliche Schlag gegen den Pakt kam, als seine Existenz bekannt wurde. Das war im Jahr 2003 - die Veröffentlichung im Spiegel kam sicher nicht von ungefähr. Den Enthüllungsartikel hat seinerzeit Ralf Neukirch mitgeschrieben. Über den Anfang vom Ende des Andenpaktes meint er heute:

"Er hat sicher Wirkung dadurch verloren, dass er bekannt geworden ist als Organisation. Denn das Prinzip des Andenpaktes war ja immer strenge Geheimhaltung. Das war eine seiner Stärken. Nun muss man allerdings sagen, dass Angela Merkel von der Existenz des Andenpaktes schon vorher gewusst hat, weil Christian Wulff ihr das verraten hat. Und allein dadurch war der Andenpakt schon geschwächt. Denn wer Angela Merkel kennt, weiß, dass sie natürlich sofort versucht hat, in diesen Andenpakt den Spaltpilz zu treiben, was ihr am Ende auch gelungen ist."

Und wie es Angela Merkel gelungen ist! Man redete fortan vom Girlscamp – von Beraterinnen und Ministerinnen. Das Zentrum der Macht wurde zunehmend weiblich, modern, pragmatisch und unideologisch. Das schloss keineswegs aus, sondern vielmehr ein, dass politische Konkurrenten aus dem Weg geräumt wurden. Nun, da Angela Merkel wusste, mit wem sie es zu tun hatte, leistete sie ganze Arbeit:
Günther Oettinger ist in Brüssel, Roland Koch demnächst auf der Suche nach seinem Verhältnis zum realen Leben und nach einem Job in der Wirtschaft. Dort wiederum ist Friedrich Merz bereits angekommen. Friedbert Pflüger ist in Berlin untergegangen und in London wieder aufgetaucht - und Peter Müller steht nun mal einem sehr kleinen Land und außerdem einer Jamaika-Koalition vor. Nicht alle wurden übrigens von Merkel persönlich vertrieben. Manche räumten sich auch selbst ab, wie etwa der schon erwähnte Friedbert Pflüger oder der unglückliche Franz Josef Jung. Aber unter dem Strich bleibt:

"… dass der Andenpakt wieder genau da angenommen ist, wo er bei seiner Gründung war - nämlich bei einem Zusammenschluss von politisch interessierten Menschen, die nach wie vor in wichtigen Positionen sitzen. Aber ich glaube nicht, dass der Andenpakt als mächtiges Bündnis noch eine Zukunft hat und ich glaube, dass die wirklich wichtigen Tage des Andenpaktes gezählt sind."
Aber immerhin einen Mächtigen aus der alten JU-Seilschaft gibt es noch. Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen.

Nun also soll Wulff ins Berliner Schloss Bellevue ziehen. Der letzte ernst zu nehmende Konkurrent für Angela Merkel, der aus dem Andenpakt kommt, entschwindet im präsidialen Nebel.
Wie hatte doch Wulff anlässlich des Abgangs Roland Kochs von der politischen Bühne gesagt:

Christian Wulff scheint es zu schaffen, das Entweder und das Oder zu vereinen. Er macht weiter mit der Politik und macht gleichzeitig etwas anderes. Große Aufgaben sieht er sicher auch. Allerdings werden die nun ohne ihn gelöst.

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