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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAllein durch God's Own Country09.05.2011

Allein durch God's Own Country

Wolfgang Büscher: "Hartland - Zu Fuß durch Amerika", Rowohlt Verlag

Nach Russland und dem asiatischen Kontinent hat sich der wandernde Journalist und Autor Wolfgang Büscher nun die USA vorgenommen. Auch dort ließ er das Auto stehen und marschierte 3500 Kilometer vom winterlich-eisigen Norden der USA bis hinunter zum Rio Grande. Herausgekommen ist ein spannendes wie poetisches Buch.

Von Günter Kaindlstorfer

Zu Fuß durch die Weiten der USA. Ähnlich wie dieser Mann, hat auch Autor Wolfgang Büscher dieses Wagnis auf sich genommen.  (AP)
Zu Fuß durch die Weiten der USA. Ähnlich wie dieser Mann, hat auch Autor Wolfgang Büscher dieses Wagnis auf sich genommen. (AP)

An einem frostklaren Wintertag überschreitet Wolfgang Büscher, vom kanadischen Saskatchewan kommend, die Grenze zu den USA. Die Kontrolle durch die Zöllner ist brutal, die amerikanischen Grenzer unterziehen den abgerissenen Kerl aus Deutschland, der da von sich behauptet, zu Fuß durch die USA marschieren zu wollen, einer schikanösen Visitation. Nach mehreren Stunden scharfen Verhörs darf er endlich einreisen.

3500 Kilometer wandert und trampt Wolfgang Büscher dann durch die USA, von Norddakota durch die Great Plains bis hinunter an die mexikanische Grenze. Ein Hobo unserer Tage. Der Wandersmann aus dem fernen Deutschland passt sich dem amerikanischen Lebensstil so gut es geht an während seines mehrmonatigen Abenteuers. Er schlürft dünnen Kaffee und ernährt sich von Burgern und Truthahn-Sandwiches, er trotzt Blizzards und Tornados und dem beißenden Wind, der ihm das Wandern in Nebraska und Kansas zur Qual macht. In den menschenleeren Prärie-Staaten des Westens habe er das vielzitierte "Herz Amerikas" entdeckt, erklärt Wolfgang Büscher.

"Es ist eben nicht das Amerika der Wall Street oder "Hippietown San Francisco" oder solcher Ränder, die für uns Europäer vielleicht vertrauter sind, sondern es ist mitten drin. Es ist das Amerika der kleinen Leute, es ist das Amerika der Ur-Amerikaner, es ist das Amerika, aus dessen Substanz heraus all diese Filme, Lieder und Romane leben, die wir vielleicht kennen."

Nie in seinem Leben habe er eine Reise so wohl informiert und bildersatt angetreten wie die in die USA, schreibt Wolfgang Büscher. Er hatte – wie wir alle - Filme von John Ford und Wim Wenders im Kopf und unzählige Songs von Neil Young und Bob Dylan. Aber so viel er auch über Amerika zu wissen geglaubt hatte, notiert Büscher: Das Land habe ihn auf seiner Wanderung dennoch überrascht.

"Immerzu hielt ich Ausschau nach etwas, nach einer Farm, einem Haus, einer Rinderherde, einem Pferd, einem Auto, einem totgefahrenen Hirsch oder Kojoten. Das alles gab es alle paar Meilen, aber es diente nur dazu, die Leere um so vernichtender, umso grandioser zu empfinden, die endlose, baumlose, brettflache Prärie. Wie leer Amerika war! So leer war Amerika, so amerikanisch die Leere – so hatte ich das nicht gewusst."

"Auch die Orte und die Städte sind einfach sehr menschenleer. Die Leute sind in ihren Häusern oder in ihren Autos, aber sie sind nicht auf der Straße."

Auf bedächtige und poetische Art erzählt Wolfgang Büscher von seinen Abenteuern als Tramper. Der Route 77 von Missouri bis zum Rio Grande folgend, wird er immer wieder davor gewarnt, noch weiter in den Süden vorzudringen.

"Tja, das war ganz lustig, denn ich kannte das ja von meiner Wanderung von Berlin nach Moskau. Da gab's immer diese Vorwarnungen vor dem Osten. Der Osten war immer das Schlimme. Im Westen – und der verschob sich immer weiter – wurde ich immer vor dem nächstbesten Osten gewarnt. Und so war es in Amerika mit dem Norden und dem Süden. Ich wurde immer vor dem nächsten Süden gewarnt. In Nord-Dakota wurde ich vor den südlicher gelegenen Staaten gewarnt, in den südlicher gelegenen Staaten wurde ich dann vor Texas gewarnt, und in Texas wurde ich vor Mexiko gewarnt."

Wo's wirklich relativ rau zugeht, wegen des Drogenhandels und der dazugehörenden Bandenkriege. Wolfgang Büscher erzählt von trostlosen Motels und kitschigen "Guest Houses" im viktorianischen Stil, von quietschenden Windrädern und gandenloser Suburb-Tristesse, von Armut und Hilfsbereitschaft der Leute, denen er auf seiner Reise begegnet. Er erzählt von der Kraft und der Müdigkeit eines Landes, das ihm in seiner Kindheit als Inbegriff dynamischer Jugendlichkeit erschienen war. Natürlich erinnert auch Büscher sich an den Mythos John F. Kennedy, der nicht nur das boomende Amerika, sondern auch die piefige deutsche Nachkriegswirklichkeit seiner Kindheit glamourös erhellt hatte.

"Amerika war bereit für einen Helden, der vor allem eines war: herrlich jung wie der Sieg. Und die Welt war ebenfalls bereit, sie wollte bezaubert werden. Und er bezauberte sie. Stupor mundi. Himmelhoch zielende Präsidentenreden und Mondmissionen, Saturnraketen, Straßenkreuzer, Flugzeugträger, Konfettigewitter – unnachahmlicher Blend von Erwähltheit und Jugend, von hohem Ton und Kaugummi. Amerika rief, wir können alles, und die Welt glaubte es. Sie wollte es glauben."

"Wenn ich an meinen Vater denke, der bei Kriegsende 17 war, auf diese Generation hat das natürlich faszinierend gewirkt. Hier war alles kaputt nach dem Krieg, hier war alles zerstört, hier war alles arm, Niederlage, Verluste, Verluste, noch und noch. Und dann kommen diese Amerikaner daher, lässig, Kaugummi kauend, selbstbewusst, wir können alles, und das alles noch mit dieser Leichtigkeit. Das ist, glaube ich, weg. Diese Leichtigkeit ist weg, diese Jugendlichkeit ist weg. Das amerikanische Feuer lodert noch, aber es lodert nicht mehr zum Himmel, und es leuchtet nicht mehr so in die ganze Welt."

Wohin immer er kam auf seiner Reise: Wolfgang Büscher hat ein durch und durch konservatives Land betreten. Die Traditionen der Frontier-Ära sind immer noch höchst lebendig: der religiöse Fundamentalismus, der Geist gegenseitiger Nachbarschaftshilfe – und der Hass auf die kosmopolitischen Kompromissler in Washington.

"Die Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit, die pragmatische Freundlichkeit der Amerikaner ist da. Dieses Sekten-Element ist zum Beispiel da. Es ist auch da der Zorn, die Aversion gegen Washington und gegen Obama im Westen. Der Gedanke, dass Amerika dadurch groß geworden ist, jeder für sich selbst, jeder einfach anpackt und arbeitet. Und ich habe niemanden getroffen, der gesagt hat, die Gesundheitsreform ist schön, und Obama macht das alles richtig."

Wolfgang Büscher hat ein langsames und reflexives Buch über seine Reise durch die USA geschrieben. Gut wandert, wer mit Büscher wandert. Und das Beste dabei ist: Man muss nicht einmal das heimatliche Wohnzimmer verlassen, um dem Autor auf seinem Abenteuertrip durch God's Own Country zu folgen.

Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika
Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-87134-685-9

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