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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteMarkt und MedienAllein gegen die Drogenmafia08.06.2013

Allein gegen die Drogenmafia

Mexiko bleibt für Journalisten eines der gefährlichsten Länder der Welt

In den letzten zehn Jahren wurden über 80 mexikanische Journalisten wegen ihrer Berichterstattung über Korruption und Drogenhandel ermordet. Offenbar hat das organisierte Verbrechen den Kampf für sich entschieden: Viele Medien des Landes trauen sich nicht mehr, offen zu berichten.

Von Shikiba Babori

Die mexikanischen Bundespolizei mit beschlagnahmten Waffen der Drogenkartelle. (AP)
Die mexikanischen Bundespolizei mit beschlagnahmten Waffen der Drogenkartelle. (AP)

Es ist sicherlich ein herber Rückschlag gegen die Pressefreiheit und ein Sieg der organisierten Kriminalität, wenn mexikanische Drogenkartelle so mächtig und bedrohlich sind, dass die Medien sich nicht mehr trauen, offen über die Lage zu berichten.

"Das ist das Auto von Armando Rodriguez. Armando war ein sehr guter Journalist. Er hatte eine Familie, eine Frau und eine Tochter."

Gerardo Rodrigues Jimenz wirkt nachdenklich und traurig, während er das Foto betrachtet, auf dem das Haus und das Auto seines Kollegen abgebildet sind. Sein Kollege wurde vor fünf Jahren genau dort erschossen. Direkt vor seinem Haus. Jimenz ist Redakteur der größten Tageszeitung 'El Diario de Juárez’. Nach einer kurzen Pause erzählt er weiter:

"An dem Morgen seiner Hinrichtung wollte er noch seine Tochter zu Schule bringen, bevor er zur Arbeit ging. Da wurde er erschossen, vor den Augen seiner Tochter hat man ihm in den Kopf geschossen."

Dieser Art von brutalen Angriffen sind Journalisten in Mexiko täglich ausgesetzt. Ana Lilia Pérez ist auch davon betroffen. Denn die 36 jährige deckt kompromisslos Machenschaften der mexikanischen Regierung auf:

"In meinem Buch 'El Cartel Negro' habe ich zum Beispiel enthüllt, wie hohe Beamte, Politiker und Unternehmer mit den Drogenkartellen verstrickt sind. Ich konnte anhand von Dokumenten die vorhandenen Verflechtungen mit der mexikanischen Gas- und Erdölindustrie aufdecken. Also dass die Drogenkartelle mit dieser Industrie Geschäfte machen. Und dass das organisierte Verbrechen, die Mafia, als Teil dieser Industrie arbeitet und das auf internationaler Ebene. Zum Beispiel habe ich Unternehmen aufgespürt, die für die Mafia innerhalb der Erdölindustrie das Geld waschen. Ich habe die Namen der Drogenhändler und die ihrer Familien, die als Auftragnehmer oder als Unternehmen in der Erdölindustrie beteiligt sind, veröffentlicht. Aber vor allem habe ich herausgefunden, welche Geschäftsleute und Beamte der Regierung die Geschäfte der Mafia unterstützen."

Dass die auf diese Weise Bloßgestellten eine solche Öffentlichkeit stört, liegt auf der Hand. Pérez war deshalb massiven Drohungen ausgesetzt, und bekam von der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte die Möglichkeit, in Deutschland Zuflucht zu suchen.

"Erst als ich Mexiko verlassen habe und in Deutschland mal durchatmen konnte, hatte ich die Gelegenheit darüber nachzudenken, welchen Gefahren wir in Mexiko ausgesetzt sind. Mein größter Wunsch ist es deshalb heute, ein normales Leben führen, zu können in dem ich keine Bodyguards brauche, in dem ich nicht jeden Tag gezwungen bin, mich beschützen zu lassen, damit ich arbeiten kann. Und in dem nicht ständig jemand versucht, mich zum Schweigen zu zwingen."

Ob die Journalisten tatsächlich von den Drogenkartellen bedroht und ermordet werden, ist bis heute ungeklärt. Denn auch die mexikanische Regierung hat kein Interesse daran, dass die wahren Sachverhalte ans Licht kommen. Ana Lilia Pérez erklärt das so:


"95 Prozent der Verbrechen gegen Journalisten werden juristisch nicht verfolgt. Ich konnte Schutzmaßnahmen in Anspruch nehmen, weil sie von den internationalen Menschenrechtsorganisationen angeboten werden, aber nicht von der mexikanischen Regierung. Ein Großteil meiner Enthüllungen richtet sich gegen die mexikanische Regierung selbst. Natürlich hat sie deshalb wenig Interesse daran, mich zu schützen. Offiziell ist Mexiko zwar demokratisch, aber wir haben in der Realität keine Pressefreiheit. Die kritischen Journalisten werden mit Waffen bedroht."

Aus Angst vor Angriffen berichten immer weniger Journalisten in Mexiko über brisante Themen. Ana Lilia Pérez erklärt, warum es für sie aber keine Alternative gibt:

"Ich glaube, dass es die Pflicht eines Journalisten ist, diese Art von Informationen zu veröffentlichen. Weil es Informationen sind, die den Bürgern eines Staates nicht vorenthalten bleiben dürfen."


Dieser Anspruch bringt sie jedoch zwangsläufig immer wieder in Gefahr. Und die großen Verlage oder Medienunternehmen können ihre Mitarbeiter nicht ausreichend schützen. Der Journalist Rodrigues Jimenz:

"Wir sind verzweifelt. Wir können niemandem vertrauen, es gibt niemanden, an den wir uns wenden können, um um Gerechtigkeit zu bitten. Die gibt es einfach nicht mehr, diese Gerechtigkeit."

Trotz der fehlenden Gerechtigkeit und der Sehnsucht nach einem normalen Leben, ist Ana Lilia Pérez heute entschlossen, die Gefahr wieder auf sich zu nehmen und ihre Arbeit in Mexiko fortzusetzen:

"Ich habe trotz dieser Risiken nie daran gedacht, meinen Beruf aufzugeben. Ich liebe meinen Beruf, und was ich gemacht habe ist, für mein Recht zu kämpfen, eine Journalistin zu sein. Darüber hinaus, hat auch die mexikanische Gesellschaft das Recht, durch uns Journalisten informiert zu werden."

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