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StartseiteBüchermarktAlles an seinem Platz10.02.2009

Alles an seinem Platz

Gila Lustiger: "Herr Grinberg & Co. Eine Geschichte vom Glück", Bloomsbury-Verlag, 180 Seiten

Zugegeben: Wenn ein Buch angepriesen wird als "geeignet für größere und kleinere Leser" und wenn der Untertitel auch noch eine "Geschichte vom Glück" verheißt, kann man misstrauisch werden. Gila Lustiger, die 1973 in Frankfurt geboren wurde, in Israel studierte und heute in Paris lebt, gelingt es aber durch den Charme ihres Erzählens, Sinnfindung und Bedeutung von Glück luftig zu umkreisen.

Von Sabine Peters

Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Vor dem inneren Auge tauchen Slogans wie "Haribo macht Kinder froh" auf, und wer damit also gut gepanzert und gewappnet ist, kann getrost zu lesen anfangen. Er wird bereits durch das Vorwort, das kein Werbestratege, sondern die Autorin selbst verfasst hat, unter der Hand entwaffnet. Gila Lustiger spöttelt über Vorworte; sie erzählt, in welcher Zeit ihr Buch "Herr Grinberg & Co" entstand; - dazu später - und sie versichert, keine Glücksbotschaft, keine Lehre, keine Tipps verkaufen zu wollen.

Also los: Herr Grinberg ist ein in die Jahre gekommener, etwas verschrobener Gelehrter, der seine Mitmenschen gern mit unsinnig-komplizierten Knobelfragen zur Verzweiflung treibt. Seine Haushälterin Mathilda, vertraut wie ein Möbelstück, ist gerade verreist. Ein paar Nachbarskinder wollen ihn bekochen, aber vor allem konfrontieren sie Grinberg mit Rätseln, die sich nicht unbedingt mit logischem Tüfteln lösen lassen. Warum führt der kleine Lucca immer einige, jeweils wechselnde Steine mit sich? Damit die Steine auch einmal vom Fleck kommen und etwas von der Welt sehen. Das leuchtet ein. Und warum kriecht die höchst selbstbewusste kleine Mathilda manchmal auf der Erde herum? Sie möchte wissen, wie die Welt eines Zweijährigen aussieht. Sonnenklar.

Gila Lustiger, die 1973 in Frankfurt geboren wurde, in Israel studierte und heute in Paris lebt, ist bekannt für den Charme ihres Erzählens. Der autobiografisch gefärbte Familienroman "So sind wir", in dem es um die komplizierten Lebenswege einer Familie mitteleuropäischer Juden geht, war bei allem Ernst der Thematik ein fabulierfreudiges, springlebendiges Buch: Selbst das Schweigen vieler Familienmitglieder, und verschiedene drückende Fragen ließen trotzdem immer wieder Momente großer Komik zu.

Auch für die Figuren im Buch von Herrn Grinberg und Co stellen sich Fragen, auf die es keine Antworten gibt: Kann man den Jungen Paul, dessen Großmutter verstorben ist, trösten? Ein "Buch der Fragen" taucht auf, in dem schon der alte Grinberg als Kind Erfahrungen aufschrieb, die alles andere als vergnüglich oder klar waren. Dieses geheimnisvolle Buch, in dem immer neue Seiten frei sind, wandert auch zu Paul, der stockend anfängt, von seiner weinenden Mutter zu schreiben – hier wandert also nicht nur ein Buch, hier wandern auch Gefühle – es ist ja nicht nur Paul, der einen nächsten Menschen verloren hat. Gila Lustiger vermeidet nach Möglichkeit jede Sentenz, die das Leben bündig erklärt. Sie umkreist den klassischen Fliegenfänger "Glück", berührt ihn auch da und dort, geht ihm aber nicht ganz auf den Leim.

Ihr Text ist als ein Labyrinth angelegt, er besteht zu etwa einem Viertel aus Fußnoten. Da gibt es also jede Menge Raum für Anekdoten, Witze, Seitensprünge, schräge Assoziationen, Erinnerungsschnipsel – und das macht ihre Geschichte luftig, man wird nicht von Sinnfindung und Bedeutung erstickt.

Lustigers Figuren geben sich leidenschaftlich ihren augenblicklichen, positiven oder weniger positiven Gefühlen hin – und sei es, dass Mathilda wieder einmal über ihre Mutter stöhnt. Wann die Tochter das Zimmer aufräumen wolle? Ob sie Broccoli essen werde? Das, so Mathilda, sind keine Fragen, sondern Befehle im Schafspelz. Versöhnt von solchen Einsichten, erträgt man sogar, dass die Figuren, einschließlich Grinberg und seiner zurückgekehrten, geliebten Haushälterin, am Ende ihr Leben in vollen Zügen genießen. Ihnen allen ist nichts Großes passiert, alles ist eigentlich nur um ein Winziges verschoben; alles ist an seinem Platz.

Gila Lustiger hat ihr Buch in einer Zeit geschrieben, als für sie selbst, so heisst es im Vorwort, gar nichts an seinem Platz war: Israel und der Libanon lagen im Krieg, sie selbst hatte sich in Tel Aviv aufgehalten, ihre Freundin in Beirut. Die Geschichte von Herrn Grinberg und Co entstand bald danach in Paris.

Gila Lustiger ist nicht die Einzige, die eine Gegenwelt zu den je aktuellen Zeitläuften herstellt, man denke etwa an Gertrude Steins alphabetisches Spielbuch "Sachen machen", das in der Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs entstand. Hier wie dort der Versuch, dem "Großen", der Gewalt der politischen Verhältnisse das Kleine, Verspielte und Gelungene entgegenzusetzen. Gegen Krieg und Tod, gegen die Endlichkeit des Lebens nichts als das Sture, Unerhörte: Weiter erzählen.

Gila Lustiger: Herr Grinberg & Co. Eine Geschichte vom Glück.
Illustriert von Vitali Konstantinov.
In je einer Version für größere und für kleinere Leser.
Berlin- und Bloomsbury-Verlag, je 180 Seiten für je 14,90

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