• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteFirmenporträtAlles auf eine Karte02.10.2009

Alles auf eine Karte

Elektronische Gesundheitskarte beschert Mittelständler einen Großauftrag

Gestern wurde in Deutschland eines der weltweit größten IT-Projekte gestartet: In Nordrhein-Westfalen wurden die ersten elektronischen Gesundheitskarten verschickt. Bis Ende nächsten Jahres sollen alle 80 Millionen Krankenversicherten hierzulande mit der neuen Karte ausgestattet sein, ohne die dann beim Arzt oder im Krankenhaus nichts mehr läuft. Das Projekt ist umstritten. Auch wegen der Kosten, denn die Einführung der neuen Gesundheitskarte, die neuen Lesegeräte und die Umstellung auf dieses System kostet möglicherweise über fünf Milliarden Euro. Von diesem Kuchen hat sich ein Mittelständler aus Paderborn ein großes Stück gesichert: Der Chipkartenexperte Sagem Orga hat die neue Karte mit entwickelt und liefert sie nun an die größten deutschen Krankenkassen aus.

Von Mirko Smiljanic

Die neuen elektronischen Gesundheitskarten verschiedener Krankenversicherungen (AP)
Die neuen elektronischen Gesundheitskarten verschiedener Krankenversicherungen (AP)

"Schönen guten Tag, was führt Sie zu mir?"

"Ja, ich habe seit einiger Zeit Probleme mit dem Knie, ich bin vor ein paar Monaten gefallen auf beide Knie und das rechte tut immer noch weh und mein Hausarzt kriegt das einfach nicht in den Griff und hat mir jetzt eine Überweisung geschrieben."

"Sind denn schon Untersuchungen gelaufen? Sind Sie schon mal behandelt worden oder hat der Kollege einfach nur ..."


Ein typischer Besuch beim Arzt: Die Patientin hat zwar eine Überweisung, aber weder Röntgenbilder noch sonstige Untersuchungsergebnisse mitgebracht. Wie schön, wenn der Mediziner jetzt in einer zentral geführten digitalen Patientenakte blättern könnte.

"Selbstverständlich würde das helfen! Ich kann Vergleichsaufnahmen hervorziehen, ich kann Blutwerte mir anschauen, kann es vielleicht eine rheumatische Erkrankung sein, die in diesem Fall bei dieser Patientin die Probleme macht, das wäre sehr wohl hilfreich."


Diese digitale Patientenakte gibt es bisher nur in der Theorie. Den Schlüssel sie irgendwann zu öffnen, der wird allerdings heute schon produziert: die elektronische Gesundheitskarte.

"Die Karte ist erstmal so, was wir alle kennen, wie eine Bankkarte, es ist ne Plastikkarte mit verschiedenen Aufdrucken drauf, mit dem Logo des Herausgebers, also der Krankenkasse, mit einem Foto, zusätzlich, und das ist neu, mit einem Braillemerkmal für Blinde oder Sehbehinderte, damit sie gleich erkennen können, ach, das ist die Gesundheitskarte","

erklärt Heiko Sochart von Sagem Orga, einem Hersteller von Chipkarten aus Paderborn. Rund 30 Prozent aller bundesdeutschen Gesundheitskarten produziert der Mittelständler. Sagem Orga mischt ganz vorne mit! Dabei war lange unklar, auf welchen Geschäftsfeldern die Hightechfirma den Durchbruch schafft. Die Firmengeschichte - sagt Sonja Risse von Sagem Orga - verlief alles andere als geradlinig.

""Wir haben mal zu Preussag und zur Bundesdruckerei gehört, dann nur zur Bundesdruckerei, wurden dann an die deutsche Familie Günther verkauft und gehörten zur GHP-Gruppe und sind vor knapp vier Jahren von dem französischen Konzern Sagem übernommen worden."

In Deutschland beschäftigt Sagem Orga 550 Mitarbeiter, 180 in der Paderborner Zentrale und 380 am Produktionsstandort in Flintbek bei Kiel. Weitere 1.500 Mitarbeiter verteilen sich rund um den Globus auf 20 Länder. Umsatz- und Gewinnzahlen werden nicht bekannt gegeben. Sagem Orga ist ein internationales Unternehmen mit vier Geschäftsfeldern: Telekommunikation, EC- und Kreditkarten, Identifikationssysteme und der Bereich "Gesundheit" mit dem Megaprojekt "elektronische Gesundheitskarte". Das Wichtigste an der Karte ist der Chip, der in mehreren Schritten in den Kartenkörper aufgeklebt, verdrahtet und schließlich mit einem schützenden Vergussmaterial umhüllt wird.

"Es sind die Versichertenstammdaten drauf: Wer bin ich? Wo wohne ich? Wie alt bin ich? Bin ich männlich/weiblich? Es sind drauf meine Krankenversichertennummer, die Krankenkasse selber ist drauf, das sind so die Basisdaten. Und weiterhin gibt es dann die Möglichkeit, zusätzliche Dinge unterzubringen, wie zum Beispiel ein elektronisches Rezept zu speichern."

Der Chip kann 64 Kilobyte Daten speichern. Das ist vergleichsweise wenig, angesichts der Krankenversichertenkarte aber schon ein Fortschritt. Mit einem anderen Chip könnte die neue Gesundheitskarte noch viel mehr Daten speichern, doch Ideen wie die, dass Patienten gleich ihre ganze Krankenakte inklusive Röntgenbilder mit sich herumtragen, scheiterten nicht nur am Datenschutz.

"Man muss unterscheiden,zwischen dem, was Politiker sagen und was tatsächlich machbar ist und bezahlbar ist."

Knapp zwei Euro kostet heute eine Gesundheitskarte, verglichen mit den veranschlagten Milliarden für die noch fehlende Infrastruktur fällt das kaum ins Gewicht. Diese Infrastruktur entscheidet aber darüber, was Patienten und Ärzte mit dieser Karte machen können. Ihre Software schützt nicht nur die gespeicherten Daten, gemeinsam mit dem Heilberufeausweis der Ärzte ist die Gesundheitskarte ja der Schlüssel für das Megaprojekt "Digitale Krankenakte", die man theoretisch sogar europaweit einführen könnte. Doch das ist ebenfalls Zukunftsmusik. Auf der Rückseite einer jeden Gesundheitskarte befindet sich heute zwar schon die "Europäische Krankenversichertenkarte". Doch damit können Karteninhaber im Ausland nur nachweisen, dass sie in Deutschland versichert sind. Mehr ist heute noch nicht möglich.

"Es ist halt so, nicht jedes Datum darf ein Land verlassen, da gibt es die verschiedenen Gesetze, bei uns das Grundgesetz, Datenschutzgesetze, deswegen dürfen unsere Daten nicht unbedingt nach Frankreich und umgekehrt."

Bleibt zum Schluss die Frage, warum Sagem Orga ein solches Projekt aus der Provinz führt? Warum ist ihr Sitz nicht in Berlin, Düsseldorf oder München?

"Also, in Paderborn ist es ganz eindeutig die Hochschulnähe. Paderborn ist ein IT-Standort, hier ist wirklich viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit, und hier ist eine Super-Universität, und in Kiel, das war eher die Historie durch die Preussag, dass das dort entstanden ist."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk