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Nachwuchsmusiker setzen auf das Lizenzmodell "Creative Commons"

Von Michael Böddeker

Quasi Open Source für die Ohren: Musik unter Creative-Commons-Lizenz.
Quasi Open Source für die Ohren: Musik unter Creative-Commons-Lizenz. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

<strong>Musik wird heutzutage oft als mp3 über das Internet verbreitet. Das ist meist illegal, aber nicht immer. Denn Musik, die unter einer so genannten Creative Commons-Lizenz steht, darf man ganz legal auf den heimischen Rechner herunterladen. Veröffentlicht werden solche Musikstücke meist von so genannten Netlabels.</strong>

Im WG-Zimmer des Bielefelder Soziologiestudenten Christian Grasse steht ein kleines Netbook auf dem Boden. Auf der Rückseite des Bildschirms klebt ein Sticker. Darauf: die Buchstaben "cc" in einem Kreis - das Logo für "Creative Commons". Es ist eine Abwandlung des alten Copyright-Logos, das aus nur einem umkreisten "c" besteht. Christian Grasse hat Creative Commons vor ein paar Jahren für sich entdeckt – durch Zufall. Auf einigen Webseiten stieß er auf einen CC-Button.

"Und dann hab ich da halt draufgeklickt, bin weitergekommen und hab dann diese Lizenz gelesen: "Sie dürfen diese Inhalte für nichtkommerzielle Zwecke kopieren." Und da handelte es sich auch um ein Musikstück. Und da dachte ich‚ wie, ich kann jetzt die Musik hier einfach nehmen und kopieren?’ Und genau das tun, wo mir sonst immer erzählt wird das ist illegal? Das gibt’s ja nicht!"

Gibt’s aber doch, denn bei Creative Commons-Lizenzen sind nicht, wie sonst bei künstlerischen Werken üblich, "alle Rechte vorbehalten", sondern nur manche. Welche, das kann man schnell anhand von einfachen Symbolen auf der Webseite erkennen. Wenn etwa ein durchgestrichenes Dollarzeichen zu sehen ist, dann darf das Stück nicht kommerziell genutzt werden. Als Musik für einen Werbespot zum Beispiel kann man sie dann nicht einsetzen. Runterladen, anhören und weitergeben ist in der Regel erlaubt, solange immer der ursprüngliche Autor genannt wird. Ebenso das Bearbeiten des Songs als Remix. Der Urheber kann die einzelnen Rechte freigeben oder vorbehalten, ganz wie er will. Neben Musikstücken können auch Fotos, Texte oder Videos unter eine Creative Commons-Lizenz gestellt werden.

"Ich meine, es gibt mittlerweile weit über 140 Millionen Werke, die unter diesen Lizenzen veröffentlicht sind. Die Wachstumsraten zum Beispiel bei flickr – das ist das größte Fotoportal, wo auch CC-lizensierte Werke zu finden sind – da liegt die Zahl bei etwa 90 Millionen allein dort."

Christian Grasse ist von dem Konzept begeistert. Im Moment schreibt er an seiner Diplomarbeit, die einen Überblick über "Freie Lizenzen im Kultur- und Mediensektor" geben soll. Nebenher kümmert er sich um "ahh-records", ein Netlabel, das er zusammen mit einigen Gleichgesinnten ins Leben gerufen hat. Netlabels veröffentlichen Musik im Internet – meist unter den nichtkommerziellen Creative Commons-Lizenzen. Im Vordergrund steht bei den Labelmachern oft der Spaß an der Musik.

"Es geht nicht um Geld. Es geht darum, Kultur zu verbreiten. Viele machen das – wie auch wir – so als Hobby nebenbei, ohne kommerzielle Hintergründe."

Neben aaahhh-records gibt es auf der ganzen Welt immer mehr Netlabels.

"Insgesamt gibt es zurzeit etwa 600 Netlabels weltweit, die man kennt, sag ich mal, die man auf dem Schirm haben könnte."

Moritz Sauer. Er betreibt mit phlow.net ein Internetmagazin zum Thema. Netlabels können, wie er sagt, eine gewisse Orientierung über die Musik im Internet bieten.

"Ich möchte ja nicht auf eine Webseite gehen, wo ich alles bekomme, wenn ich nur Techno-Musik haben möchte. Da brauche ich ja irgendwo eine Orientierung. Und ein Label versammelt eben mehrere Künstler, um sozusagen den Leuten so einen Sound zu geben, der eben ‚Label-Sound‘ hat."

Viele Musiker und Netlabel-Betreiber arbeiten unentgeltlich. Ausgeschlossen ist das Geldverdienen mit Musik im Internet aber nicht. Die amerikanische Rockband "Nine Inch Nails" zum Beispiel hat ihr letztes Album unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlicht, und trotzdem Geld mit dem Verkauf von CDs verdient. Unbekanntere Bands haben es da schwieriger. Für sie zählt vor allem die Währung ‚Aufmerksamkeit‘. Sobald sie sich eine Fangemeinde erarbeitet haben, können sie Geld mit Tourneen oder dem Verkauf von Merchandise-Artikeln einnehmen.

"Ich kenne zum Beispiel einen Musiker, der Aufmerksamkeit erzeugt hat, indem er Musik verschenkt hat. Und produziert heute, als freier Musikproduzent für Mercedes, also für eine Corporate Identity. Der produziert Musik für Agenturen, und da verdient er dann Geld."

Moritz Sauer geht davon aus, dass sich die Netlabel-Szene in verschiedene Richtungen entwickeln wird. Eine Mehrzahl bleibt unprofessionell und wird nur als Hobby betrieben. Andere werden professioneller und kümmern sich intensiv um ihre Künstler, etwa indem sie Touren organisieren.

"Ich kann jedem Musiker eigentlich nur empfehlen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, vor allem mit Creative Commons. Weil zurzeit ist es einfach das, wo es im Musikvertrieb hingeht."

Thomas Hoeren im Gespräch mit Manfred Kloiber

Kloiber: Ähnlich wie im Bereich der freien Software hat sich auch rund um frei verfügbare Kunst ein System rechtlicher Regelungen gebildet. So wie es bei der Open Source Software die General Public Licences gibt, sollen die Creative Commons den rechtlichen Rahmen für Musik, Bilder, Literatur oder wissenschaftliche Publikationen abstecken. Prof. Dr. Thomas Hoeren ist Medienrechtsexperte an der Universität Münster. Herr Hoeren, was zeichnet denn diese Creative Commons aus?

Thomas Hoeren: Das Lizenzmodell, das sich amerikanische Wissenschaftler ausgedacht haben und das die Eigenschaft hat, dass man seine Inhalte frei zur Verfügung stellt, aber wiederum nicht so frei, dass sie unreglementiert sind - also man ist geschützt, zum Beispiel was die Namensnennung angeht, man behält sein Recht, nachher mit Namen genannt zu werden, man kann vorgehen zum Beispiel gegen kommerzielle Nutzung der entsprechenden Inhalte. Aber im Grundprinzip geht es darum, Inhalte einer breiten Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

Kloiber: Was sind denn die Vorteile, wenn ein Künstler dieses Lizenzmodell nimmt? Vor welchen Risiken kann er sich denn damit schützen?

Hoeren: Also er schützt sich vor dem Risiko, dass jemand Inhalte im Internet findet und damit macht, was er möchte, das ist ja eine Gefährdung. Und auf der anderen Seite liegt der Vorteil darin, dass man deutlich macht, dass diese Inhalte aber auch genutzt werden können. Also man stellt etwas frei ins Netz, hat aber den Schutz, dass gegen Entstellung, gegen Leute vorgehen kann, die zum Beispiel den Namen nicht benennen.

Kloiber: Wesentlich, aber eigentlich im Urheberrecht, und deswegen gibt es das ja auch, ist, dass ein Künstler sicherstellen kann über diese rechtlichen Konstruktionen, dass er mit dem, was er da tut, eigentlich seinen Unterhalt bestreiten kann. Jetzt sagen Sie, dass basiert im Wesentlichen alles darauf, das das kostenlos ist. Welchen Sinn machen dann diese Regelungen?

Hoeren: Hinter dieser Creative Commons-Diskussion steckt ja eine größere Diskussion, nämlich die Unzufriedenheit vieler Kreativer mit dem Urheberrecht und vor allem auch mit dem Urheberrecht aus der Sicht der Verwerter. Viele Musiker erleben zum Beispiel, dass ihnen mit einem Vertrag alle Rechte weggenommen werden zu Gunsten der Verwerter, dass bestimmte Inhalte gar nicht mehr zur Verfügung gestellt werden, die lagern dann in Archiven von Sony und EMI und wie die Großen alle heißen. Wer Creative Commons wählt, möchte eben die Öffentlichkeit, er möchte gesehen werden, er möchte eine möglichst breite Streuung seiner Inhalte, allerdings auch unter einem Emblem, das sagt, ich behalte immer noch den Daumen so ein bisschen auf dem, was die Streuung angeht.

Kloiber: Aber er selbst entzieht sich doch selbst der Grundlage, mit seinen Inhalten auch Geld zu verdienen. Ist das nicht so etwas wie Selbstausbeutung, die eigentlich verhindert werden sollte?

Hoeren: Das ist so eine ökonomische Abwägung, die solche Musiker zum Beispiel machen müssen. Auf der einen Seite, sie verlieren die Möglichkeit, kommerziell mit Sony oder EMI in Kontakt zu treten, auf der anderen Seite erreichen sie über das Internet eine riesige Öffentlichkeit. Und es sind Fälle bekannt, wo Leute über das Internet bekannt geworden sind und wirklich danach in eine kommerzielle Phase der Auswertung treten konnten.

Kloiber: Das heißt also, der Umsatz findet dann mit anderen Werten, mit anderen Dingen statt, als mit dem Urheberwerk selbst?

Hoeren: Das ist die These der amerikanischen Kollegen, die es erfunden haben. In den USA ist das Denken etwas anders als hier, man sagt, Urheberrecht muss sich die Frage gefallen lassen, ob es etwas tut zum Nutzen der Gesellschaft, so heißt es in der amerikanischen Verfassung. Und deshalb ist gerade das die Frage hinter Creative Commons. Creative Commons heißt, ich will eigentlich gar nicht mehr in den kommerziellen Kontext erst einmal, sondern ich möchte eben auch zeigen, dass das Wichtige von Kreativität ist, möglichst breit und kostenfrei gestreut zu werden.

Kloiber: Es gibt mittlerweile auch Rundfunkanstalten, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sogar, die Werke, die sie veröffentlich haben im Fernsehen, dann auch unter Creative Commons-Lizenzen stellen. Meistens steckt dahinter eigentlich der Druck des Faktischen, sprich YouTube - diese Werke werden einfach genutzt und sie reagieren da nur darauf. Ist es sinnvoll diesen Weg zu gehen?

Hoeren: Als es ist generell sinnvoll über, wir nennen das Open Content nachzudenken. Also über eine Öffnung der Inhalte, die dann auch der Öffentlichkeit wieder zur Verfügung gestellt werden. Und eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt hat natürlich auch eine gewisse Öffentlichkeitsaufgabe und muss schauen, dass sie neben dem klassischen Sendegeschäft auch alle Distributionskanäle ausnutzt, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Und da finde ich es sinnvoll, zum Beispiel im Fall BBC, dass die sich mit solchen Creative Commons-Modellen auch beschäftigen.

Kloiber: Hinter diesen ganzen Gedanken, sie haben das ja auch schon gesagt, steckt eigentlich der große Gedanke des Open Source Modells, nämlich dass man Kulturgüter allen zugänglich machen sollte. Meinen Sie, dass das Sinn macht, vollständig auf solche Modelle zu schwenken, oder wird sich die Industrie doch durchsetzen?

Hoeren: Als in Ihrer Frage steckt das Wort 'vollständig'. Ich glaube nicht, dass Open Content vollständig die ganz klassischen kommerziellen Distributionskanäle ersetzen wird. Es wird aber eine Alternative sein, und die ist für bestimmte Sparten sehr wichtig. Ich will einmal von den Bereich Musik weg in den Bereich 'wissenschaftliche Verlage'. Wenn ein wissenschaftlicher Autor im Bereich der Medizin alleine schon 10.000 Euro bezahlen muss, um überhaupt in ein Journal aufgenommen zu werden, und er wieder 10.000 Euro bezahlen muss, um das Journal zu kaufen, dann ist schon die Frage berechtigt, wer verdient hier eigentlich und warum und gibt es nicht die Möglichkeit, über das Internet einfacher und sozusagen auch öffentlichkeitsfreundlicher wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbreiten. Diese Nische ist wichtig für alle, die einen Öffentlichkeitsauftrag haben, das heißt, Wissenschaftler, Sendeanstalten im öffentlichen Raum, gerade dafür ist Creative Commons ein sehr guter Ansatz und muss auch weiterverfolgt werden.

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