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StartseiteLange Nacht"Alles Laue, Halbe hass' ich"01.05.2010

"Alles Laue, Halbe hass' ich"

Eine Lange Nacht über das politische Lied

Ist die gegenwärtige Krise des Kapitalismus schlecht für das soziale Klima, aber gut für das politische Lied? Wollen wieder mehr Künstler "die Verhältnisse rocken, die Welt verändern", wie es auf einer jüngst erschienen CD heißt?

Von Michael Kleff

Der Liedermacher Hannes Wader (AP)
Der Liedermacher Hannes Wader (AP)

"Solange es George Bush gibt, gibt es einen Gegner", meinte der englische Musiker Billy Bragg Mitte 2008. "Ich habe nie trennen können zwischen privat und öffentlich, zwischen privat und politisch", sagt Konstantin Wecker, in dessen Liedern der Einzelne im Mittelpunkt steht, ohne dass die politischen Zusammenhänge aus dem Blickfeld geraten.

Eine enge Verbindung von Musik und sozialen Bewegungen gab es immer. Der Dichterrebell Theodor Kramer gab den Außenseitern, Landstreichern, Proletariern, Knechten oder Huren eine Stimme und bekannte: "Alles Laue, Halbe hass' ich."

Das "Bürgerlied" brachte die Haltung der vorrevolutionären liberalen Bewegung 1848 zum Ausdruck. Die US-amerikanische Bürgerbewegung erkor "We Shall Overcome" zu ihrer Hymne. Franz Josef Degenhardt beschrieb in den frühen 60er-Jahren mit poetischen Bildern und skurrilen Metaphern die Wirklichkeit der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. José Afonsos Lied "Grandola, Vila Morena" stand 1974 am Anfang der sogenannten Nelkenrevolution in Portugal.

Mit Liedern lässt sich Geschichte also "anhören". Doch lässt sich mit Musik Geschichte auch wirklich "machen"?

"Ein garstig Lied!
Pfui! Ein politisch Lied.
Ein leidig Lied!"
Johann Wolfgang Goethe

Das politische Lied: totgesagt und quicklebendig

Liedermacher - das ist keine Sache der Vergangenheit. Auch wenn das Lied, vor allem das politische Lied, in Deutschland schon oft totgesagt wurde. Doch allein ein Blick in die monatlich erscheinende Liederbestenliste zeigt, wie bunt und lebendig die Szene der Musikerinnen und Musiker in diesem Land ist: Lieder mit kritischen, nachdenkenswerten Texten. Sie alle stehen in einer langen Tradition, die man bis zu den Troubadouren im Mittelalter verfolgen könnte.

Liederbestenliste

Festival Musik und Politik

Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck

"Erwartet nicht zuviel von meinen Liedern!
Es geht ein Klang von Kälte durch die Welt.
Die Ohren der Genossen sind geschlossen,
und ein Lied - wer hört das noch?
Wen stört das noch?
Egal, wohin du singst,
es bleibt belanglos,
das Leben schreibt die stärkere Musik."
Georg Kreisler

Das Festival Musik und Politik - Zitat aus dem Manuskript

"Ich bin Vorsitzender des Vereins Lied und soziale Bewegung. Und in dieser Funktion leite ich auch das Festival Musik und Politik, das wir seit dem Jahr 2000 jedes Jahr im Februar durchführen. Lieder, die sich sehr direkt auf die Realität einlassen, auf politische und soziale Probleme - diese Lieder haben mich schon immer am meisten interessiert und das sind für mich die politischen Lieder und denen möchte ich auch gerne weiterhin so ein Podium wie das Festival Musik und Politik bieten." Lutz Kirchwitz

Das Festival Musik und Politik geht auf die Geschichte des Festivals des politischen Liedes der DDR zurück, das zwischen 1970 und 1990 alljährlich in Berlin stattfand. Von Degenhardt und Floh de Cologne bis zu Wader, Wecker und Zupfgeigenhansel reicht die Namensliste der westdeutschen Künstler. Zu den DDR-Teilnehmern gehörten unter anderem Reinhold Andert, Kurt Demmler, Gerhard Gundermann, Gerhard Schöne und Wenzel. Internationale Künstler von Billy Bragg über Miriam Makeba bis zu Pete Seeger gehörten zu den Gästen. Mikis Theodorakis nannte es 1983 eine "internationale Institution".

Lutz Kirchenwitz: Folk, Chanson und Liedermacher in der DDR
Dietz Verlag Berlin, 1993

Liedermacher in der DDR

Wenn Holger Böning nicht gerade als Professor für neuere deutsche Literatur und Geschichte der deutschen Presse an der Universität Bremen vor seinen Studenten steht, dann stöbert er gerne in seinem immensen Ton- und Printarchiv in Sachen politisches Lied. Ein Thema, über das Böning auch regelmäßig schreibt. In seinem Buch "Der Traum von einer Sache - Aufstieg und Fall der Utopien im politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR" spricht er von der "Macht der Töne", die ein Lied zum "Mittel politischer Identitätsfindung" werden lassen. Für ihn zeigen schon die Lieder der Reformation, wie eng historische Ereignisse mit dem politischen Lied verbunden sind.

"Das Lied 'Eine feste Burg ist unser Gott' zum Beispiel, das Friedrich Engels später einmal als Marseillaise der Reformation bezeichnet hat. Das ist ein typisches Beispiel, Zeit eines Aufbruches, eines religiösen Aufbruches, der sehr, sehr stark durch Lieder begleitet war. Dann die Zeit des deutschen Vormärzes. Also Vormärzzeiten, das könnte man verallgemeinern, sind immer Zeiten, in denen auch gesungen wird. Genauso wie es Nachmärzzeiten gab, nämlich Zeiten nach gescheiterten Revolutionen, nach gescheiterten Hoffnungen, die eben arm sind an Liedern. Ich glaube, eine Zeit, wie wir sie im Augenblick haben. Wie wir sie in der Geschichte auch nach 1848 haben, in denen diese Lieder schnell, zunächst jedenfalls, vergessen waren. Und dann eben beispielsweise gerade diese Vormärzlieder von Peter Rohland, Hein & Oss und so weiter, in der Vor-68er-Zeit und in der 68er-Zeit wieder aufgegriffen wurden und sehr populär wurden." Holger Böning

Holger Böning: Der Traum von einer Sache
Aufstieg und Fall der Utopien im politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR

Edition Lumière Bremen, 2004

Michael Kleff (Hrsg.): Die Burg Waldeck Festivals 1964 -1969
Chansons Folklore International, Bear Family Records

Das Festival Burg Waldeck - Zitat aus dem Manuskript

Die Festivals auf der Burg Waldeck fanden zwischen 1964 und 1969 im Hunsrück, oberhalb einer kleinen Burgruine nahe der Mosel, statt. Die Veranstaltungen waren eine Auseinandersetzung mit dem soziokulturellen Mief der Adenauer-Restauration. Sie setzten den Schlagersängern und Heile-Welt-Propheten andere deutsche Texte entgegen und rissen die alten deutschen demokratischen Liedtraditionen aus ihrem Schattendasein.

Schon in den 20er-Jahren waren Sänger und Klampfenspieler auf das Gelände gezogen, um sich bei sogenannten "Singewettstreiten" im Gesang zu messen. Über 40 Jahre später wurde die Waldeck für einige Zeit zum Treffpunkt einer sich neu besinnenden Liedersängerzunft, zu denen unter anderem Franz Josef Degenhardt gehörte.

"Was ich machte, war anknüpfen an eine Deutschliedtradition, vor allem an die Vormärztradition und an die Tradition des französischen Liedes. Wieder nach der unsäglichen Zeit zwischen '33 und '45, wo unsere, diese Lieder ja zerstampft wurden, wie ich in einem Lied singe. Wieder da anknüpfend, diesen Faden aufzunehmen und neue kontemporäre Lieder dieser Art zu schreiben." Franz Josef Degenhardt

David Robb (Hrsg.): Protest Song In East And West Germany Since The 1960s
Camden House Rochester
New York, 2007

Protestsongs.de
Eine Kreuzfahrt durch die Geschichte des deutschsprachigen Protestsongs,
2 CDs, Lieblingslied Records

Liedermacher in Deutschland
Vol. 1-4, 12 CDs
Bear Family Records

Die Burg Waldeck Festivals 1964 -1969
Chansons Folklore International, 10 CDs
Bear Family Records

Festival des politischen Liedes
Die Siebziger, Pläne

Festival des politischen Liedes
Die Achtziger, Pläne

Politische Lieder in den USA

"Ich hasse Songs, die einem zu verstehen geben, dass man nichts wert ist. Ich hasse Songs, die einem zu verstehen geben, man sei geboren, um zu verlieren. Dazu bestimmt zu verlieren. Für niemanden etwas wert. Zu nichts nütze. Songs, die einen runterziehen oder Songs, die sich darüber lustig machen, dass man Pech hatte oder einen schweren Weg hinter sich hat. Mir geht es darum, Songs zu singen, die euch beweisen, dass dies eure Welt ist, und auch wenn es euch verdammt hart getroffen hat und ihr ein Dutzend Schläge abbekommen habt, egal, wie sehr es euch runtergezogen hat oder euch überrollt habt, egal welche Hautfarbe ihr habt, wie groß ihr seid, wie ihr gebaut seid. Mir geht es darum, die Songs zu singen, die bewirken, dass ihr stolz auf euch und eure Arbeit seid." Woody Guthrie

"Ich glaube, dass nicht nur Lieder geschrieben werden müssen. Es muss auch gehandelt werden. Die Welt wird nicht durch Songs, sondern nur durch Aktionen gerettet werden. Das zentrale Motto muss sein: Denke global, und handle vor Ort." Pete Seeger

Nach seinem lebenslangen Kampf - für Gerechtigkeit, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Zerstörung der Natur, gegen den Kapitalismus - muss es für den heute 90-jährigen Pete Seeger ein bewegender Moment gewesen sein - zwei Tage vor Barack Obamas Amtsantritt als neuer US-Präsident im Januar 2009 - gemeinsam mit Bruce Springsteen vor einer halben Million Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington Woody Guthries "This Land Is Your Land" anzustimmen.

Musik spielte bei den politischen Auseinandersetzungen in den USA immer eine wichtige Rolle. Viele Lieder wurden zu Hymnen im Kampf gegen gesellschaftliche Missstände, andere spendeten Trost bei erlittenen Niederlagen.

Woody Guthrie Archiv

Songs For Political Action
Folkmusic, Topical Songs And The American Left 1926-1953
10 CD-Boxset, Bear Family Records

Singer und Songwriter Steve Earle ist überzeugt, dass Musik die Welt verändern kann. Allerdings hätten sich die mit der Bürgerrechts- und der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung groß gewordenen Menschen in den vergangenen 25 Jahren nicht ausreichend eingemischt.

"Wir haben Kinder bekommen und Verantwortung übernommen. Die Demokratie haben wir sich selbst überlassen. Da haben wir wohl zu viel Vertrauen gehabt. Unsere Kinder sind so aufgewachsen, dass sie sich praktisch überhaupt nicht für Politik interessieren. Das war keine Rebellion gegen uns. Vielmehr haben sie gesehen, dass wir überhaupt nichts getan haben. Dafür tragen wir die Verantwortung. Das ist nicht ihre, sondern unsere Schuld." Steve Earle

The Best Of Broadside 1962-1988
Anthems Of The American Underground From The Pages Of Broadside Magazine
5 CDs, Smithsonian/Folkways

Mit Punk-Attitüde und Folksound - Die Sängerin Ani DiFranco

Zu den Künstlerinnen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es um Missstände in der Gesellschaft geht, gehört Ani DiFranco. Mit ihrer Mischung aus Punk-Attitüde und Folksound in der Tradition von Woody Guthrie und Pete Seeger, hat sie ohne jegliche kommerzielle Unterstützung über drei Million Tonträger verkauft.

Ihre Texte sind mal außergewöhnlich persönlich, mal hochgradig politisch. Vor allem die amerikanischen Feministinnen haben sie zu einer Art Galionsfigur auserkoren. Eine Rolle, die Ani DiFranco jedoch ablehnt. Die Musikerin will kein Aushängeschild sein.

"Ich werde oft nach der Rolle von Künstlern in der politischen Auseinandersetzung gefragt und ob ich frustriert darüber sei, dass nicht mehr politische Musiker sich an die Spitze des Kampfes gegen eine repressive Politik setzen. Ich habe darüber lange nachgedacht. Ich denke, dass Künstler letztendlich auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Wir sind keine Führer im klassischen Sinn. Songwriter sind keine Politiker. Wir kandidieren für keine Ämter. Wir reflektieren die Gesellschaft, der wir angehören. Meine Antwort auf die Frage lautet daher jetzt: Liebe Gesellschaft, wie wäre es, wenn du mich einmal inspirierst. Vielleicht bin ich eine Ausnahme. Ich war schon immer sehr politisch und stelle mich mit meinen Aussagen auf der Bühne dem Urteil der Öffentlichkeit. Aber es gibt viele andere, die Inspiration brauchen. Ein Künstler kann nicht immer nur selbst Vorbild sein. Wir müssen auch die Führungsqualitäten, die in uns allen stecken, widerspiegeln. Zusammen müssen wir die Verantwortung für Veränderung übernehmen. Sobald das Publikum für diese Veränderung steht, werden dies auch die Künstler tun. Der dabei entstehende Effekt ist nicht aufzuhalten." Ani DiFranco

Plädoyer für utopische Tendenzkunst - der Liedermacher Konstantin Wecker

15. Februar 2003: Fast eine halbe Million Menschen - die größte Demonstration der deutschen Nachkriegszeit - kamen in Berlin zusammen, um bei einem gemeinsamen Konzert von Reinhard Mey, Hannes Wader und Konstantin Wecker gegen die bevorstehende Invasion des Iraks durch die USA zu demonstrieren.

1973 erschien mit den sadopoetischen Gesängen das Plattendebüt von Konstantin Wecker - mit dem er als singender Dichter erschrecken wollte und zum Bürgerschreck wurde. Mit dem Album "Genug ist nicht genug" wurde vier Jahre später der politische Liedermacher Konstantin Wecker geboren, der zugleich die anarchische Tradition bayerischer Querdenker gegen das "Mitlaufen ohne Denken" wiederbelebte.

Sein Willy und dessen kritischer, rebellischer Unruhezustand geistern bis heute durch das Werk Weckers. Als eine Art Alter Ego für künstlerische Reflexion gegen Ignoranz, Gleichgültigkeit, Anpassung und Unterordnung. Wobei sich der Künstler beharrlich weigert, sich vor irgendeinen parteipolitischen oder institutionellen Karren spannen zu lassen. Sieht man einmal von seinem kurzfristigen und jeweils durch eine Vertrauensbasis zu Freunden motivierten punktuellen Einsatz für die Grünen in den 80er-Jahren und bei der Gründung der Linkspartei ab.

Jedes Mal folgte auf Weckers öffentliches Eintreten auch wieder recht schnell der Abgang von dieser parteipolitischen Bühne. An seinem kritischen und rebellischen Unruhestand hat das nichts geändert. Wir leben in stürmischen Zeiten, sagt er heute und fragt: Aber sind auch die Menschen stürmisch? Ein Plädoyer für utopische Tendenzkunst.

""Als Parteibarde bin ich schon aufgrund meiner Unfähigkeit, irgendeiner anderen als meiner eigenen Linie zu folgen, völlig ungeeignet. Ich bin Romantiker. Linksromantiker, sicherlich, aber Romantiker. Das Gerade und Geordnete in allen Ehren, aber ich will nicht marschieren, sondern schlendern, lustwandeln, wandern und schwärmen.

Außerdem bin ich ein freier Mensch und lege wirklich großen Wert darauf, das auch zu bleiben. Trotzdem jetzt dieses Plädoyer für Tendenzkunst. Während nämlich die Gefahr einer Vereinnahmung durch Dritte für den politischen Künstler immer virulent sein wird, ist unser aktuelles Problem ein ganz anderes: der eklatante Mangel an politisch engagierter Kunst nämlich!

Dieser Mangel ist schon seit Langem riesengroß. Der unbeugsame Oskar Maria Graf hat vor fast 60 Jahren davon gesprochen, dass er zeitlebens ein 'engagierter Künstler' sein wird, weil er es als Verpflichtung empfindet, die ihm sein Talent auferlegt hat. Das darf kein Dogma sein, und ein Künstler hat durchaus auch die Berechtigung, sich in einem Elfenbeinturm zu verbarrikadieren. Ich sehe das nicht so verbissen. Aber wenn wir nur noch Elfenbeintürme haben, verlieren auch die ihren Reiz. Und viele Kollegen, die sich dorthin zurückgezogen haben, haben sich - vielleicht sogar, ohne es zu wollen - von der neoliberalen Propaganda einkaufen lassen. Was Besseres konnte den Zuhältern des Kapitals nämlich gar nicht passieren, als dass die Künstler aufhören, sich einzumischen und die Finger auf Wunden zu legen.

Mir geht übrigens für diese ewige Fragerei, ob Kunst politisch sein soll oder darf oder eigentlich sein müsste, inzwischen immer mehr das Verständnis ab. Wer bitte soll denn die Stimme der seitlich Umgeknickten, der Hartz-IV-Empfänger, der Unangepassten, der Spinner und Schwärmer sein, wenn schon die Künstler Besseres zu tun haben, als sich mit den Problemen der Menschen und den Gemeinheiten der Welt zu befassen? Von den Medien werden die Leute und Lebenswelten jenseits der Vorzeigegesellschaft der vermeintlich Erfolgreichen jedenfalls genauso zuverlässig im Stich gelassen wie von der Politik. Das ist ein grober Fehler, den sich wenigstens die Kunst nicht leisten sollte. Wie sagte Robert Jungk so schön: 'Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit den Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.'

Wer in dieser Zeit nicht seine Stimme erhebt für eine friedvolle Welt und gegen den Wahn der Menschheit, sich selbst und die Erde durch Gier und Dummheit gezielt zu vernichten, der hat es nicht verdient, eine öffentliche Stimme zu haben. Der ist als kreativer Ausdruck seiner Zeit fehl am Platz. Was wir vielmehr brauchen, ist das, was man früher als 'engagierte Kunst' bezeichnet hat und was nun schon seit Langem als 'Gutmenschentum' oder 'Alt-68er-Attitüde' desavouiert wird. Also der berühmte, gerade uns Liedermachern immer wieder vorgehaltene erhobene Zeigefinger? Mir ging es noch nie um gesungene Parolen, Agitationstheater oder um moralisierende Pädagogik in der Kunst. Ich bin Puccinist, ich vergöttere Rilke. Und gerade das hat mir ja in den 70er-Jahren soviel Ärger mit der Linken eingebracht. Mir geht es überhaupt nicht um vordergründig politische Kunst, sondern um solche, die ganz einfach gesellschaftlich und zukunftsrelevant ist. Aber was heißt Relevanz für eine Gesellschaft, deren fundamentale Krise für die übergroße Mehrheit eine alltägliche Tatsache ist, die nur von denen geflissentlich ignoriert und weggeplappert wird, die ihr Geld als hauptamtliche Schönfärber und Konsensarrangeure verdienen?" Konstantin Wecker

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