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Alles nur gestellt

Fritz Franz Vogel untersucht die Geschichte der szenischen Fotografie

Ein Theaterfoto ist ein dokumentarisches Nebenprodukt des Geschehens auf der Bühne. In der inszenierenden Fotografie von Künstlern wie Cindy Sherman spielt das Abbild jedoch die zentrale Rolle: Ihm hat sich die Inszenierung unterzuordnen. Die Dissertation des Theaterfotografen Fritz Franz Vogel zur inszenierten Fotografie - jetzt als opulenter Bildband erhältlich - hat ihre Stärken aber vor allem als Nachschlagwerk.

Von Michael Wetzel

Cindy-Sherman-Ausstellung (AP Archiv)
Cindy-Sherman-Ausstellung (AP Archiv)

Bei manchen Büchern weiß man gar nicht, ob man die Gewichtigkeit des Inhalts oder die des Materials beurteilen soll. Sicherlich, im Zeitalter der Soft Skills, zu denen vor allem ein gutes Auftreten, sprich eine Fähigkeit zur Vermarktung zählen, können auch die Aufmachung und die Originalität der Gestaltung nicht außer Acht bleiben. Im Falle der, wie man erst im Kleingedruckten erfährt, Dissertation von Fritz Franz Vogel ist man zuerst einmal vom äußeren Eindruck befangen: 516 Seiten des fast quadratischen und Kilo schweren Buches sind mit immerhin 950 farbigen oder schwarzweißen Abbildungen versehen. Eine "Menge Holz", möchte man mit schlechtem Humor unken, aber die ersten Lektüre-Erfahrungen mit dem neben den vielen Bildern fußnotenklein verschwindenden Text machen auch gleich klar, dass man es hier in der Tat mit einem Autor zu tun hat, dem Bescheidenheit völlig abgeht. Statt einer behutsamen Hinführung zum so genannten Forschungsstand wird sogleich konstatiert, dass hier ein Originalgenie am Werk ist. So heißt es mit unverhohlen stolzem Unterton:

"Bisher wurde die Fotografie von Beginn weg als ein die Natur- und Kunstgeschichte spiegelndes, dokumentierendes, transkribierendes, resp. reprografierendes (Forschungs-)Instrument gewertet, kaum aber als ein schöpferisch-konstruierendes. Es gibt aber Fotografien, die sich der Stilmittel des Theaters und des Dramatischen bedienen. Diese szenische Fotografie, von KünstlerInnen kreiert oder, ansatzweise, in kommerziellen Werbekampagnen instrumentalisiert, sind bisher kaum untersucht, geschweige denn als eigenes Genre erfasst worden."

Der Autor selbst bedient sich eines Genrebegriffs, den er mit einem gewissen Spürsinn als solchen überhaupt erst einmal kreiert. Die im Titel des Buches nämlich vorgenommene Stilisierung des Eigennamens der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman zur begrifflichen Gattung einer spezifischen Tradition von Fotografie ist einerseits originell, andererseits aber auch wieder unausgewiesen. Worum es geht, ist allerdings von Anfang klar: die im Gegensatz zum Dokumentarischen sich eher um die Inszenierung, Maskerade, generell die Künstlichkeit der Pose bemühende Kunstfotografie. Warum für diese in der Tat von Anfang an der Erfindung der Fotografie existierende, allerdings auch als solche wahrgenommene und interpretierte Tradition der Name Cindy Sherman eingesetzt wird, die nur eine späte und sehr eigene, wenn nicht gar abweichende Erscheinung des Phänomens darstellt, wird an keiner Stelle wirklich erklärt. Allerdings hat dieser Name in letzter Zeit eine gewisse Popularität erreicht und kann daher für einige Vermarktungschance sorgen, derer sich wohl auch unser Autor bedient hat. Denn eine Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen der titelgebenden Person sucht man vergeblich. Stattdessen steigt die Darstellung sogleich in den geschichtlichen Reigen desjenigen Typus ein, der dem Autor von seiner beruflichen Vorgeschichte vertraut ist: nämlich die Theaterfotografie.

Die Unterstellung einer Originalität muss allerdings genauso wieder relativiert werden wie die generelle Genrezuschreibung. Eine scheinbar nur dem Autor nicht bekannte Literatur hat sich nämlich seit über hundert Jahren mit dem inszenatorischen, pikorialistischen bis posenhaften Aspekt der Künstler-Fotografie beschäftigt. Die im einleitenden Kapitel entwickelte Idee der Autorenfotografie ist sogar eine feste Größe in der Forschung. Nur wischt Fritz Franz Vogel jede Differenzierung der Theoriegeschichte mit seinem gewaltigen Apparat der Klassifikation des Materials weg. Zwischen 1840 und 2005 werden unzählige Fotogeschichte erzählt, was aber fehlt, ist die Bedeutung: What for? In der Wut des Namedroppings werden zwar 24 Schauplätze unterschieden, die Traditionen der tableaux vivants, der Geisterfotografie, der physiognomischen Aufnahmen, der pornografischen Erzählung, des Surrealismus, des Transvestismus, der Gagfotografie, der Mode und, und, und bedient, eine wirkliche historische Entwicklung ist aber kaum erkennbar. Irgendwann taucht dann in der lexikalischen Namensfolge auch mal Cindy Sherman auf Seite 304 auf, ohne dass der Autor jedoch auf die zahlreichen kulturgeschichtlichen und gendertheoretischen Untersuchungen zu diesen spezifischen Werk einzugehen.

Vogel kommt - wie gesagt - von der Theaterfotografie und in diesem Rahmen verbleibt auch seine Untersuchung als Inventarisierung von Kostümen und Maskeraden. An die Stelle einer wirklichen fototheoretischen Problematisierung der Aufnahmen treten oft Auflistungen von Ordnungskriterien. Störenderweise sind die Bilder auch nicht betitelt, so dass eine Zuweisung zum Text oft schwer fällt. So hat das schwerwiegende Buch des sich selbst als "Herrn der Bilder" bezeichnenden Vogel als Nachschlagewerk und Materialsammlung seine Berechtigung, wird aber weniger zu einer spannenden Lektüre einladen.

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