• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteBüchermarktAlles was du brauchst20.01.2003

Alles was du brauchst

Wagenbach, 560 S., 29,50

Können Sie mir bei meiner Dissertation, meinem Referat, meinem Aufsatz helfen? Können Sie mir helfen, einen Verleger für mein Buch zu finden? Kann ich mit Belletristik Geld verdienen? Ist der Roman tot? Hatten Sie eine unglückliche Kindheit? Es sind, sagt sie, die üblichen.

Agnes Hüfner

Das ist für Studenten. Eine Menge Schüler, Leute, die schreiben wollen, benutzen die Website. Sie wollen wissen, wie dies oder das zu verstehen ist, was es mit dem Schreiben auf sich hat, warum ich schreibe undsoweiter. Ich kann nicht jedem per e-.mail antworten und mich nicht für alles verantwortlich fühlen. Aber ich will auch nicht unhöflich sein und gar nichts sagen. - Ja, alle stellen die immergleichen Fragen.

Die erste Frage zu Kennedys neuem Roman "Alles was du brauchst" - ein für sie ungewöhnlich dickleibiges, fast 600 Seiten langes Buch - stellt sich gleich auf der ersten Seite ein. "Mo run geol og" steht da, offensichtlich das Motto des Romans. Die Übersetzung der fremden Wörter fehlt.

Das Epigraph heißt: meine weiße junge Liebe. Das ist eine Zeile aus einem bekannten schottischen Liebeslied. Eine Frau klagt über den Tod ihres Mannes, der bei einem Aufstand gegen die Briten gefallen ist. Sie klagt über den Verlust des Mannes, über das Ende des Liebeslebens, sie klagt auch über den Verlust der Sprache, daß das Englische das Gälische zurückdrängt.. Ich fand, diese Zeile paßt zum Roman.

Hauptfigur des Romans ist der Schriftsteller Nathan Staples, eine ziemlich traurige Gestalt. Vor Jahr und Tag hat ihn seine Frau verlassen und ihm die Tochter weggenommen. Nathan trauert der Frau, seiner großen Liebe, nach und bringt außer Trivialem, worin er durchaus erfolgreich ist, nichts zu Papier. Er lebt auf einer Insel in der Gemeinschaft fünf anderer Autoren. Es sind seltsame Heilige oder Verrückte, die mit ihrem Leben russisch Roulette spielen. Sie probieren, wie sie sich um besten umbringen können. Auf diese Insel kommt als siebter Gast Mary, die Tochter Nathans, eine angehende Schriftstellerin. Sie wird seine Schülerin; daß er ihr Vater ist, weiß sie nicht. Die Konstruktion legt dar: es geht um Liebe und große Gefühle ebenso wie um Literatur und Literaturvermarktung. Beim Thema Geschäft mit dem Buch wird die Autorin ausfällig. Nathans Lektor Jack spottet über den Frauenroman: Blut, Angst und Sex, diese Mischung sei die richtige Ware.

Ich denke, in meinem Buch kommt kein Romantyp ungeschoren davon, ich versuche jeden gleichermaßen herunterzuputzen. Der Frauenroman ist wirklich nicht die Schuld der Frauen, sie haben diese Kategorie nicht erfunden. Es sind die Verleger und Verlagshäuser mit ihren merkwürdigen Vorstellungen darüber, was ein Frauenbuch zu sein habe. Ich war in diesem Jahr in der Jury des Orange-Preises, ein Preis für englischsprachige Autorinnen. Die Auswahl war sehr eng. Davon, wie vielfältig weibliches Schreiben sein kann, war überhaupt nichts zu merken. - Nein, ich habe nichts speziell gegen Frauenliteratur.

A.L. Kennedy, die Abkürzungen stehen für die Vornamen Alison Louise, gilt seit ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman "Gleißendes Glück" als ein ungewöhnliches Talent, weil sie ihren Figuren, ihren Frauen und Männern, gleichermaßen einfühlsam wie roh begegnet. Unvermittelt läßt sie stimmungsvolle Situationen ins Ordinäre umkippen, ein Spiel mit der Erwartung des Lesers, die ernsthafte Ansicht, der Mensch sei von Natur aus ein tragikomisches Wesen. Während der Leserreise, die sie dieser Tage durch die BRD führte, las sie vornehmlich "the unpleasant parts" aus "Alles was du brauchst". Solche ungemütlichen, wenig erbaulichen Passagen wie die über Nathans Lektor Jack, der in dem auf leicht verkäufliche Ware getrimmten Buchmarkt mitläuft und ihn zynisch und betrunken unterläuft, beziehungsweise zu unterlaufen versucht. Als Jack feststellt, daß er trotz erhöhtem Konsum nüchtern bleibt, läßt er sich den Alkohol rektal einführen. Das kostet ihn pro Prozedur einen Zahn, denn der Sadomasochist, der ihn bedient, wäre gern Zahnarzt geworden. Kennedy beschreibt die Szene ausführlich, sehr nah dem Blut, Angst und Sex getränkten Frauenroman, über den sie sich an anderer Stelle mokiert. O-Ton 3 Yes, it's full true. No one has ever said this. Congratulation. Probally. Because women buy the book... Sprecherin

a, ja, das ist wohl wahr. Das hat mir noch keiner gesagt, gratuliere. Wahrscheinlich ist das so, denn Frauen kaufen meine Bücher, Frauen mehr als Männer. Das ist ganz schön schrecklich. - Aber Frauen sind schrecklich. Ich denke, in Deutschland ist das anders als bei uns. Bei uns ist zum Beispiel der Zahnarzt im allgemeinen ein Mann, und und diejenige, die die Zähne reinigt, mit diesen fiesen kleinen Haken in den Lücken herumfuhrwerkt, ist meistens eine Frau. Man liegt da und weiß, das kann nicht gut gehen, denn sie hat so eine Art, sie fühlt sich verpflichtet, erbarmungslos ins Detail zu gehen. Diese Berufung zur Zahnhygienikerin, das ist typisch weiblich.

So sehr Kennedy es ablehnt, ihren Figuren eindimensionale Charaktere zu verpassen und sie in eindeutige Situationen zu schicken, so gern stellt sie sich selbst widersprüchlich dar. Der Zyniker Jack landet nach seinen Exzessen bald auf der Intensivstation. im Krankenhaus. Todkrank nimmt er dem Freund das Versprechen ab, endlich einen "anständigen und richtigen" Roman zu schreiben.

Ich bin wirklich so rückständig: nur zärtliche, schöne Romane sind gute Romane. Zu einem richtigen Roman gehört, das meine ich jetzt im Ernst, emotionale Hingabe. Ich meine, wenn man ein Buch über Menschen und ihre Gefühle schreibt, muß es von Hingabe handeln. Vielleicht nicht so ausführlich und ausschweifend. Aber wo sich Menschen so nah kommen wie in diesem Roman, muß ich von Liebe reden und von der Angst, von Einsamkeit, Verzweiflung, und von Leid.

In ihrem Buch Stierkampf schreibt die Autorin, "ich finde die Gegenwart des Todes nicht erotisch". Im Roman "Alles was du brauchst" liest man es anders. Die Leute auf der Insel üben Selbstmord, weil sie sich davon eine belebende Wirkung erwarten.

Nicht alle Figuren finden den Versuch, sich umzubringen, erregend, Sicher, gibt es da einen erotischen Kick, aber nicht für jeden. Für Joy ist es eine Art ritueller Übung, für Lynda hat alles mit Sex zu tun, das ganze Leben, sie ist ein bißchen pervers. Nathan aber will seine Gedanken über die verlorene Liebe durch die Gedanken an den Tod austreiben. Ihm geht es nicht um Nervenkitzel. Nathan hat eine tiefe Angst vor dem Tod und wünscht ihn sich trotzdem. Allenfalls kann man in dieser Todessehnsucht, diesem tiefen Verlangen, sexuelle Untertöne vernehmen. Das erotische Aufladen von Tod ist aber nicht eigentlich mein Interesse. Ich mag das nicht, obwohl - passieren kann mir das. Aber im Ernst, um auf den Stierkampf zurückzukommen: Einen Stier sterben zu sehen ist, überhaupt nicht erotisch, das ist einfach blutig. Ebensowenig sind es die Figuren in meinem Roman, die tatsächlich sterben, oder die Leichen in der Anatomie, wohin ich Nathan auf der Suche nach seinem Freund Jack schicke. Was er da sieht, sind tote Körper. Der wirkliche Tod wirft einen aus der Bahn, weil man nicht damit rechnet, weil man ihn nicht kontrollieren kann. An Selbstmord kann man denken, man kann ihn planen, oder auch verschieben, weil einem einfällt, daß man einen Tisch im Restaurant bestellt hat. Nach dem Motto: ich muß morgen zu einer Beerdigung, da kann ich mich heute nicht auf die Bahngeleise schmeißen. Das ist etwas anderes als der reale Tod. - Ich rede wirklich zu viel.

Anders als in den Erzählungen der Autorin sind die männlichen Figuren in "Alles was du brauchst", Nathan vor allem und Jack, sind interessanter als die weiblichen, voran Nathans Tochter Mary, ein recht einfach gestrickter Charakter. Vielleicht liegt darin der Grund, warum bei uns mehr Frauen als Männer Kennedys Bücher kaufen. Vielleicht liegt es auch daran, daß die Autorin Sexualität so direkt beschreibt, daß in Kritiken von einem androgynen Stil gesprochen wurde.

Einige Feministinnen regten sich auf: das sei ein männliches Buch. Eine Schriftstellerin, eine Frau, habe über Frauenthemen zu schreiben. Andere, männliche Kritiker, fühlten sich irritiert, weil hier so deutlich über Sexualität gesprochen wird. Diese Art schamlos oder obszön zu schreiben, meinten sie, sei Männersache. Ich glaube nicht, daß die Leser so engstirnig denken. Wobei ich mehr Leserinnen habe als Leser. Und keineswegs so viele männliche Groupies, wie Autoren Mädchen um sich scharen. Ich denke, Frauen verbringen mehr Zeit im Leben, um herauszufinden, wie Männer sind, wie sie funktionieren, wieso sie so verrückt sind, als umgekehrt Männer sich Gedanken über Frauen machen. Mehr erzähl' ich ja eigentlich nicht. Allerdings schreibe ich unverblümt über Männer - und Frauen. Nicht so, als würde ich über das Thema Sexualität mit Leuten am Nachbartisch bei einer Tasse Kaffee plaudern. Sie verstehen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk