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StartseiteHintergrundDas Leben an vorderster Front 18.01.2016

Alltag in der OstukraineDas Leben an vorderster Front

Der Konflikt in der Ostukraine wird nicht zuletzt auf dem Rücken der dortigen Bürger ausgetragen. Für diese ist an Alltagsleben quasi gar nicht mehr zu denken. Die Front ist nah, selbst die einst kürzesten Wege können nur noch mit Strapazen und genügend Schmiergeld bewältigt werden. Und dann sind da noch die Tausenden Minen.

Von Sabine Adler

Eine zerstörte Brücke nahe des Flughafens Donezk  (imago stock&people / Itar-Tass)
Eine zerstörte Brücke nahe des Flughafens Donezk (imago stock&people / Itar-Tass)
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Alles ist mühsam in der Ostukraine. Jede Fahrt von A nach B. Die Menschen können sich nur stark eingeschränkt bewegen, seit prorussische Separatisten und Kiewer Truppen um jeden Quadratmeter in der Ostukraine kämpfen. Wie derzeit in dem Örtchen Saitsewe. Die einen wollen, dass die sogenannten Donezker und Lugansker Volksrepubliken so groß wie möglich werden, die anderen wollen genau dies verhindern. Der ukrainischen Regierung gelingt es nicht, verlorenes Gebiet zurückzuerobern, weil die Aufständischen von der russischen Regierung unterstützt werden, die den Konflikt geschürt hat und mit Anführern, Kämpfern und Waffenlieferungen am Brodeln hält. So sichern beide Konfliktparteien entlang der Frontlinie vorerst ihr Terrain.

Wer auf die andere Seite will, braucht viel Zeit, nimmt eine Odyssee auf sich. Fliegen kann man vergessen. Der Flughafen von Donezk ist nach monatelangen Kämpfen nur noch eine Ruine. Bahnfahren klappt nur streckenweise. Bleiben Bus oder Auto, was unendliche Geduld kostet und teuer wird.

Ein Mann steht in den Ruinen seines Hauses, das während Kämpfen in der Nähe des Flughafens von Donezk zerstört wurde. (dpa/ picture-alliance/ Alexander Ermochenko)Ein Mann steht in den Ruinen seines Hauses, das während Kämpfen in der Nähe des Flughafens von Donezk zerstört wurde. (dpa/ picture-alliance/ Alexander Ermochenko)

Tatjana Nosatsch und ihr Mann sind aus dem besetzten Donezk nach Konstantinowka gekommen, die erste Stadt auf von Kiew gehaltenem ukrainischen Gebiet. Beide schildern die Strapazen der Fahrt, die vor dem Krieg keine Stunde dauerte, für die man heute fast anderthalb Tage benötigt und die eine Menge Geld kostet:

"50 Griwna braucht man bis zum ersten Checkpoint. Vom Checkpoint bis zum ukrainischen Gelände noch einmal 20 Griwna für eine Strecke von 23 Kilometern", erklären die beiden. "Wenn man bis zur ersten ukrainischen Stadt fahren und nicht dreimal umsteigen will, kostet es 250 Griwna. Aber das dauert trotzdem lange. Wenn es schneller gehen soll, bezahlt man das Doppelte, 500 Griwna. Weil dann die Militärangehörigen auf beiden Seiten bestochen werden müssen. Früher fuhr man 65 Kilometer von Donezk nach Konstaninowka. Das war die direkte Verbindung. Wie lang die Strecke jetzt ist, weiß ich nicht."

Oftmals führt kein Weg an Konfliktgebieten vorbei

Die umgerechnet rund 20 Euro pro Busfahrt sind zu kostspielig für die 42-jährige Sozialarbeiterin, die in Donezk ein Heim für minderjährige Mütter betreut. Und mit dem Auto?

"Das kann ich erst recht nicht empfehlen. An den Grenzposten kann es passieren, dass man bis zu 30 Stunden wartet. Dort kann man nirgendwo auf die Toilette und nichts zu essen kaufen."

Die Fahrten zehren an Nerven und Kräften. Die fast 500 Kilometer lange Grenze zwischen den sogenannten Volksrepubliken und dem ukrainischen Gebiet kann nur an fünf Punkten passiert werden, somit entstehen große Umwege und lange Wartezeiten an den Übergangsstellen. Außerdem sind die Routen gefährlich, denn die Zivilisten müssen durch das Konfliktgebiet nahe der Front.

Der Menschenrechtler Pawel Lysianskyi ist dort oft unterwegs. Dass die Bevölkerung in ihrer Bewegungsfreiheit derart massiv eingeschränkt wird, findet er unhaltbar. Der wuchtige 28-Jährige lenkt sein Auto vorsichtig über die von Panzern lädierten Straßen. Nur bei Tageslicht dürfen die Checkpoints passiert werden. Die Fahrer müssen bei den Kontrollen die Innenraumbeleuchtung im Auto anschalten, die Pässe aller Passagiere bereithalten, den Kofferraum öffnen, aussteigen und neben der Fahrertür stehenbleiben. Obwohl er viele Soldaten an den Checkpoints persönlich kennt, weiß er, dass es für niemanden wirklich Sicherheit gibt. Deswegen hat er Begleitschutz organisiert, der zur Stelle ist, als es tatsächlich ernst wird.

"Das ist frontnahes Gebiet. Hier ist das Switlodarkser Kraftwerk, das wichtig für die gesamte Ukraine ist. Hier operieren Banden, die Anschläge auf die Infrastruktur verüben sollen. Hier ist es äußerst gefährlich. Ohne Begleitung von Wachtrupps sollte hier niemand unterwegs sein. Hier kann alles Mögliche passieren."

Im nächsten Moment, am letzten Kontrollpunkt vor der Frontlinie, geschieht auch schon das Unvorhersagbare. Ein Wachposten der ukrainischen Armee richtet seine Kalaschnikow auf unser Auto, direkt auf die Fahrerseite. Aber noch ehe Pawel ausgestiegen ist, wird der Checkpoint-Soldat umringt von fünf schwer bewaffneten Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, unseren Begleitern. Keiner wird laut, wir können weiter. Doch allen sitzt der Schrecken in den Gliedern. Dass ein Soldat seine Waffe auf Zivilisten richte, komme leider immer wieder vor. Ein klarer Verstoß gegen die Gesetze, konstatiert der Chef der Menschenrechtsorganisation Ost-Ukraine.

"In Adejewka führt ein Schulweg direkt über ein Minenfeld"

Die Bevölkerung schwebt ständig in Gefahr. Auch wenn der Waffenstillstand leidlich eingehalten wird, kommt es zu Schusswechseln. Außerdem ist das Gelände großflächig vermint. Ein Grund, weshalb die internationale Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hauptsächlich entlang der Frontlinie tätig ist, erklärt Andreas Koutepas. Allein rund um Slawiansk hat die Armee in einem Monat rund 3.000 Minen entschärft, nachdem die ukrainischen Streitkräfte die Stadt von den Separatisten zurückerobert haben.

März 2015: Männer räumen in der Region Donezk Minen (dpa/picture-alliance/ Valery Sharifulin)März 2015: Männer räumen in der Region Donezk Minen (dpa/picture-alliance/ Valery Sharifulin)
"Jeden oder fast jeden Tag gibt es Meldungen über Personen, die durch eine Mine verletzt worden sind, oder dass ein Traktor auf einem Feld durch eine Panzermine zerstört wurde. Auch deswegen stellen wir Toiletten an den Grenzübergängen zur Verfügung. Damit die Leute nicht in die Büsche gehen und dort in Minen treten."

Die Bevölkerung sei alarmiert, werde aufgeklärt über die allgegenwärtigen Minen, sagt Ludmila Klotschko, die Chefin der Hilfsorganisation Human Rights Protection.

"In Adejewka führt ein Schulweg direkt über ein Minenfeld. Dort gehen ukrainische Soldaten voran, damit die Kinder aus dem Ort Opytno sicher zur Schule kommen. Sie gehen an der Hand, Schritt für Schritt zusammen mit den ukrainischen Soldaten. In allen Schulen hängen Plakate und es wird den Schülern erklärt, wie Minen aussehen können, dass sie sie nicht berühren dürfen."

Über Mariupol führt der Landweg von der russischen Grenze bis zur Krim, den Moskaus Kräfte gern kontrollieren würden. Dafür schrecken sie vor nichts zurück. Vor einem Jahr feuerten die Rebellen aus Geschützen auf Wohnblöcke in Mariupol. 33 Personen starben. Der Vorort Schyronkyne ist inzwischen menschenleer.

"In Schyrokyne gibt es gar keine Einwohner mehr.Das Städtchen war früher ein Urlaubsort für Bergleute, mit Hotels und Kneipen. Heute ist niemand mehr da. Alle Einwohner wurden umgesiedelt, denn dort hat es große Zerstörungen gegeben und alles ist vermint."

Die Minengefahr wie auch die quälende Warterei an den wenigen Übergangsstellen sind hausgemacht. Die Regierung in Kiew und die Separatistenführer tragen ihren Konflikt auf dem Rücken der Zivilisten aus. Samuel Theodore aus Indien leitet den Einsatz von "Ärzte ohne Grenzen" in der Ostukraine.

"Wir reden nicht über Politik.Wir beurteilen nur, was medizinisch nötig ist. Die Situation an den Grenzübergängen ist inakzeptabel, denn sie bedeutet ein hohes Maß an Stress für die Menschen. Allein dass sie schutzlos dem Wetter ausgesetzt sind, kann man kaum mit ansehen. Es gibt lediglich fünf Übergänge. Das ist für uns der allerwichtigste Punkt. Im Sommer mochte das noch angehen, aber im Winter ist das nicht mehr möglich. Also: Entweder die Anzahl der Passierstellen wird erhöht oder aber es wird effizienter kontrolliert. Das muss immer wieder angemahnt werden."

Samuel Theodore von "Ärzte ohne Grenzen" kennt das Bild seit Monaten: Kilometerlange Fahrzeugkolonnen. Bis vor kurzem waren die Ärzte-Teams auf beiden Seiten tätig. Doch am 19. Dezember lief ihre Akkreditierung in der sogenannten Donezker Volksrepublik aus, die Lugansker Separatistenführung untersagte ihnen ebenfalls die Tätigkeit in ihrer selbstausgerufenen Republik. Ein Grund wurde nicht genannt. Die Mediziner mussten innerhalb von 72 Stunden fort. Somit sind sie nur noch auf dem von Kiew kontrollierten Gebiet aktiv, was Samuel Theodore sehr bedauert.

"Die Hilfe war nötig. Das sahen wir an den Einrichtungen, die wir unterstützen wollten. Es gab kein Personal in den Kliniken oder es wurde nicht bezahlt. Es gab keinerlei Vorräte. Wo es noch Personal gab, versorgten wir die Kliniken mit Medikamenten und Verbandmaterial für Kriegsverletzungen und wir organisierten mobile Krankenhäuser. Die Not dort war etwas höher als auf der anderen Seite. Das lag an der Isolation. Jetzt sind diese beiden Gebiete komplett isoliert."

Auch die Behandlung tuberkulosekranker Gefangener in einer Strafkolonie in Donezk mussten sie einstellen. Vier Jahre waren sie mit Medikamenten versorgt worden. Nun sind auch die Häftlinge Kriegsopfer. Die Juristin Ludmila Klotschko von der Human Rights Protection Group in Charkiw macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Die Lage der Menschen in der Pufferzone.

"Es gibt eine Reihe von Dörfern, die in der sogenannten grauen Zone liegen. Sie sind eingeschlossen. Auf der einen Seite ukrainische Checkpoints, auf der anderen Seite Kontrollpunkte der selbstausgerufenen Donezker und Lugansker Volksrepubliken. Und dazwischen leben Menschen in Orten, die sie nicht verlassen wollen, weil das ihre Heimat ist. Sie müssen dort zurechtkommen ohne jegliche Versorgung, Bildung, Verwaltung."

"Ärzte ohne Grenzen" hat sich dieser Verlassenen angenommen. Vera Jastrebowa kommt aus der sogenannten Lugansker Volksrepublik. Sie ist auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet umgezogen, wie auch ihre Firma.

"Ich fahre von Zeit zu Zeit in die besetzten Gebiete. Die Leute wollen Frieden. Die, die dort geblieben sind, haben entweder auf ukrainischem Gebiet keine Arbeit gefunden und konnten somit keinen Neuanfang wagen, oder es handelt sich um Ältere, die ausharren, dort überwintern. Wir dürfen diese Menschen auf keinen Fall verurteilen. Ich fand es sehr ungerecht, als ich in der ukrainischen Presse Aufrufe las, dass alle Menschen von dort wegziehen sollen. Die Leute in den besetzen Gebieten kämpfen um ihr Überleben."

"Die Schüler werden mit ihren Abgangszeugnissen nichts anfangen können"

Vera Jastrebowa findet, dass die Regierung es den Menschen in den besetzten Gebieten unnötig schwer macht. Die Rentner kommen nur mit Mühe an ihre Pensionen. Wer seine Rente nicht jeden Monat auf ukrainischem Territorium abholt sondern überwiesen haben möchte, muss etliche bürokratische Hürden überwinden. Weshalb die Rentner auf Kiew schlecht zu sprechen sind. Auch weil ihnen in ukrainischen Medien vorgeworfen wird, dass sie nicht fortgezogen sind, sondern trotz der Separatistenherrschaft in Lugansk oder Donezk ausharren. Die neuen Führer der Volksrepubliken wiederum erweisen sich als unfähig, ein funktionierendes Sozialwesen zu errichten, konstatiert Pawel Lysianskyi, der die Missstände dokumentiert.

"Es zahlt niemand in einen Rentenfond ein. Die zwei Jahre, die die Leute nun schon in den sogenannten Donezker und Lugansker Volksrepubliken gearbeitet haben, werden ihnen nicht auf die Rente angerechnet, denn es zahlt niemand in den Fond ein. Die Schüler werden mit ihren Abgangszeugnissen nichts anfangen können, denn es wird niemand Diplome von der LNR oder DNR anerkennen."

Auch Pawel Lysianskyi warnt davor, die Bevölkerung dort zu verunglimpfen. Niemand sei ein Verräter, nur weil er nicht flieht, sondern vielleicht ältere Angehörige nicht allein zurücklassen möchte oder Angst davor hat, seine Wohnung aufzugeben und sie damit zu verlieren. Es gäbe keine Pflicht zur Flucht, jeder habe ein Recht auf seine Heimat. Vera Jastrebowa stammt aus Debalzewo im besetzten Gebiet. Sie arbeitet ehrenamtlich mit Pawel in der Menschenrechtsorganisation und hat, wie alle Einwohner, Schreckliches hinter sich.

Vor knapp einem Jahr tobte die Schlacht von Debalzewo. Sie dauerte bis nach den Friedensverhandlungen in Minsk am 18. Februar. Die Verwundeten hat man nach Switlodarsk gebracht, obwohl auch die dortige Klinik unter Beschuss stand. Offiziell sollen in Debalzewo über 300 Soldaten gefallen sein. Dass die tatsächliche Opferzahl weit höher sein dürfte, man schätzt 2.000, belegt ein Indiz: "Ärzte ohne Grenzen" hat Verbandsmaterial geliefert, mehrmals, und jeweils auf Anforderung der ukrainischen Kollegen, die teils im Keller des Krankenhauses operierten, erzählt Andreas Koutepas.

"Während der Kampfhandlungen haben wir die Kliniken mit Material unterstützt. In Switlodarsk, wo die Kriegsverwundeten von Debalzewo behandelt wurden, haben wir Pakete zur Verfügung gestellt, die jeweils für 50 Verwundete reichten. Wann immer sie etwas brauchten, riefen sie an. Wir klärten mit den Armeeeinheiten, wann wir das Material bringen können und so schafften wir immer wieder Verbandspakete hin, insgesamt 100. Sie reichten für 5000 Verletzte."

 

Der Chefarzt Genadi Gurschij vom Krankwenhaus Switlodarsk (Deutschlandradio / Sabine Adler)Der Chefarzt Genadi Gurschij vom Krankwenhaus Switlodarsk (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Der Menschenrechtler Pawel Lysianskyi hat in den vergangenen Wochen immer wieder das Krankenhaus von Switlodarsk besucht. Denn er wollte den Ärzten helfen in ihrem Kampf für ihre Gehälter. Ein Jahr lang haben ausgerechnet sie, die an vorderster Front ihren Mann bzw. Frau standen, kein Geld bekommen. Für den Klinikdirektor Genadi Gurschij ein Grundzum Verzweifeln.

"Ich bin nur noch unterwegs, um irgendwelche Papiere zu den Behörden zu bringen, aber unsere Gehälter haben wir immer noch nicht bekommen. Und das wird in diesem Jahr wohl auch nichts mehr."

Als der Klinikdirektor im Dezember von dem Kampf gegen die ukrainischen Behörden berichtete, hatte er Recht. Erst seit dem neuen Jahr bekommen Ärzte und Schwestern nun wieder Geld. Die schwierigen Lebensumstände, vor allem aber die ständige Bedrohung durch die Kampfverbände auf beiden Seiten machen die Menschen krank, sagt der Klinikchef, der selbst müde und abgezehrt aussieht.

"Wir haben das Krankenhaus zu keinem Zeitpunkt geschlossen. Nach den schweren Gefechten von Debalzewo wurde ja auch die Stadt beschossen. Da gab es nicht mehr nur verwundete Soldaten, sondern auch verletzte Einwohner. Die Kranken leiden vermehrt unter Bluthochdruck, es gibt viele Schlaganfälle nicht nur bei älteren Patienten, Herzinfarkte, die leider auch tödlich ausgehen."

Herzinfarkte, Schlaganfälle, Depressionen, Alkoholvergiftungen häufen sich. Schwangere Frauen, die in den Separatistengebieten leben, kommen zur Geburt auf ukrainisches Gebiet, zum Beispiel nach Bilowodsk. Die 28-jährige Julia Majurkina aus der sogenannten Volksrepublik Lugansk hat in Bilowodsk ihre Tochter Jana zur Welt gebracht.

"Ich habe in Lugansk geheiratet, aber beschlossen, auf ukrainischem Gebiet zu leben.Dort kann man kein Kind großziehen, alles ist unklar, die Gehälter, Sozialhilfe. Hier ist es besser, einfacher und vor allem vertrauenswürdiger."

Die junge Mutter, die ihre Tochter im Arm hält, hatte Glück. Ihr Mädchen, blond wie sie, ist ein zartes Kind, aber gesund. Anders der kleine Junge auf der Station für Frühchen. Die Säuglingsschwestern werden den Kampf um sein Leben verlieren, sagt Stationsärztin Sinaida Kusmenko. Sofort nach der Entbindung kam er in einen Brutkasten.

"Der Junge wiegt ein Kilogramm. Er wurde in der 28. Woche geboren. Er ist zehn Tage alt. Das Mädchen dort ist etwas größer, sie schafft es bestimmt. Wir haben sehr viele Frühgeburten und gar nicht die Technik dafür."

Der Junge hat es nicht geschafft. Auffallend viele Kinder kommen zu früh zur Welt. Der Krieg, die Strapazen, wenn sie von dem besetzten ins ukrainische Gebiet wollen, stressen die werdenden Mütter. Ihre Wehen setzen zu früh ein. Bilowodsk hat nur zwei Brutkästen, beide Inkubatoren sind museumsreif. Dringend werden neue Geräte samt Lungenmaschine benötigt. Statt Hilfe zu organisieren, verwehren die Verantwortlichen in den sogenannten Volksrepubliken vielen Helfern aus dem Westen den Zutritt. Und auch Kiew unternimmt lange nicht genug, um die Not der Menschen im Konfliktgebiet zu lindern.

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