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AlltagsrassismusRassistischer Retterkomplex

"Unter Weißen" heißt das Buch, das Mohamed Amjahid geschrieben hat. Er erzählt darin, wie er in Deutschland täglichen Rassismus erlebt. Weil er anders aussieht, als die meisten anderen und einen fremd klingenden Namen trägt. Amjahid ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, seine Eltern stammen aus Marokko. Er ist Journalist bei der ZEIT.

Von Frederik Rother

Cover - Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" (Hanser Berlin / picture alliance / dpa / Paul Zinken / )
Cover - Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" (Hanser Berlin / picture alliance / dpa / Paul Zinken / )
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Mohamed Amjahid: "Unter Weißen" Der Rassismus der Gutmenschen

Mohamed Amjahid: "Unter Weißen" Wie Alltagsrassismus ein Leben prägt

Am Ende des Buches von Mohamed Amjahid gibt es ein Quiz unter dem Titel: "Der ultimative Selbsttest: Wie weiß sind Sie?" Die erste Frage: "Was denken Sie spontan, wenn Sie das Wort 'Ausländer' hören? A: Gegen die habe ich nichts, aber…; B: Die müssen sich mit unseren christlich-jüdischen Werten endlich abfinden. Das wird man doch mal sagen dürfen; C: …raus!; D: Das Wort ist so was von Neunziger!"

Amjahid - Ende 20, Sohn marokkanischer Gastarbeiter, in Deutschland geboren - würde mit D antworten: "Das Wort ist so was von Neunziger!" Dass viele Deutsche auch die Varianten A bis C gewählt hätten, stört Amjahid. Für ihn ist das Ausdruck eines tief verwurzelten, institutionellen Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Den will er mit seinem Buch beleuchten und ergründen - er will die gesellschaftliche Debatte.

Klischees, Vorurteile, Diskriminierung

Amjahid richtet sich vor allem an die Deutschen ohne Migrationshintergrund - oder wie er es nennt: "Biodeutsche". Er möchte ihnen den Spiegel vorhalten, alltägliche Abwertungen und rassistische Redewendungen aufzeigen und Beispiele liefern, die für Menschen wie ihn, die äußerlich nicht dem klassisch weißen Europäer entsprechen, alltäglich sind:

"Wenn ich mich zum Beispiel in der U-Bahn neben eine Frau setze und sie plötzlich ihre Tasche fest umklammert. Wenn mich schon wieder ein Polizist am Bahnhof zur Routinekontrolle herauspickt. Oder wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung gegen eine Bafög-Empfängerin aus Schwaben den Kürzeren ziehe und mir die Maklerin danach am Telefon erklärt: 'Ich habe Ihren Namen gesehen und dachte, Sie seien arbeitslos.'"

Das Klischee des gefährlichen und faulen Nordafrikaners - Vorurteile, so Amjahid, mit denen auch seine marokkanischen Eltern schon konfrontiert wurden. Die kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter. Mitte der Neunziger Jahre kehrte die Familie resigniert nach Marokko zurück. Die Eltern waren es leid, trotz ihrer Integrationsbemühungen bis zuletzt als "Ausländer" deklariert und als "anders" wahrgenommen zu werden.

"Rassismus muss man sich leisten können"

Mohamed Amjahid kehrt erst zum Studium wieder zurück nach Deutschland - seitdem lebt und arbeitet er hier. Für ihn sind die eigenen rassistischen Erfahrungen wie auch die seiner Eltern keine Zufälle - er vermutet dahinter ein System, das vorwiegend auf Privilegien basiert:

"Damit meine ich Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen, die einen Menschen überhaupt erst in die Lage versetzen, über sich, aber eben auch über andere Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel, ob ein Kind auf ein Gymnasium oder auf eine Hauptschule gehen soll. Ob ein Mensch eine Wohnung bekommt. Oder ob ein Migrant mit Respekt behandelt wird. Privilegien können subtil, unsichtbar, selbstverständlich sein. […] Aber eines ist klar: Nur wer relativ zu anderen privilegiert ist, kann überhaupt rassistisch handeln. Oder anders gesagt: Rassismus muss man sich erst mal leisten können."

Diesen Alltagsrassismus, begründet durch Privilegien, macht Amjahid in elf kurzen Buchkapiteln sichtbar.

Stereotype in den Medien

So schreibt er zum Beispiel über die sogenannte "Andersmachung" von Menschen, also wenn die gesellschaftliche Mehrheit die Minderheit pauschal mit bestimmten Attributen belegt: Alle Nordafrikaner klauen, Muslime sind frauenfeindlich, man kennt sie ja, die Türken, die Schwarzen, die Ausländer. Amjahid kritisiert diese binäre Konstruktion, die aus "wir" und den "anderen" besteht, täglich angewendet wird und Vorurteile und Klischees befeuert. Er nimmt dabei auch die Medien in die Pflicht, die viele dieser Stereotype undifferenziert übernehmen und verbreiten würden.

Dem bundesdeutschen Medienbetrieb - dem er als ZEIT-Journalist selbst angehört - widmet Amjahid ein weiteres spannendes Kapitel. Hier sei das Problem vor allem: Homogenität.

"Geschichten über Rassismus oder Sexismus kommen […] automatisch ungenügend in der Berichterstattung vor oder werden mit einem eklatanten Unwissen oder einer unbedarften Ungeschicktheit behandelt. Reportagen aus dem Ausland haben oft etwas von einem, wie ich es nenne, Peter-Scholl-Latour-Blick: Weiße Männer beschreiben exotische Kulturen und fremde Völker."

Von Kolonialbegriffen geprägte Sprache

Das Problem in den Redaktionen des Landes bestehe darin, dass es kaum Journalisten mit Migrationshintergrund gibt, meint Amjahid. Ein Großteil der Chefredakteure und Entscheider sei weiß und männlich, die gesellschaftliche Realität und Vielfalt werde nicht abgebildet. Diese Homogenität leiste wiederum rassistischen Klischees Vorschub.

"Bei einer linken Tageszeitung wurde ich im Jahr 2009 mit einem 'Hallo Ahmadinedschad' begrüßt. Ein wildfremder Ressortleiter nannte mich wie den damals offiziell auserkorenen Chef der 'Achse des Bösen'. [...] Bei einer großen Lokalzeitung wurde ich einige Jahre später auf dem Flur von einem Kollegen als 'Hipster-Salafist' bezeichnet. [...] [Ein leitender Redakteur meinte mal]: 'Ach, Sie sind der neue Araber! Kommen Sie irgendwann in mein Büro, ich würde Ihnen gerne mal ein paar Dinge erklären.'"

Rassistische Erfahrungen, die exemplarisch sind, die aber vermutlich viele Deutsche mit Migrationshintergrund kennen. Im Gegensatz zu den Biodeutschen, denen solche Sprüche unbekannt sein dürften.

Amjahid nähert sich in seinem Buch dem Thema Alltagsrassismus von vielen Seiten. Er diskutiert über rassistische, von Kolonialbegriffen geprägte Sprache, fragt sich, warum er mit seinem marokkanischen Pass kaum visumfrei reisen kann und er schreibt fast schon essayistisch über Ungarn und Frankreich - zwei Länder, die mit ihrem Antisemitismus- bzw. Antiislam-Kurs beispielhaft für Europa 2017 stünden, wie er meint.

Den Weißen den Spiegel vorhalten

Und Amjahid erzählt vom weißen Retterkomplex, wenn ihm Biodeutsche paternalistisch erklären, wie man Seife oder Radwege benutzt - weil sie ihn für einen Flüchtling halten. Helfen würde hier:

"Die Bereitschaft, auf Augenhöhe zu kommunizieren, nicht ständig in Klischeebildern und Opferrollen zu denken und vor allem den in der Tat Hilfsbedürftigen [Flüchtlingen] einfach mal aufmerksam zuzuhören."

Amjahid zeigt, wie Menschen, die sich für aufgeklärt und tolerant halten, rassistisch denken und agieren. Damit erreicht er sein Ziel, den Weißen den Spiegel vorzuhalten. Aber er schafft es darüber hinaus kaum, Lösungsansätze zu präsentieren. Vielmehr wirkt seine Kritik an einigen Stellen pauschal und manchmal ebenso undifferenziert wie die Vorurteile, die er anprangert. Trotzdem: Das flott geschriebene Buch regt zum Nachdenken an. Es führt dazu, die eigenen Privilegien kritisch zu hinterfragen und sich über alltäglichen Rassismus in einer multiethnischen Gesellschaft wie der deutschen Gedanken zu machen. Denn für Amjahid ist klar: Rassismus im Alltag ist die Grundlage für Hass, Angst und - im schlimmsten Fall - Terror.

Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein"
Verlag Hanser Berlin, 192 Seiten, 16 Euro.

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