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StartseiteBüchermarkt"Mir geht es um persönliche Eindrücke"11.05.2015

Alpenführer Bene Benedikt"Mir geht es um persönliche Eindrücke"

In seiner "Gebrauchsanweisung für die Alpen" schreibt der erfahrene Berggeher, Skiläufer und Chefredakteur der Zeitschrift "Alpin" Bene Benedikt in 20 Kapiteln von Mensch über Tier und Geist, Dirndl und Hütte, Gletscher, Wein, Käse und Helden am Berg. Er selbst nennt sein Buch eine Liebeserklärung an die Alpen.

Von Sandra Hoffmann

Der Schattenberg im Oberallgäu in der Nähe von Oberstdorf (imago/westend61)
Der Schattenberg im Oberallgäu in der Nähe von Oberstdorf (imago/westend61)

Bene Benedikt:

"Eine Gebrauchsanweisung für die Alpen geht natürlich nicht nach dem Prinzip der Vollständigkeit. Ich habe nicht in Wien angefangen und in Nizza aufgehört."

Sagt Bene Benedikt im Gespräch darüber, wie man eigentlich so eine Bestandsaufnahme, so eine Art Alpenalphabet schreiben kann, wenn doch diese Alpen aus acht Alpenländern und 200.000 Quadratkilometern Fläche bestehen:

"Ich stamme aus dem Allgäu, ich bin in Füssen groß geworden, mit Blick auf die Berge und das prägt einen natürlich. Von daher geht mein Blick von Norden aus auf die Alpen, und ist nicht vollständig, aber fußt natürlich auf vielen, vielen Jahren Erfahrung auf vielen Gipfeln, auf vielen Wegen."

Benedikt ist ein erfahrener Berggeher und Skiläufer und als Chefredakteur der Zeitschrift "Alpin" auch ein erfahrener Schreiber. Sein Alpenführer verhandelt in ungefähr zwanzig unterhaltsam geschriebenen Kapiteln zwischen Einstieg und Abstieg alles von Mensch über Tier und Geist, Dirndl und Hütte, Gletscher, Wein, Käse, und Helden am Berg: Es ist Bekanntes und Überraschendes dabei und zuweilen auch ziemlich Ernüchterndes, ob der Erzählungen über schlaflose Nächte wegen der Schnarcher in Hüttenlagern und verstörender Einsamkeitsanfälle von Städterinnen, die sich den Sommer über als Sennerin versuchen, und, wie es heißt, bald an ihre Grenzen stoßen, weil sie sich dort oben auf der Alm nur noch mit Vierbeinern austauschen können.

Ist diese Gebrauchsanweisung also in gewissem Sinne auch ein Alpenabschreckungsbuch?

"Das wäre ja furchtbar, also man schreibt doch nicht eine Liebeserklärung über die Alpen, um dann nachher zu hören: Na, so wie Du das schreibst, will ich da gar nicht hingehen. Aber wenn man in einem Lager liegt als Nichtschnarcher, jeder ist Nichtschnarcher, wo dann doch einer Krach macht, dann hat man schon das Gefühl, man möchte doch irgendwo anders sein. Aber das muss einen nicht abschrecken, dieses Abenteuer Hütte, oder Abenteuerlager einfach mal auf sich zu nehmen."

Mal einfach über den Dingen stehen

"Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich näherte mich den Gebirgen, die sich nach und nach entwickelten", zitiert Benedikt Goethe auf seiner italienischen Reise, und lässt ihm Josef Svatopuk Machar, der auch unter den Pseudonymen Prof. Dr. Čeněk Folklor, Antonín Rousek oder Leo Leonhardi zu Beginn des 20. Jahrhunderts als tschechischer, sogar ins Deutsche übersetzter Dichter bekannt war, widersprechen: "Ich begreife nicht, wie diese Alpengegenden jemandem gefallen können ... nirgends ein weiter Horizont und Sonne stellenweise, nur wie ein geduldeter Eindringling – eine widerwärtige Landschaft."

Ben Benedikt:
"Man steigt wahrscheinlich deshalb auf Berge, weil es irgendwo in der menschlichen Natur angelegt ist. Wenn man Kinder vor ein paar Felsbrocken setzt, dann wollen die da raufkraxeln, egal wie, und mal hinaufgehen, mal einfach über den Dingen stehen, ist eine großartige Erfahrung. Mir geht es nicht um große Gipfel, um große Namen, sondern um die persönlichen Eindrücke, um meine Erlebnisse im Gebirge.

Benedikt führt durch Attraktionen wie Almabtriebe und Viehscheiden, erklärt die Aufgaben und Nöte von Alpen- und Tourismusverbänden, erzählt, was große internationale Gegenwartskunst-Projekte, wie Arte Sella im Trentino können, und dass inzwischen auch in den Bergen Themenwege oder Erlebniswälder angelegt werden. Mit welchem Mehrwert eigentlich?

"Das ist eine ganz schwierige Frage, weil das Dilemma zwischen Arbeitsplätzen und der Bewahrung der Natur oder 'der guten alten Zeit' betrifft natürlich die Alpen sehr viel mehr, als das flache Land. Themenwege sind eine moderne Erscheinung über die ich manchmal nur staunen kann, weil ich mir denke, wen interessiert so ein alberner Weg, aber der Erfolg gibt den Themenwegen recht, und deswegen sind sie gut. Wenn Themenwege Menschen dazu bringen, dass sie sich die Natur genauer anschauen, dass sie wachen Auges, offenen Herzens durch die Berge gehen, dann ist das doch eine klasse Sache."

Persönlicher Bezug zum Berg aufbauen

Und mal ganz abgesehen vom Leben der Murmeltiere, von der möglichen Begegnung mit Trachtenträgern, von der anscheinend gemütserhellenden Wirkung von Gletscherbesteigungen, von Salonbädern in 3.000 Meter hoch gelegenen Schutzhütten, die quasi mitten auf der Skipiste liegen, von geschichtsträchtigen Orten, wie Mezzegra am Comer See, wo 1945 Mussolini erschossen wurde, und wo heute einer der wichtigsten Qualitätssicherer für italienisches Olivenöl wohnt: Anregungen für Orte, die man in den Alpen besuchen kann, gibt es in Benedikts Buch mehr als genug. Aber wo soll eigentlich jemand hinauf gehen, der noch nie auf dem Berg war?

"Das muss nicht die Zugspitze sein. Als Deutschlands höchster Berg hat die Zugspitze natürlich einen besonders großen Namen, sie hat vier große Zugänge, man kann sich je nach dem persönlichen Können, den richtigen Zugang wählen, man hat immer großartige Eindrücke an der Zugspitze, aber einen Berg auszusuchen, den ich mit meiner rheinischen Verwandtschaft als ersten Berg besteigen würde und der in Deutschland liegt - es geht darum, dass man eine persönliche Beziehung zu dem Berg, zu dem Gipfel versucht aufzubauen, ja das schaut schön aus, dann kann man sich erkundigen, wie ist der Weg dort hinauf, und dann erfährt man, ja das sind zwei Stunden, drei Stunden, nicht zu schwer, und das ist dann der Berg, der dann einem gehört und da würde ich rauf gehen.

Bene, Benedikt:
Gebrauchsanweisung für die Alpen, Piper Verlag, 224 Seiten, 14,99 Euro

 

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